Kolonialismus der Technokraten
Unternehmer Peter Thiel reist durch Südamerika – mit einer Mission

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Aber wer ist dieser Mann? Geboren 1967 in Frankfurt wandert Thiel bereits als Kind in die USA aus. Er studiert Philosophie und Jura in Stanford, wo er in den 1980er Jahren die konservativ-libertäre Zeitschrift The Stanford Review gründet. Sie sollte dem von ihm wahrgenommenen, progressiven Klima, das US-amerikanische Universitäten dominierte, ein Gegengewicht liefern.
Sein Durchbruch als Unternehmer gelingt ihm 1988 mit der Gründung von PayPal. Das Unternehmen, in das später Elon Musk eintritt, wird 2002 für 1,5 Milliarden Dollar an eBay verkauft und macht Thiel zum Millionär. Mit diesem Kapital startet er Projekte, die seinen Einfluss im Silicon Valley endgültig festigen sollten. Im Jahr 2003 gründet Thiel Palantir Technologies, ein auf Big Data und künstliche Intelligenz spezialisiertes Unternehmen, das mit Militär- und Sicherheitsbehörden der Vereinigten Staaten zusammenarbeitet. Ein Jahr später wird er mit einer anfänglichen Beteiligung von 10,2 Prozent zum ersten großen externen Investor von Facebook.
Um Thiel herum bildet sich nach und nach ein Netzwerk aus Unternehmern und Technologieinvestoren, die sogenannte PayPal-Mafia, die heute eine zentrale Rolle in der Politik und in der digitalen Wirtschaft der USA spielt. Peter Thiel gehört zudem zu den ersten großen Technologieunternehmern, die Donald Trump 2016 öffentlich unterstützten. Seitdem hat sein politischer Einfluss stetig zugenommen.
In einem Essay, der 2009 in der libertären Zeitschrift The Education of a Libertarian erschien, schrieb Thiel einen Satz, der heute zu großen Teilen seine politische Meinung widerspiegelt: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie kompatibel sind.“
Diese Grundsatzerklärung ist zu dem geworden, was heute unter dem Begriff „dunkle Aufklärung“ (oder Dark Enlightenment) bekannt ist: Eine reaktionäre und techno-libertäre Strömung, die liberale, demokratische Institutionen durch Regierungsformen ersetzen will, die von der hierarchischen Unternehmenslogik inspiriert sind. Angeführt werden sie von Techno-Eliten, die die Führungsrolle des Westens sichern wollen. Sein wichtigster intellektueller Vorläufer ist Curtis Yarvin mit dem Pseudonym Mencius Moldbug. Yarvin vertritt den Neokameralismus – ein politisches Modell, das auf Souveränität als Privateigentum und der Aufteilung der Welt in Verwaltungseinheiten basiert, die je nach Marktentscheidung hierarchisch, theokratisch oder oligarchisch sein können.
In einfachen Worten heißt das, Staaten funktionieren wie Privatunternehmen. Auf diese Weise will Yarvin zerschlagen, was er als „die Kathedrale“ bezeichnet – ein internationales Geflecht liberal-demokratischer Institutionen, die unter dem Deckmantel von Neutralität und Pluralismus den progressiven Konsens reproduzieren. Thiel hat in Unternehmen von Yarvin investiert, und dieser hat Thiel öffentlich als eine „völlig erleuchtete“ Persönlichkeit beschrieben. Der derzeitige Vizepräsident der USA, JD Vance, hat Yarvin als dessen direkten Einfluss genannt und verdankt Thiel die größte Spende in der Geschichte eines Senatswahlkampfs: fünfzehn Millionen Dollar im Jahr 2022.
Das Projekt „dunkle Aufklärung“
Thiel wurde so zu einem Finanzier und strategischen Vertreter der „dunklen Aufklärung“. Sein Denken verbindet eine apokalyptische Sichtweise des Christentums mit der politischen Theorie von Carl Schmitt. In einer Reihe von privaten, an die Öffentlichkeit gelangten, Vorträgen aus dem Jahr 2025, hat er die gegenwärtige Situation als analog zum Untergang des Römischen Reiches beschrieben. Er behauptet, dass eine Zivilisation, die sich nicht selbst erhalten kann, nicht reformiert, sondern ersetzt werden muss. Daher setzt er darauf, ihren Zusammenbruch zu beschleunigen, damit etwas Effizienteres an ihre Stelle tritt. Diese Haltung hat eine geopolitische Konsequenz, die Yarvin als „Gorbatschow-Doktrin nach amerikanischem Vorbild“ zusammenfasst.
