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La Rabia

Mit hochgezogenen Schultern, gesenktem Blick, die geschürzte Ober- über die Unterlippe gelegt, steht die kleine Nati mitten in der Pampa. Sonnenstrahlen brechen sich im Frühtau, der sich über die verwilderte Wiese gelegt hat. Der Film La rabia wird aus der Perspektive des Mädchens erzählt. Jedoch ohne Worte, denn Nati spricht nicht. Wie sie die rabiate Welt des kleinen Dorfes um die Estancia La Rabia (span.: die Wut) wahrnimmt, bildet der Film in animierten Einspielungen ab: rote und schwarze Farbspritzer vor einem Meer aus dem Grün und Braun der Pampa. Und hin und wieder abstrakt gehaltene menschliche und tierische Gestalten. Akustisch untermalt mit Furcht einflößendem Dröhnen und Brüllen machen diese Zwischenspiele deutlich, wie Nati den Mikrokosmos um sie herum empfindet: als Bedrohung. Das ist kaum verwunderlich, denn alle Erwachsenen um sie herum, mit Ausnahme ihrer Mutter Alejandra, sind vollkommen verroht. Da ist ihr Vater Poldo, der alles tut, um seine Tochter vor der Welt zu schützen und sie dabei nur noch grausamer macht. Als er hört, wie Nachbar Pichón seine Tochter „die Stumme“ nennt, schmeißt er ihn vom Hof und verbietet Frau und Tochter den Umgang. Nicht ahnend, dass seine Frau eine Liebesbeziehung mit dem Nachbarn führt. In seiner Wut verbietet Pichón seinem Sohn Ladeado Nati zu sehen. Die zwei einzigen Kinder im Dorf verbindet eine geschwisterliche Freundschaft. Als Ladeado sich über das Verbot hinwegsetzt, wird er von seinem Vater grün und blau geprügelt.

Zart besaitete Menschen werden gleich zu Beginn des Films zynisch gewarnt: „Die Tiere in diesem Film leben und sterben, wie sie dies natürlich getan hätten“. Das Sterben der Tiere wird in aller Ausführlichkeit dargestellt: In langen Einstellungen wird gezeigt wie ein Hase über einem Lagerfeuer gekreuzigt und gegrillt wird. Wie ein Schwein geschlachtet, ausgenommen, zersägt und gegrillt wird. Die Gewalt zwischen Menschen jedoch passiert weitgehend im Off der Kamera. In ihrem vierten Spielfilm erzählt die argentinische Regisseurin Albertina Carri von der Unmöglichkeit, in einer brutalen und schonungslosen Erwachsenenwelt Kind zu sein. Mit eindrucksvoller Akribie stellt sie dar, was es auch bedeuten kann, im Einklang mit der Natur zu leben: menschlich und sozial zu verrohen und tierische Verhaltensweisen anzunehmen. Wie das Leben der Protagonisten kommt der Film gänzlich ohne Musik aus. Bis auf eine Schlüsselszene gibt die Natur den Soundtrack. Gurrende Tauben, bellende Hunde, zirpende Grillen und immer wieder das laute Atmen von Nati und Ladeado.

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