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Kollektiv gegen die Krise

Eine Eigenschaft der Finanzkrisen besteht darin, dass sie den Unternehmern immer die Argumentation erleichtert, um Gehaltskürzungen, Stellenabbau oder gleich die Schließung der Unternehmen zu rechtfertigen, die durch einen Ertragsrückgang unrentabel geworden sind. Da Argentinien bereits 2001/2002 vor dem finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenbruch stand, sind zahlreiche ArbeiterInnen des Landes schon einen Schritt weiter und bieten Anschauungsunterricht wie Produktionsstätten in kollektiver Anstrengung wieder aufgebaut und/oder fortgeführt werden können. Prominentestes Beispiel ist hierfür die Keramikkooperative FASINPAT, ehemals Zanón, die seit dem 1. Oktober 2001 ihre Fabrik besetzt hält. Inzwischen arbeiten hier 500 Menschen, 50 Prozent mehr als vor der Besetzung, und weitere 5.000 indirekte Arbeitsstellen konnten durch die Kooperative gehalten oder neu geschaffen werden. ArbeiterInnen verschiedener Unternehmen, in der Produktion und im Dienstleistungssektor, sind seither den gleichen Weg gegangen. Vor dem Hintergrund der sich weltweit verschärfenden kapitalistischen Krise griffen und greifen sie auf die Erfahrungen der letzten Jahre zurück und befinden sich nun in der Situation, der eigenen Arbeitslosigkeit und der daraus entstehende Not präventiv zu begegnen.
So kam es seit Ende 2008 erneut zu zahlreichen Fabrikbesetzungen und Neueröffnungen der Anlagen durch deren ArbeiterInnen. Unter diesen befinden sich etwa der Papierproduzent Massuh, der Teigproduzent Disco de Oro, die Grafikfirma Indugraff, die heute Kooperative 10. Dezember heißt und Schulbücher herstellt, die Textilkooperative Quilmes Ltda, der Schokoladenproduzent Arrufat, der in Kooperative Vivise umbenannt wurde, oder auch der Keramikhersteller Cerámicas del Sur, der sich nicht nur lokal gesehen in der Nachbarschaft der berühmten Keramikkooperative FASPINAT befindet. Denn wo irgend möglich, versuchen die ArbeiterInnen der besetzten Fabriken, sich auch untereinander zu vernetzen, Kenntnisse auszutauschen und in der Produktionskette aufeinander zurück zu greifen.

Oft werden Fabriken wegen ausstehender Gehälter besetzt.

