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Kritik? Nein Danke!

Mexiko ist ein gefährliches Land für JournalistInnen. Viele von ihnen wurden in den letzten Jahren verfolgt und ermordet (siehe LN 403). Vor allem Mitarbeiter lokaler oder kleinerer Medien verloren ihr Leben, weil sie unabhängig berichteten. In diesem Klima der Angst sind Zensur und Selbstzensur an der Tagesordnung.
Mit der Entlassung der bekannten Journalistin Carmen Aristegu hat die Repression gegen Medienmacher eine neue Dimension erreicht. Aristegui ist eine der renommiertesten Medienvertreterinnen des Landes. Für ihre Arbeit hat sie zahlreiche mexikanische und internationale Auszeichnungen erhalten, zuletzt 2006 den Onda-Preis von Radio Barcelona in der Sparte lateinamerikanische Nachrichtensendung.

Aristeguis journalistisches Schaffen ist von Seriosität, Regelmäßigkeit und Engagement geprägt, was ihr auch über ideologische Grenzen hinweg Anerkennung eingebracht hat. Auch wenn sie nicht für Medien arbeitet, die traditionell als links gelten, stellt sie als eine der wenigen kritischen Journalistinnen den politischen Machthabern unangenehme Fragen und deckt Zusammenhänge auf.
Sie schreibt für die großen Tageszeitungen El Universal und Reforma und moderiert das kritische Interviewmagazin Aristegui für die spanische Ausgabe von CNN. Zudem war sie in verschiedenen großen Radiostationen tätig. Zuletzt und bis vor kurzem moderierte sie die Nachrichtensendung „Hoy por hoy“ auf W Radio, für das sie auch den Onda-Preis bekam. Am 4. Januar dieses Jahres verabschiedete Aristegui sich nach fünf Jahren plötzlich von dem Morgenprogramm. Offizieller Grund für ihren Abgang war laut W Radio eine „redaktionelle Unvereinbarkeit“ zwischen der Journalistin und dem Sender. Doch die wahren Gründe haben damit zu tun, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten Mexikos versuchen, Kontrolle über die Medien auszuüben.

Gerade als Aristeguis Sendung mehr HörerInnen hatte als je zuvor, entschied W Radio, ihren Arbeitsvertrag nicht automatisch zu erneuern, wie es der Sender bislang stets getan hatte. In ihrer letzten Sendung erklärte die Journalistin, W Radio habe einige Klauseln ändern wollen, um künftig inhaltliches Mitspracherecht bei ihren Sendungen zu haben. Sie habe dies aus berufsethischen Gründen abgelehnt.
In den letzten Jahren hatte Aristegui mit ihrer vierstündigen Morgensendung nicht nur Erfolg gehabt, sondern auch zur Aufklärung einiger dramatischer Fälle von Machtmissbrauch beigetragen. Obwohl es den Interessen ihres Unternehmens zuwiderlief, kritisierte Aristegui die inzwischen teilweise als verfassungswidrig erklärten Gesetzesreformen, die als „Ley Televisa“ bekannt sind. Die 2006 verabschiedeten Veränderungen konsolidieren das Monopol von Televisa und TV Azteca, die den Fernseh und Radiomarkt in Mexiko fast vollständig unter sich aufteilen. Aristegui deckte weiterhin den Fall Zongolica auf: Eine Indigena aus Veracruz war von Angehörigen der mexikanischen Armee vergewaltigt und ermordet worden worden. Mit dem selben Engagement verfolgte die Journalistin den Fall ihrer Kollegin Lydia Cacho, die nach Aufdeckung eines Kinderpornorings, in den hohe Politiker verstrickt waren, vorübergehend festgenommen worden war (Vgl. LN 380 u. 403). Nicht zuletzt hatte sie in ihren Sendungen mehrmals dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Andrés Manuel Lopez Obrador ein Forum geboten, der ansonsten von den großen Medien weitgehend boykottiert wurde und wird.

Aristegui deckte einige dramatische Fälle von Machtmissbrauch in Mexiko auf.

Aristeguis ehemaliger Arbeitgeber W Radio ist Teil der Radiokette Radiopolis, das zu 51 Prozent dem mexikanischen Medienkonzern Televisa und zu 49 dem spanischen Unternehmen Grupo Prisa gehört. Radiopolis wiederum besitzt über 90 Prozent der Radiosender, die landesweit zu empfangen sind. Andere vergleichbare Informationsquellen gibt es also kaum.
Daniel Moreno, Direktor von W Radio, nannte „redaktionelle Differenzen“ als Grund für Aristeguis Entlassung. Worauf diese beruhen, ist nachzuvollziehen, wenn man sich die Interessen der großen Medienunternehmen vor Augen führt. Natürlich will Televisa keine kritische Berichterstattung über Gesetze, die seiner Vormachtstellung in der mexikanischen Medienlandschaft zu Gute kommen. Zweiter entscheidender Akteur ist Grupo Prisa, eines der wichtigsten spanischen Medienunternehmen. Es besitzt unter anderen die spanische Tageszeitung El País und ist Miteigentümer der französischen Le Monde, beides Medien, die eigentlich eher der Linken zugerechnet werden. Die Redaktionsrichtlinien von El País geben vor, sich jeglichem Druck von Interessensgruppen zu widersetzen: „Die Unabhängigkeit und Freiheit von Manipulation der Nachrichten sind eine Garantie für die Rechte der Leser, deren Schutz das höchste Gut der redaktionellen Arbeit darstellt.“
Der Politologe Jorge Zepeda beschreibt in der mexikanischen Tageszeitung El Universal, wie Prisa bis 2006 dafür gesorgt hatte, dass auch gegen Widerstände von Televisa gute, kritische Berichterstattung über die Sender ging. Mit dem Amtsantritt Felipe Calderons habe sich das geändert, so Zepeda.

In einem Interview in der mexikanischen Zeitschrift Proceso erklärte Aristegui ihre Entlassung damit, dass Grupo Prisa aus Gründen, die noch aufgeklärt werden müssen, dem Druck von Televisa nachgegeben habe. Prisa verteilt in Mexiko Posten, wahrscheinlich, um sich wirtschaftliche Vorteile zu sichern – das Unternehmen ist inzwischen zum größten Herausgeber staatlicher Schulbücher geworden, ein Millionengeschäft. So wurde der Schwager von Präsident Felipe Calderón, Juan Ignacio Zavala, Vizedirektor des mexikanischen Prisa-Tochterunternehmens und Geschäftsführer der internationalen Ausgabe von El País. Er bestreitet, irgendetwas mit der Personalpolitik des Radiosenders zu tun zu haben. Doch laut Zepeda war er verantwortlich dafür, dass Daniel Moreno seinen Job bekam. Und Moreno gehe seither systematisch gegen kritisches Denken bei W Radio vor.
Nach ihrer Entlassung stellten sich Teile der Zivilgesellschaft, JournalistInnen und Intellektuelle sofort hinter Aristegui. Jorge Zepeda betonte Aristeguis Rolle als Vertrauensperson für die MexikanerInnen: „In einer Gesellschaft, der jegliche Glaubwürdigkeit fehlt und deren Institutionen (…) sich in einer chronischen Krise befinden, ist Carmen Aristeguis untadeliger Ruf ein soziales Kapital.“
Dank dieses Medienechos bietet Aristeguis Entlassung auch Chancen. Sie hat in Mexiko eine überfällige Debatte entfacht: über die mangelhafte Demokratie und die einseitige ideologische Ausrichtung der großen mexikanischen Medienunternehmen, die die Meinungsfreiheit zutiefst verletzen.

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