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Kuba mußte dran glauben

Dem Besuch gingen monatelange Verhandlungen zwischen der kubanischen Regierung und dem Vatikan voraus, in denen minuziös Ablauf und Inhalte festgelegt wurden. Auch die kubanische Bevölkerung wurde ausgiebig auf den ungewöhnlichen Besucher eingestimmt. Fidel Castro selbst agierte wieder einmal als Hauptpatron bei der Instruierung der Massen. In erschöpfenden mehrstündigen Fernsehansprachen erläuterte er im Vorfeld die Bedeutung dieses Besuches. Das 77jährige Oberhaupt der katholischen Kirche wurde hierbei nicht nur als antifaschistischer Widerständler, sondern auch als Kritiker von Neoliberalismus und Kapitalismus sowie als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und die „Dritte Welt“ hochstilisiert.
Der Heilige Vater wurde im Grunde als ein international anerkanntes Staatsoberhaupt dargestellt, dessen politischen Ideale und Ziele in zentralen Punkten mit der kubanischen Revolution identisch sind. Ein Wunder war geschehen: Kuba war ein neuer Alliierter erschienen. Und ein weithin verbreitetes Regierungsplakat, das den römischen und den kubanischen Oberhirten händeschüttelnd zeigte, hauchte dieser Allianz gleich Leben ein. Es forderte: „Auf dieser Welt müssen das Vormachtstreben, die Arroganz und der Egoismus ausgerottet werden.“ Solche und ähnliche Parolen wurden von Aufrufen Castros ergänzt, die gegenseitigen Respekt zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen einforderten, sowie von eindringlichen Appellen, sich zu keinen spontanen politischen Aktionen hinreißen zu lassen.
Zusätzlich wurden der Kirche bisher unbekannte Freiräume zugestanden. Staatschef Fidel Castro erklärte kurzfristig Weihnachten zum einmaligen Feiertag. Eingeweihte munkeln, daß damit der Anschluß der fast vier Jahrzehnte langen „weihnachtsfreien Zone“ Kuba an die christliche Weltgemeinschaft vorbereitet wurde. Zusätzlich wuchs die Medienpräsenz der Kirche. Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei „Granma“ veröffentlichte einen Weihnachtsgruß des Papstes, verschiedene Interviews mit kirchlichen Würdenträgern und ließ gelegentlich auch schon einmal einen katholischen Gläubigen zu Wort kommen.
Mit großem propagandistischen Aufwand wurden schließlich eine Woche vor dem Papstbesuch die Nationalratswahlen auf Kuba abgehalten. Die Wahlen verliefen ohne Überraschungen: Die Kandidaten der Einheitsliste wurden in der seit 1993 geheim abgehaltenen Wahl von fast 95 Prozent der Bevölkerung bestätigt. Die Wahlenthaltungen (oft als einziges Zeichen von Opposition interpretiert) lagen mit 5 Prozent noch unterhalb der Ergebnisse von vor fünf Jahren. Die kubanische Wochenzeitschrift Bohemia hat deutlich gemacht, worum es bei diesen Wahlen wirklich ging, als sie schrieb: „Unser Kandidat ist die Nation“. Die Regierung wollte der Weltöffentlichkeit eine Woche vor dem Papstbesuch signalisieren, über welchen Rückhalt sie noch in der Bevölkerung verfügt. Möglichen Protesten beim Papstbesuch sollte gleich im Vorfeld die Luft genommen werden. Weder die kubanische Regierung noch der Vatikan waren an politischen Störungen interessiert. Der Besuch wurde auch vordergründig sichtbar entpolitisiert – beide Seiten legten Wert auf die Feststellung, daß es sich hier um eine rein pastorale Mission handelte.