Er nutzt diesen Begriff, um den Moment, als die Sowjetunion den Warschauer Pakt auflöste, mit der aktuellen Situation der USA zu vergleichen, da Trump das „Imperium“ der Nachkriegszeit „aufgeben“ würde, um es neu zu aufzuteilen. „Wenn Vance sich für die AFD ausspricht, spricht er sich in Wahrheit gegen die gesamte Nachkriegsordnung aus“, sagte Yarvin Anfang 2025 in einem Interview mit dem Grand Continent. Seiner Vision zufolge müssen Staaten, ohne die Fähigkeit souverän zu bleiben, verschwinden, kolonisiert oder rekolonisiert werden. Wer gewinnt in diesem Szenario des totalen Chaos? Die Antwort von Thiel: Palantir Technologies. Im April 2026 veröffentlichte das Unternehmen ein Manifest mit zweiundzwanzig Punkten. Es handelt sich um einen geopolitischen Leitfaden für die Wirtschaft im 21. Jahrhundert. Darin wird die These vertreten, dass das Überleben nicht mehr von der traditionellen Staatsdiplomatie abhängt, sondern von algorithmischer Abschreckung auf der Grundlage von Software, künstlicher Intelligenz und technologischen Verteidigungssystemen.
Fraglich ist, wer diese Technologien entwickeln wird – und zu welchem Zweck. Thiels Projekt ist es, den Staat in eine Tochtergesellschaft der privaten digitalen Infrastruktur zu verwandeln, indem die Souveränität seiner demokratischen Dimension entleert und in einem Szenario der vollständigen Digitalisierung durch das Gesetz des unternehmerischen Dschungels ersetzt wird. Eine orwellsche Dystopie, getarnt als Utopie des Silicon Valley.
Für Lateinamerika bedeutet der „Gorbatschow-Moment“ jedoch eine Neuauflage der Monroe-Doktrin, eine neue Form des Kolonialismus im Dienst einer digitalisierten Welt. Indem die USA die liberale Nachkriegsordnung für tot erklären, definieren sie Lateinamerika als ihren Hinterhof mit neuen Regeln. Thiels Reise durch Lateinamerika fügt sich in diese Logik ein und ist Teil des diplomatischen Vorstoßes des Technofaschismus in gleichgesinnten Ländern. Auf seiner Reise hinterlässt Peter Thiel so wenige öffentliche Spuren wie möglich. In Ecuador gab es keine offiziellen Aufzeichnungen über sein Treffen mit Präsident Noboa. In Argentinien ließen die Beamten lediglich durchblicken, dass sie über „Geopolitik und Wirtschaft“ gesprochen hätten.
In Chile erfuhren wir nur dank einer anonymen Anzeige bei der Abgeordnetenkammer, dass er sich mit Präsident Kast getroffen hatte. Johannes Kaiser, ehemaliger Präsidentschaftskandidat der chilenischen Rechtsextremen, und Santiago Peña, Präsident von Paraguay, gehörten zu den wenigen Politikern, die konkrete Hinweise auf die Reise des Technomagnaten gaben.
Thiels Spuren durch Lateinamerika folgen
Als er sich mit dem ecuadorianischen Präsidenten Daniel Noboa traf, wurde lediglich bekannt, dass eines der zentralen Themen die Ausweitung der Vereinbarungen zwischen Palantir und dem ecuadorianischen Staat war. Diese Vermutung ergibt sich nicht nur aus diesem Besuch: Bereits einige Monate zuvor hatten sich ecuadorianische Regierungsvertreter auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mit Alex Karp, dem CEO von Palantir und langjährigen Partner von Thiel, getroffen, um die weitere Zusammenarbeit zu besprechen. Auf diese Weise wurde Ecuador zum wichtigsten Testfeld und zum Einstiegsmarkt für Palantir in Lateinamerika. Seit 2025 unter hält das Unternehmen einen Vertrag mit dem Nationalen Zolldienst für Zollkontrollaufgaben im Zusammenhang mit der Verbrechensbekämpfung. Angesichts des Erfolgs dieser Zusammenarbeit weiteten sich die Gespräche in Davos auf andere sensible Bereiche wie den Bergbau und die Fischerei aus. So begann der ecuadorianische Staat unter dem Vorwand der Effizienz, strategische Aufgaben in den Bereichen Sicherheit und Nachrichtendienst an ein privates US-amerikanisches Unternehmen abzugeben.
Der Rest von Thiels Tour durch Südamerika scheint der gleichen Logik zu folgen. Johannes Kaiser bestätigt, dass Thiel auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten im Bergbau sei. Der paraguayische Präsident Santiago Peña erzählt wiederum, dass sie über die Möglichkeiten gesprochen hätten, die Paraguay für Privatkapital in Sektoren wie künstlicher Intelligenz, Energie und Finanztechnologie anzubieten habe. Hinter diesen Treffen verbirgt sich immer dieselbe Gleichung: für die Entwicklung dieser Technologien unverzichtbare Mineralien, günstige Energie zur Versorgung der digitalen Infrastruktur sowie Zugang zu staatlichen Systemen in den Bereichen Sicherheit, Handel und strategischer Ressourcen.
