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Klare Worte gegen Rassismus

Seit wann gibt es die Cadernos Negros (CN)?

Die CN wurden 1978 von einer Gruppe von Autoren um Cuti gegründet. Die Gruppe nannte sich später Quilombhoje (etwa: „Dörfer geflüchteter Sklaven heute“) und Cuti gilt heute als einer der bedeutendsten afrobrasilianischen Schriftsteller. Der erste Band zirkulierte unter der Hand, doch schon mit der zweiten Nummer ein Jahr später wurde die Verteilung perfektioniert. Heute erscheinen die CN jährlich – Gedichte und Kurzgeschichten im Wechsel – und wir erreichen eine Auflage von über 23.000 Stück.

Quilombhoje erhält weder Geld vom Staat noch von NRO. Wie organisiert sich das Projekt?

Quilombhoje übernimmt einen Teil der Kosten der CN, der andere Teil wird von den AutorInnen getragen. Es sind der Wille und die Spenden der Mitglieder, die das Projekt am Leben erhalten. Die Auswahl der Texte erfolgt unter Pseudonym, so dass jedem und jeder die gleiche Chance eingeräumt wird. Leider ist es bisher immer noch so, dass es viel mehr Autoren als Autorinnen gibt. In der aktuellen Ausgabe sind nur zwei Frauen dabei.

Wer sind diese AutorInnen und wer ist die Leserschaft?

Die CN sind speziell von AfrobrasilianerInnen für ihresgleichen gemacht. Zwar haben wir auch eine interessierte weiße Leserschaft, doch sie ist in der Minderheit. Alle unsere AutorInnen haben afrikanisches Erbe, und das ist äußerst wichtig. Ein besonderer Verdienst der CN ist, dass Schwarze den Stift in die Hand nehmen und aktiv werden. Dabei fungieren sie nicht, wie es lange in der brasilianischen Literatur üblich war, ausschließlich als passive literarische Figur – romantisiert und vorurteilsbelastet dargestellt aus weißer Sicht. Nur wer in Brasilien mit einer dunklen Hautfarbe aufgewachsen ist, kann die spezifischen Probleme verstehen, mit der sich die afrobrasilianische Gemeinde konfrontiert sieht – und diese auch zu Papier bringen.

Welche Probleme sind das?

Zuvorderst der alltägliche offene wie auch subtile Rassismus mit all seinen Folgen. Schwarze Menschen gelten in Brasilien immer noch als minderwertig, als nicht zukunftsfähig und unattraktiv. Wir bekommen ein enormes Misstrauen zu spüren. Ein klassisches Beispiel: In den meisten gutsituierten brasilianischen Hochhäusern gibt es zwei Fahrstühle: Einer für die – zumeist weißen – BewohnerInnen und ein anderer für das Dienstpersonal. Betreten nun AfrobrasilianerInnen den „guten“ Fahrstuhl, kommt es vor, dass sie vom Portier aufgefordert werden, den anderen zu benutzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Personen als BesucherInnen gekommen sind, oder sogar selber in dem Haus wohnen: Aufgrund der dunklen Haut wird automatische darauf geschlossen, dass sie zum – natürlich schlechtbezahlten – Dienstpersonal gehören.

Und diese Thematik findet Eingang in die literarischen Texte?

Genau. In ihren Kurzgeschichten und Gedichten versuchen die AutorInnen, den Rassismus zu entlarven und sichtbar zu machen. Schmerzvolle und erniedrigende Situationen werden künstlerisch aufgearbeitet oder als Protest formuliert. Die Literatur ist Ausdruck unseres Widerstands. In den CN wird das afrikanische Erbe, das so lange mit Füßen getreten wurde, für die Gemeinschaft aufgewertet. So integrieren viele AutorInnen afrikanische Ausdrücke, etwa aus dem Yorubá, in ihre Werke. Das brasilianische Portugiesisch ist von Sprachen aus Afrika stark beeinflusst worden, leider wird das bisher nicht ausreichend anerkannt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die positive Hervorhebung der spezifischen afrobrasilianischen Schönheit – entgegen dem herrschenden blonden und blauäugigen Ideal.

In welchem Sinne?

Viele Frauen ziehen sich die krausen Haare mit heißen Eisen und viel Chemie in einer schmerzhaften Prozedur glatt. Es gibt Kinder, die versuchen, sich ihre Haut mit Scheuermilch zu „bleichen“, nachdem sie in der Schule wieder einmal beleidigt wurden. Dem wollen wir entgegenwirken. Unsere LeserInnen erkennen sich in den Texten wieder und finden in ihnen oft persönliche Lösungen und Solidarität. Das macht die CN so wichtig und stärkt das Selbstwertgefühl unserer Gemeinschaft. Unser Leitsatz ist der des amerikanischen Aktivisten Marcus Garvey: „Ein Volk, das nicht seine Geschichte, seinen Ursprung und seine Kultur kennt, ist wie ein Baum ohne Wurzeln.“

Lässt sich afrobrasilianische Literatur auch bei herkömmlichen Verlagen publizieren?

Speziell schwarze AutorInnen haben es schwer, in Brasilien zu publizieren. Die großen Verlage haben kein Interesse an „schwarzer“ Literatur und ein entsprechender Absatzmarkt ist rar. Durch die starke ökonomische Benachteiligung können sich viele AfrobrasilianerInnen die Bücher nicht leisten, zudem gibt es in unserer Gemeinde leider immer noch viele Analphabeten. Doch es gibt auch Positives. So haben inzwischen afrobrasilianische Werke Eingang in die Literaturkritik gefunden und werden an Universitäten diskutiert. Diese Diskussion ist kontrovers. Dass „schwarze Literatur“ als eigene Gattung hervorgehoben wird macht überdeutlich, wie gespalten zwischen Schwarz und Weiß die Gesell-schaft des Landes ist. Warum gilt unsere Literatur nicht einfach als brasilianisch, sondern bedarf eines speziellen Namens? Trotzdem sind wir stolz, uns einen eigenen literarischen Raum geschaffen zu haben, in dem unsere Stimmen und Werte zählen. Das ist das Wichtigste.

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