Kubanisches Martyrium

So vorbereitet, konnte der Besuch des Papstes nur erwartungsgemäß verlaufen. Schon bei seiner Begrüßungsrede machte Johannes Paul II. klar, daß es sich bei seiner Anwesenheit um eine Mission der Versöhnung handelte, er verurteilte die US-Blockade und resümierte, daß „Kuba sich der Welt und die Welt sich Kuba öffnen sollte“.
Fidel Castro stand dem nicht nach: In pathetischer Attitüde verglich er das kubanische Volk mit den Märtyrern des frühen Christentums und ließ es sich nicht nehmen, zu behaupten, daß es neben Kuba „kein Land gibt, das besser vorbereitet ist, Ihre edle Idee zu verstehen, die der unseren so ähnlich ist.“ Nach dem Austausch solcher diplomatischer Schmeicheleien war der Ablauf der anschließenden Besuchstage fast nur noch Routine und verlief reibungslos. Dank der geschickten Inszenierung der kubanischen Führung fanden die ersten Papstmessen in den regierungstreueren und gläubigeren Ostprovinzen der Insel statt. Kubas Führung hatte sich somit ein Stimmungsbarometer gesichert, daß die Bevölkerungsreaktionen vor der zentralen Abschlußmesse in der politisch unsicheren Hauptstadt Havanna maß. Sämtliche Messen waren gut besucht (einzelne Quellen sprechen von einer halben Million Menschen bei der Abschlußmesse in Havanna), und es kam zu keinen politischen oder sonstigen Zwischenfällen.
Die „visita pastorale“ wurde nach Abschluß dann auch von allen Beteiligten gelobt und als erfolgreich bezeichnet. Daß der Besuch für zwei so verschiedene Parteien wie dem Vatikan und der sozialistischen Regierung Kubas befriedigend verlief, erstaunt nur, wenn man die Zeithorizonte und die unterschiedlichen Interessen beider Seiten nicht kennt. Fidel Castros Einladung entsprang einem kurzfristigen außenpolitischen Kalkül: Der als Antikommunist und respektierter Staatsmann ausgewiesene Papst war ein prominenter und integrer Bündnispartner Kubas für den Kampf gegen die US-Blockade.
Castro konnte mit dem Papst an seiner Seite die aggressive US-Kubapolitik und die exilkubanischen Hardliner wieder einmal ins Kreuzfeuer der Weltöffentlichkeit zerren – die Vereinigten Staaten waren während des Papstbesuches gegenüber Kuba so kleinlaut wie schon lange nicht mehr. Zusätzlich hat Castro auf internationaler Bühne auch nach fast einem Jahrzehnt Dauerkrise die Stabilität und Legitimität seines Systems bewiesen.Daß in Kuba durchaus auch religiöse Massenveranstaltungen erlaubt sind, sollte gleichzeitig den zivilen Charakter des Regimes unterstreichen. Aus dem gleichen Grund war während des ganzen Papstbesuches das Tragen grüner Militäruniformen untersagt. Nicht zuletzt versucht die kubanische Regierung, mit der Zulassung streng religiös ausgerichteter Aktivitäten auch mögliche oppositionelle Potentiale zu kanalisieren – eine Strategie, die sie mit der wachsenden Tolerierung der afrokubanischen Volksreligion „santería“ schon erfolgreich erprobt hatte.
Wer allerdings glaubte, daß allein die Anwesenheit des Heiligen Vaters auf Kuba zu innenpolitischen Veränderungen führen würde, gab sich allzu naivem Wunschdenken hin. So rasch, wie die Begrüßungsplakate für den Papst einen Tag vor dem Besuch plötzlich an allen Hauswänden auftauchten und am Tag nach der Abreise wieder verschwanden, ebenso schnell verpuffte auch die innenpolitische Wirkung des Papstaufenthaltes. Ein Kommentar der Kommunistischen Jugendzeitung Juventud Rebelde ließ keinen Zweifel an der politischen Qualität dieses ungewöhnlichen Besuches: „Den einzigen politischen Wandel, den man jetzt erwartet, ist der von Washington gegenüber unserer Karibikinsel.“ Der Papstbesuch war nicht der Beginn einer breiteren Öffnung gesellschaftlicher Freiräume auf Kuba – er war nur sein kurzfristiger Ersatz.