Die Gründe für eine Fabrikbesetzung sind vielfältig: Oft sehen sich die ArbeiterInnen zu diesem Schritt gezwungen, weil ihnen ihre Gehälter über mehrere Monate hinweg nicht ausgezahlt werden oder weil die BesitzerInnen die Fabrik ausräumen wollen, was im Allgemeinen kurz vor der offiziellen Bankrotterklärung geschieht. In diesem Sinne äußerte sich auch Jorge, ein Arbeiter der Firma Disco de Oro gegenüber der Zeitschrift El Mortero: „Sie gaben uns immer nur sehr wenig Geld, niemals den ganzen Monatslohn, sie zahlten uns den Lohn in Raten. Die Zahlungen verspäteten sich immer mehr, irgendwann schuldeten sie uns das Gehalt von fünf oder sechs Monaten, aber wir ertrugen diese ganze Situation, weil der Chef sagte, der Firma ginge es schlecht und sie sei nicht rentabel.“ Heute steht Disco de Oro am Anfang eines langen Prozesses. Es werden täglich 18.000 Empanadas (Teigtaschen) produziert und die 15 ArbeiterInnen kommen damit über die Runden – auch wenn sie den Strom für die Produktion im Moment noch von einem Nachbarn bekommen, weil die Stromversorgung der Fabrik gesperrt ist.
Viele der besetzten Fabriken besitzen einen großen Rückhalt in der Nachbarschaft ihres Viertels. Mit der nachbarschaftlichen Gemeinschaft führen sie soziokulturelle Aktivitäten durch, weshalb sich die besetzten Fabriken nicht nur als Möglichkeit präsentieren, eine Ertragsquelle in einem Kontext der Armut und Arbeitslosigkeit zu erhalten, sondern sich auch als Sinnstifter zeigen, die den zwischenmenschlichen Beziehungen einen Sinn für Solidarität zurückgeben und oft auch Produktivprojekte für diejenigen in die Wege leiten, die es am nötigsten haben.
Von Seiten der Regierung, die zwar eine gerechtere Verteilung des Reichtums ankündigt, faktischeaber weiterhin die multinationalen Konzerne bezuschusst, erhalten die besetzten Fabriken bisher keine ausreichende Unterstützung. So fehlt bislang ein Gesetz, dass die Enteignung durch die ArbeiterInnen legalisiert. Jorge von Disco de Oro äußert sich dahingehend: „Was ich vom Arbeitsministerium erwarte, ist, dass sie sich für unsere Situation einsetzen. Sie sollen begreifen, dass sie bloß einen Haufen Leute ohne Arbeit haben werden und ohne Möglichkeit, ihre Familien durch zu bringen, wenn unsere Projekte nicht anerkannt werden. An dieser Krise haben wir Arbeiter keine Schuld, sondern diejenigen, die das Geld einstecken.“
Wie die ArbeiterInnen der Kooperative FASPINAT, die weiterhin für ein Gesetz der definitiven Enteignung zu Gunsten der ArbeiterInnen und der Gemeinschaft kämpfen, kehren auch die ArbeiterInnen, die gerade damit beginnen, ihre Erfahrungen mit der Selbstverwaltung zu machen, nur selten zur Arbeit in kapitalistischen Betrieben zurück. Denn die Ausbeutung, die Organisation in hierarchischen Strukturen und die ausschließlich profitorientierte Arbeitsweise verhindern, die Kreativität der ArbeiterInnen und beschränken die solidarischen Beziehungen zwischen den ArbeiterInnen und der Gemeinschaft. Die ArbeiterInnen der selbst verwalteten Betriebe geben sich als kämpferisch und hoffnungsvoll. „Das ist eine einmalige Chance in meinem Leben, so eine Möglichkeit hat man kein zweites Mal. Was dabei herauskommen wird? Ich weiß, dass ich alles dafür geben werde, was nötig ist, und mehr. Denn auch wenn das hier nicht einfach ist, ist es trotzdem so viel schöner als sich immer dem Vorsatz des Chefs unterzuordnen. In dieser Geschichte liegt eine große Zukunft,“ erklärt Luis, der in der Grafikkooperative La Nueva Unión seit 20 Jahren arbeitet.
Die Hoffnung wächst und mit ihr die Zahl der Fabriken, die besetzt und in Eigenregie weitergeführt werden. Laut Schätzungen konnten sich über 150 der seit 2002 besetzten Fabriken halten. Der lange Prozess des Kampfes erlaubte der Mehrzahl dieser Kooperativen, einen großen Rückhalt in der Gemeinschaft zu schaffen und manchmal auch eine kleine Unterstützung von Seiten des Staates zu erhalten. Parallel dazu konnte in einigen Sektoren eine Übereinkunft erzielt werden, um Konkurrenz zwischen den Kooperativen zu vermeiden und Synergieeffekte zu erreichen. So begann der Grafiksektor vor drei Jahren über ein Netzwerk zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise konnte der technische Standard angehoben werden, die Kooperativen bekamen bessere Aufträge und konnten mehr verkaufen. Allerdings ist auch diese kollektive Produktionsform nicht per se gegen die Krise gefeit. Nach Meinung von José Orbaiceta, Vorsitzender des Verbands der Kooperativen Argentiniens Fecootra, „wird es zu einer Verschärfung der Situation kommen, zumindest in denjenigen Sektoren, die stärker von der Krise abhängen.“ Doch der Widerstand und der würdige Kampf der ArbeiterInnen ist vielleicht die beste Alternative zu einer Krise, die keine Chefs zu haben scheint, aber dafür immer dieselben Opfer.

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