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Kohlendreck an den Stiefeln

¡Atención! Auch wenn es martialisch klingt, in den Wiener Lateinamerika-Jahrbüchern werden keine Kommandos gebellt, sondern wird analytische Qualität geliefert. So widmet sich das Jahrbuch 2008 dem Thema Geschichtspolitik. Diesem Begriff, der durch den bundesdeutschen Historikerstreit in den 1980er Jahren gängig wurde, hängt nach wie vor etwas Abschätziges an. „Geschichtspolitik“ betreibt nach landläufigem Verständnis, wer politische Ziele verfolgt und in seiner Argumentation dabei missbräuchlich mit historischen Referenzen arbeitet. Hinter der Kritik am Begriff steckt zum einen die Auffassung, Menschen könnten Geschichte betreiben, ohne damit zugleich etwas in der Gegenwart erreichen zu wollen – und zum anderen der Anspruch, politischer Streit solle gefälligst ausgetragen werden, ohne auf Geschichte zuzugreifen. Das erste ist illusorisch, das zweite unrealistisch, denn selbstverständlich legitimiert sich politisches Handeln immer auch durch historische Erfahrung.
Dieser Überzeugung, die sich – anders als in der Öffentlichkeit – in der Geschichtswissenschaft längst durchgesetzt hat, hängen auch die Herausgeber des Bandes Vielstimmige Vergangenheiten – Geschichtspolitik in Lateinamerika an. Berthold Molden unternimmt in seinem Beitrag diesbezüglich eine sorgfältige Begriffsbestimmung, die auch über den Lateinamerika-Bezug hinaus von Interesse ist. Geschichtspolitik definiert Molden als „jedes gesellschaftliche Handeln, das sich wesentlich auf historische Referenzpunkte stützt und/oder die Deutung von Geschichte zu beeinflussen sucht“. So allgemein gefasst, unterscheidet er sich damit von der konkreteren „Vergangenheitspolitik“ (die staatliches Handeln in Bezug auf überstandene Großkrisen wie Kriege oder Diktaturen bezeichnet) und von der „Erinnerungspolitik“ (dem Kampf um Meistererzählungen, der zwischen Gemeinschaften, auch und gerade nicht-staatlichen, ausgetragen wird).
Gerade für das Lateinamerika-Gedenkjahr 2010 (mit mehreren 200. Jahrestagen der ersten Unabhängigkeitserklärungen und dem 100. Jahrestag der Mexikanischen Revolution) lohnt es, sich mit einem gewissen Rüstzeug auszustatten. Dafür hält der Band anregende Beiträge bereit, zum Beispiel die Überblicksuntersuchungen zur Geschichtspolitik der Linken (David Mayer) wie der Rechten (Mario Sznajder). Mayer stellt die gängigen Marksteine linker Geschichtspolitik von den ersten sozialemanzipatorischen Ansätzen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum zapatistischen Aufstand in den 1990er Jahren in einen plausiblen Zusammenhang. Ob nun kommunistische Strömungen in den 30er Jahren, die sich auf die Inkas berufen, ob die Erinnerungen des salvadorianischen Aufständischen Miguel Mármol, die der Schriftsteller Roque Dalton Anfang der 1970er Jahre aufzeichnete, oder die Selbstbezeichnungen lateinamerikanischer Guerilla-Formationen wie Tupamaros, SandinistInnen, oder ZapatistInnen – allen ist gemein, dass sie sich durch ihre geschichtspolitischen Bezüge nicht so sehr als Opfer, sondern als aktiv Handelnde beschreiben. Sie deuten sich als ErbInnen von Vorbildern, die für gesellschaftlichen Wandel, für aktiven Selbst-Einsatz standen. Und unterstreichen damit, dass sie solchen Wandel grundsätzlich für wünschenswert halten, was sie von den Konservativen deutlich unterscheidet.