Kirche als Machtfaktor

Der Vatikan hingegen verfolgt langfristige Ziele. Zum einem war auch er an dem Medienrummel interessiert – hat es doch gerade Karol Woityla wie bisher kein zweites Kirchenoberhaupt verstanden, die Weltmedien für seine Zwecke zu nutzen. Und nach Angaben des Vatikans hatte keine der bisherigen achtzig Auslandsreisen des Papstes zu einem so großen Interesse der Weltöffentlichkeit geführt. Mehr als 3.500 ausländische Journalisten und Techniker garantierten, daß der Papstbesuch weltweit zu einem gelungenen Medienspektakel hochgeschaukelt wurde.
Neben diesen Repräsentationspflichten, die auch Gerüchte um den schlechten Gesundheitszustand des Papstes Lügen strafen sollten, hatte der Vatikan bei seinem Besuch deutlich das Kuba nach Fidel Castro im Auge. Am folgenreichsten ist hierbei die vom Papst häufig wiederholte Forderung nach mehr Freiräumen für seine Kirche. Die katholische Kirche unterhält mit ihren rund 420 Kirchen auf der Insel die einzige hierarchische Struktur, die mit der der Kommunistischen Partei vergleichbar ist, jederzeit aktiviert werden kann und eine sichere Kommunikation zwischen Zentrale und Basis garantiert. Sie könnte zum entscheidenden politischen Instrument werden, das in der Lage ist, ein zukünftiges vorübergehendes Machtvakuum aufzufüllen. Die Kirche hat sich somit im Falle eines Umbruchs in eine enorm starke Position gebracht, die die Zukunft Kubas deutlich beeinflussen kann. Als offensichtlichster Hinweis dieser neuen katholischen Landnahme im Tropensozialismus hat der Papst in Guantánamo ein neues Bistum geschaffen und dessen ersten Bischof ernannt. Der Präsident der kubanischen Nationalversammlung Ricardo Alarcón verkündete noch während des Papstbesuches, daß der Spielraum der christlichen Religionen auf Kuba zunehmen wird. Die Revolutionsführung verantwortet es folglich selbst, wenn eines Tages ausgerechnet der konservative Katholizismus Kubas eine einzigartige politische Stellung erlangen wird.
Sollte der Vatikan allerdings auch in Kuba auf eine unterschwellige Wirkung der päpstlichen Botschaft setzen, vergleichbar mit seiner erster Reise nach Polen im Jahre 1979, wird er enttäuscht werden. Denn im Gegensatz zur Weltöffentlichkeit reagierte die Inselbevölkerung eher gelassen bis indifferent auf das Großereignis, welches sie da plötzlich heimsuchte. Zwar wurden die vier päpstlichen Messen vollständig vom staatlichen Fernsehen übertragen, und der Papst war das Hauptthema aller kubanischen Medien. Aber allein aus den Besucherzahlen bei den Messen lassen sich noch keine weitreichenden Rückschlüsse ziehen. Der Andrang ist nämlich zu einem nicht geringen Umfang auf die Massenmobilisierungen der Kommunistischen Partei zurückzuführen, mit der sie Fidel Castros klare Vorgabe „Wir wollen volle Plätze“ erfüllte. Nicht unterschätzt werden darf auch die immense Anzahl der Schaulustigen – Kubaner lassen sich ungern größere Spektakel entgehen. Es muß also davon ausgegangen werden, daß sich die wahre Schar Gläubiger auf den Papstmessen eindeutig in der Minderheit befand.
Auch die „gute Nachricht“ des Herrn Karol Woityla drang selten bis in die Tagesgespräche der Bevölkerung vor. Die päpstliche Kritik am Neoliberalismus und der Globalisierung sowie die mehrfach vorgetragene Verurteilung der US-Blockade war für die Ohren der Kubaner nichts Neues. Brisante Themen wie die Forderung nach mehr Bürgerrechten wie Versammlungs- und Gewissensfreiheit sowie nach der Stärkung öffentlicher Partizipation wurden vom Heiligen Vater oft in eine religiöse, verschieden interpretierbare Sprache gekleidet und hatten eine geringe Reichweite. Die Verurteilung von Geburtenkontrolle und dem „abscheulichen Verbrechen“ Abtreibung war den meisten Kubanern nicht einmal einen Kommentar wert. Auch die Warnungen an die Jugend, sich nicht den Gefahren des Alkohols, der Drogen und einer ausschweifenden Sexualität auszusetzen, waren zu weltfremd und realitätsfern, um ein ernsthaftes Nachdenken zu provozieren. Den meisten Eindruck hinterließ indes die live übertragene Predigt des Erzbischofs von Santiago, Pedro Meurice Estiu, der davor warnte, „Vaterland mit der Kommunistischen Partei, die Nation mit dem historischen Prozeß der vergangenen Jahrzehnte und die Kultur mit einer Ideologie“ zu verwechseln. Es ist allerdings nicht zu vermuten, daß hier ein geistlicher Würdenträger unverhohlen seinem Zorn Luft gemacht hat, sondern daß auch dies ein wohldosierter und austaktierter Beitrag war, der als Konzession ans Exil das Image einer kritischen Kirche in Kuba pflegen sollte. Die Antwort folgte auf dem Fuß: Schon am nächsten Tag feierte die katholische Exilgemeinde in Miami: „Unsere Kirche schweigt nicht!“ Ebenfalls nicht geschwiegen hat der berüchtigt scharfe Witz der Kubaner – Papstwitze hatten Hochkonjunktur, und ihr meist nicht jugendfreier Charakter war wohl der deutlichste Hinweis darauf, daß der Papst zwar nach Kuba kam, aber meist nicht bis zur Seele der Kubaner durchdrang.

