Kolumbien | Migration | Nummer 619 - Januar 2026 | USA

Kolumbien unter Druck

USA verschärft Migrationspolitik mit globalen Folgen

Während die US-Politik den Druck auf Kolumbien erhöht, fehlen dem südamerikanischen Land sowohl die finanziellen Mittel als auch die nötige internationale Rückendeckung, um die wachsenden Herausforderungen zu bewältigen. Die folgende Analyse zeigt, wie die verschärfte US-Migrationspolitik globale Verschiebungen auslöst und welcher Verantwortung sich die internationale Gemeinschaft bislang entzieht.

Von Stéphanie López & Jana Kuhnt

Am ersten Tag seiner Amtszeit hat US-Präsident Donald Trump beschlossen, die Gelder für Entwicklungszusammenarbeit einzufrieren und letztlich USAID abzuschaffen. Die überraschende – und für manche schockierende – Entscheidung hatte weltweit verheerende Auswirkungen auf die Empfängerländer. In Lateinamerika und der Karibik war Kolumbien 2024 nach Haiti der zweitgrößte Empfänger von US-Entwicklungsgeldern.
Gleichzeitig verfolgt Trump eine zunehmend restriktive Migrationspolitik und die Auswirkungen dieser Entscheidungen sind weit über die südliche US-Grenze hinaus spürbar. Kolumbien steht im Zentrum dieser Dynamik – als geographisches Bindeglied zwischen Mittel- und Südamerika. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Land zu einem wichtigen Transitkorridor für Migrantinnen nach Nordamerika entwickelt und außerdem selbst rund drei Millionen Venezolanerinnen aufgenommen.


Trotz globaler Auswirkungen, bleiben internationale Reaktionen langsam und fragmentiert. Während Washington die Spielregeln verschiebt, muss Kolumbien die Folgen auffangen – mit begrenzten Mitteln und kaum politischem Spielraum. Als Transit- und Aufnahmeland braucht Kolumbien jedoch internationale Solidarität, um den wachsenden Herausforderungen zu begegnen. Die Folgen der verschärften US-Politik sind verheerend: Der Oberste Gerichtshof der USA entschied vor Kurzem, den Temporary Protected Status (TPS) für Venezolaner*innen zu beenden – ein humanitäres Schutzprogramm, das ihnen einen legalen Aufenthalt in den USA ermöglichte. Über 350.000 Menschen sind betroffen und stehen seit dem 10. September vor Abschiebung oder drohender Illegalität. Weitere aktuelle US-Entscheidungen zu Migration und Asyl, darunter mehr Abschiebungen, haben die regionalen Migrationsströme neu geordnet, wenn auch ohne ausreichende Koordination mit den betroffenen Ländern.


Ob beabsichtigt oder nicht: Diese Politik verlagert die Verantwortung für Grenzkontrollen auf Länder wie Kolumbien. Das südamerikanische Land muss sich nun auf eine steigende Zahl von venezolanischen und kolumbianischen Rückkehrerinnen und Abgeschobenen einstellen. Die Ressourcen gibt es nicht, ebenso wenig wie Planungs- oder Integrationsstrukturen. Kolumbien befindet sich an einem heiklen Punkt vielfältiger Migrationsbewegungen. Migrantinnen, die früher nur durchgereist wären, bleiben nun länger oder stranden in Armut. Asylsuchende warten in kolumbianischen Städten auf ihre Weiterreise oder Bearbeitung durch US-Behörden. Venezolanerinnen, die humanitäre Aufnahmeprogramme der USA anstrebten, sehen sich zunehmenden Verzögerungen und rechtlichen Unsicherheiten gegenüber.

Gute migrationspolitische Ansätze,
 defizitäres Asylsystem

Im regionalen Vergleich hat Kolumbien bisher eine offene Migrationspolitik betrieben, wofür es internationale Anerkennung erhielt. Das ETPV, ein temporäres Schutzstatut, gewährte Venezolanerinnen Zugang zu grundlegenden Rechten und staatlichen Leistungen. Jedoch ist dieses Programm inzwischen – mit wenigen Ausnahmen – ausgelaufen. Gleichzeitig hat Kolumbien eine der niedrigsten Anerkennungsquoten für Geflüchtete in Lateinamerika. Das steht im Widerspruch zu den internationalen Verpflichtungen des Landes, insbesondere zur kürzlich erneuerten Cartagena-Erklärung von 1984, die einen erweiterten Flüchtlingsbegriff vorsieht – etwa bei Flucht vor allgemeiner Gewalt, Staatszerfall oder Menschen­rechts­­verletzungen.


Selbst Personen, die vor Verfolgung in Venezuela oder vor bewaffneten Gruppen in Haiti fliehen, erhalten selten Schutz in Kolumbien. Asylanträge bleiben oft über Jahre unbearbeitet mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Während die USA ihre Verantwortung auf Transit- und Aufnahmeländer abwälzen, gerät Kolumbiens Asylsystem stetig unter Druck.


Besonders Kommunen sind belastet. Sie erhalten weder national noch international die notwendige Unterstützung. Viele Bürgermeister*innen verfügen über zu geringe Haushaltsmittel, mangelnde Fachressourcen und un­zureichende Koordinationsmechanismen. Die Folgen sind überlastete Verwaltungen und unterfinanzierte Programme zur Bewältigung der Verantwortlichkeiten. Das führt zu einem Missverhältnis: Eine US-Migrationsstrategie, die auf Abschreckung und Externalisierung setzt, trifft auf ein kolumbianisches System, das deren Konsequenzen abfedern muss. Wenn eine humanitäre und (migrations-) politische Krise in Kolumbien verhindert werden soll, muss gehandelt werden. Die internationale Gemeinschaft muss anerkennen, dass die regionale US-Politik globale Auswirkungen hat. Inzwischen kommen auch in der EU viele Asylanträge von Menschen aus Venezuela.


Hinzu kommt, dass Kolumbiens Rolle als Transit- und Aufnahmeland strukturell bedingt ist. Deutschland und die internationale Gemeinschaft sollten sich dafür einsetzen, dass rechtliche Zugänge und humanitäre Unterstützung in Grenzregionen finanziell gestärkt werden, regionale Koordination fördern und Menschenrechtsverletzungen kritisch beobachten. Ebenso nötig sind Investitionen in Kolumbiens Asylsystem, in Programme zur Arbeitsmarktintegration und in Dokumentationsprozesse für Migrant*innen. Kolumbien und andere Länder der Region müssen sich von US-zentrierten Strukturen und Ansätzen lösen und eine zentrale Position und Rolle im globalen Schutzsystem anerkennen und ausfüllen.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ähnliche Themen

Newsletter abonnieren