Das Bild wird durch die übrigen lateinamerikanischen Persönlichkeiten vervollständigt, mit denen sich Thiel getroffen hat. Neben seinem Treffen mit Kaiser hatte er in Chile ein geheimes Treffen mit Präsident José Antonio Kast. Dort sprach er auch mit José Piñera, dem ehemaligen Minister für Arbeit und Bergbau während der Pinochet-Diktatur.
In Argentinien traf sich Thiel nicht nur mit Milei, sondern führte auch Gespräche mit Federico Sturzenegger, dem Minister für Deregulierung, und Luis „Toto“ Caputo, dem Wirtschaftsminister. Die Verbindung zu Sturzenegger ist nicht zu unterschätzen. Die von dessen Ministerium vorangetriebenen Reformen haben die Vorschriften in den Bereichen Landnutzung und Umweltschutz geändert und erleichtern damit sowohl ausländische Investitionen als auch den Ausbau von Rohstoffförderungsprojekten.
Das Treffen mit Caputo fand seinerseits inmitten der Diskussionen um den „Super-RIGI“ statt, das Programm, mit dem die libertäre argentinische Regierung groß angelegte Investitionen in Technologie und Infrastruktur anziehen will. Vier Länder gleichgesinnte Regierungen und ein einziger Plan. Santiago Caputo, Mileis zentraler Berater und einer der Vermittler zwischen Thiel, Kaiser und Peña, definierte das Ziel darin, Argentinien zu „einem strategischen Partner der USA im Mineralien-Wettlauf gegen China“ zu machen und auf „eine nationale Sicherheitsdoktrin der systemischen Angleichung an die USA“ hinzuarbeiten. Abgesehen von den Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern zieht sich diese Logik wie ein roter Faden durch einen Großteil der Treffen, die Thiels Reise durch Südamerika geprägt haben.
Eine Herausforderung für die Demokratie
Thiels Besuch in Südamerika ist kein Zufall. Er findet vor dem Hintergrund wachsender internationaler Spannungen und des Rückgangs des Westens als ordnende Kraft der Globalisierung statt. In diesem Szenario versuchen Magnaten wie Thiel, die Macht des Westens auf der Grundlage der Ideen der „dunklen Aufklärung“ wieder aufzubauen, indem sie die Strukturen der liberalen Demokratie zersetzen und Staaten mit korporativen und hierarchischen Strukturen errichten. Dafür brauchen die USA Zugang zu Energie, kritischen Mineralien und strategischen Technologien.
In den letzten Jahren hat Trump bereits Schritte in diese Richtung unternommen. Seine Regierung handelte Abkommen mit Brasilien aus, um sich vorrangigen Zugang zu strategischen Mineralien zu sichern, und mit der Invasion von Venezuela, wo es neben Erdöl auch bedeutende Coltan-Vorkommen gibt, wird dieses Vorhaben gefestigt. Seit Trumps Rückkehr an die Macht haben die USA mehr als eine Milliarde Dollar für Projekte im Zusammenhang mit dem Abbau kritischer Mineralien in der Region bereitgestellt. Thiels Diplomatie soll als Erweiterung dieser Strategie fungieren. Mit deregulierenden Regierungen als Plattform strebt Palantir den Zugang zu natürlichen Ressourcen, Land und günstiger Energie in der Region an.
Gleichzeitig dringt das Unternehmen in sensible Bereiche des Staates vor und bietet Datenverarbeitungs-, Überwachungs- und Nachrichtensysteme für Sektoren an, die mit Sicherheit, Handel und der Verwaltung strategischer Ressourcen in Verbindung stehen. Genau das ermöglicht die algorithmische Abschreckung auf nationaler und regionaler Ebene: Algorithmen im Dienst des Staates, die den USA den Zugang zu kritischen Ressourcen erleichtern und gleichzeitig die soziale Kontrolle normalisieren.
Das deutlichste Beispiel hierfür ist die Verbindung zwischen Palantir und der US-Einwanderungsbehörde ICE, wo diese Technologien bereits Teil der Überwachungs- und Einwanderungskontrollpolitik sind.
Angesichts dieser Situation ist das Problem für Lateinamerika wirtschaftlicher, technologischer und politischer Natur. Die Expansion von Unternehmen wie Palantir wirft Fragen hinsichtlich staatlicher Souveränität, demokratischer Kontrolle und Abhängigkeit auf – und das in einer Phase, in der Daten, digitale Infrastruktur und künstliche Intelligenz zunehmend eine äußerst strategische Rolle einnehmen. Angesichts der rasanten digitalen Entwicklung, die von einzelnen Menschen vorangetrieben wird, besteht die Aufgabe darin, politische Alternativen zu entwickeln, die in der Lage sind, die Macht herauszufordern.