Vom Saulus zum Paulus

Wenn der Besuch des Vatikanchefs dennoch Spuren in Kuba hinterließ, hat dies weniger religiöse, sondern eher innenpolitische Gründe. Die kubanische Bevölkerung ist völlig antiklerikal erzogen worden – die Hälfte der Inselbewohner hatte Zeit ihres Lebens kaum Kontakt mit religiösen Zeremonien oder Texten. Die jüngste Forderung Fidel Castros, Gläubigen mit dem gleichen Respekt wie Ungläubigen entgegenzutreten, steht somit im völligen Gegensatz zur bisherigen Regierungsdoktrin und den Lebenserfahrungen der Kubaner. Christen sind in den ersten Revolutionsjahrzehnten zwar nicht offen verfolgt, aber doch spürbar diskriminiert worden. Der kubanische Kardinal Jaime Ortega, der als höchster kirchlicher Würdenträger dem Papst während seiner Inselreise als enger Vertrauter diente, mußte aufgrund seines Glaubensbekenntnisses mehrere Jahre in kubanischen Umerziehungslagern verbringen. Und erst seit 1991 ist es bekennenden Christen zumindest formal möglich, auch Parteimitglieder zu werden – auf Kuba immer noch die Voraussetzung zu wichtigen Ämtern oder anderen Würden.
Doch nicht nur in ihrer Religionspolitik machte die kubanische Regierungsspitze eine für die Bevölkerung nur schwer nachvollziehbare Wende. Auch die Verwandlung des Papstes Johannes Paul II. in einen Verbündeten Kubas muß dem öffentlichen Geschichtsbewußtsein der Insel ernste Schwierigkeiten bereiten. Handelt es sich doch nicht nur um denselben Papst, der trotz heftigen Widerstandes erneut das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit durchsetzte und damit den Vatikan in ein Feudalreich zurück- verwandelte. Es handelt sich auch um den Karol Woityla, der für seinen energischen Antikommunismus bekannt ist und der 1982 mit dem damaligen US-Präsident Ronald Reagan einen Pakt zum Kampfe gegen das Reich des Bösen (sprich UdSSR) geschlossen hatte. Der auch in Fragen zu Lateinamerika mit der konservativen US-Regierung zusammenarbeitete und dort versuchte, progressive Kräfte auszubremsen – nicht zuletzt, um eine Stärkung des sozialistischen Kubas in Lateinamerika zu verhindern. Am bekanntesten ist hier wohl die vehemente Politik des Vatikans gegen die lateinamerikanische Theologie der Befreiung. Dem römischen Oberhirten gelang sowohl mit einer intriganten Personalpolitik wie auch mit inhaltlichen Interventionen, den Einfluß dieser volkstümlichen Strömung, in der sich die Kirche theoretisch wie organisatorisch auf die Seite der Benachteiligten gestellt hatte, zu zerschlagen.
All dies ist in der kubanischen Öffentlichkeit nur zu gut bekannt. Die Neuorientierung der Revo-lutionsspitze, die aus einem weltbekannten Kommunistenhasser jetzt einen Freund Kubas und der „Dritten Welt“ machte, muß in der Bevölkerung zwangsläufig auf Verwirrung stoßen. Umso mehr, da die Regierung in Appellen zu einer massiven Teilnahme an den Papstmessen und einem respektvollen, würdigen Umgang mit dem römischen Oberhirten aufforderte. Sie verpflichtete damit vor allem die politisch organisierten Teile der Gesellschaft, die neue Religionspolitik nicht nur zu respektieren, sondern auch dafür zu mobilisieren. Was hier auf der Strecke blieb, ist weniger der einstige Antiklerikalismus der kubanischen Revolution. Es ist vielmehr die politische Glaubwürdigkeit ihrer Führung, deren Wirken sich einmal mehr von den einstigen Zielen zu verabschieden scheint. Damit kann der außenpolitische Erfolg des Papstbesuches für Kuba zu einer innenpolitischen Schwächung führen. Denn heute, wo das Land am Rande einer neuen Wirtschaftskrise steht und gleichzeitig die soziale Ungleichheit wächst, bedarf die Regierung mehr denn je der Achtung und Loyalität der Bevölkerung. „Der Papst ist nach Kuba gekommen, um zu sehen, wie man von Wundern leben kann“, witzelte die Bevölkerung in den letzten Wochen. Es bleibt abzuwarten, wie lange sie sich selbst noch mit Wundern zufrieden gibt…

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