Auf drei der 13 Beiträge sei gesondert hingewiesen. Der in Köln lehrende Lateinamerikahistoriker Michael Zeuske, der sich in seinen Publikationen stets durch stupende Detail- und Quellenkenntnis auszeichnet, hat einen Beitrag zum Kult um Simón Bolívar geliefert. Wie ist es zu erklären, dass sich dieser Kult schon so lange hält, dass auch heute noch Venezuelas Präsident Hugo Chávez mühelos daran anknüpfen kann? Sicherlich spielt es eine Rolle, dass Bolívar zur Selbstverherrlichung neigte und dass ihm ergebene Zeitgenossen fleißig am Mythos zu stricken begannen. Die Haltbarkeit erklärt sich nach Zeuske jedoch weniger durch die „diskursive Eigenständigkeit von Texten, Mythen, Ritualen, Worten und Bildern, sondern eher in der extremen Persistenz sozialer und struktureller Probleme …“ Würde sich an diesen etwas ändern, so lässt sich schlussfolgern, dann hätte auch der Bolívar-Mythos (dessen realen Kern Zeuske zuvor ordentlich eingedampft hat) endlich einmal ausgedient.
Der in Wien und Münster lehrende Soziologe und Kunsthistoriker Jens Kastner untersucht in seinem Beitrag „Kunst als erinnerungspolitisches Medium“. Kastner führt eine lebendige und zutiefst politische Kunstszene vor Augen, die auch international Resonanz erzeugt. So war die Aktion des guatemaltekischen Künstlers Aníbal Asdrubal López Juárez „30. Juni“ auch auf der 49. Biennale von Venedig sowie einer Wiener Ausstellung mit Fotos dokumentiert. López Juárez hatte am Vorabend des guatemaltekischen Nationalfeiertags im Jahr 2000 sechs Säcke mit Kohle quer über die 6. Avenida verschüttet, jene Promenade, über die unweigerlich die Paraden marschieren würden. Zwar wurde die Kohle vor dem Aufmarsch wieder eingesammelt – der von den Soldaten breitgetretene Staub jedoch erinnerte die ZuschauerInnen an die verkohlten Reste dessen, was das Militär während des Bürgerkriegs oft von den überfallenen Siedlungen übrig gelassen hatte.
In einem analytischen Beitrag geht der Zürcher Lateinamerikahistoriker Stephan Scheuzger der Frage nach, wie die zahlreichen Wahrheitskommissionen – Chile, Argentinien, El Salvador, Guatemala und andere – dadurch geprägt wurden, dass zeitgleich zu ihrer Arbeit sich eine Expertengemeinschaft herausgebildet hat, deren Wissen an der Kommissionsarbeit beteiligt war. Scheuzger kommt zu einem ambivalenten Ergebnis. Zum einen unterstützen die Experten die Entstehung neuer „Erinnerungsgemeinschaften“, zum anderen sorgten sie aber auch für eine Standardisierungstendenz beim Umgang mit belasteter Geschichte – worüber sich, so Scheuzger, die Experten selbst kaum bewusst seien.
Auch das Jahrbuch 2009 beschäftigt sich mit geschichtlichen Themen. Herausgegeben von Jens Kastner und Tom Waibel, untersucht es soziale Bewegungen und kulturelle Praktiken im Zusammenhang. Wie eng beides tatsächlich zusammengehört, zeigen die Herausgeber gleich am Beginn: Dass Hernán Cortés (und auch Kolumbus!) sich selbst gegenüber den Indigenen als Götter ausgaben, gelang ihnen durch kulturelle Techniken, über die ihr Gegenüber jeweils nicht verfügte – was zu ihrem Sieg ganz entscheidend beitrug. Kultur als Prozess unterscheidet sich so verstanden kaum vom Sozialen, sondern beinhaltet nur eine andere Perspektive auf dasselbe Phänomen. Von ganz unterschiedlicher Seite nähern sich die Beiträge diesem Anliegen: Film, Literatur, Kunst, Stadtteilbewegungen, Telenovelas, Karneval und das Internet sind einige der untersuchten Medien, derer sich Menschen bedienen, die an ihrer sozialen Lage etwas ändern wollen.

Berthold Molden, David Mayer (Hg.) // Vielstimmige Vergangenheiten – Geschichtspolitik in Lateinamerika. ¡Atención! Bd. 12 // 322 Seiten // Berlin Münster Wien 2008 // 24,90 Euro

Jens Kastner, Tom Waibel (Hg.) // … mit Hilfe der Zeichen / por medio de signos … Transnationalismus, soziale Bewegungen und kulturelle Praktiken in Lateinamerika. ¡Atención! Bd. 13 // 281 Seiten // Berlin Münster Wien 2009 // 24,90 Euro

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