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Land der Seelen

Wie eine Reihe schwarzer Ameisen zeichnen sich die Silhouetten auf dem Hügel vor dem silbergrauen Abendhimmel ab. Am Fuße der höchsten Erhebung des Ortes haben die Tourist*innen ihre Jeeps geparkt, mit ihren Handys und Kameras sind sie den Hügel hinaufgepilgert, um schicke Sonnenuntergangsbilder und Selfies zu knipsen. Der Sonnenuntergang ist beinahe die einzige Attraktion, die Cabo de la Vela zu bieten hat. Ansonsten verbringen die Urlauber*innen den Tag am Strand und drehen zur Unterhaltung die Musikanlagen ihrer Jeeps auf. Nachts schlafen sie in Hängematten, windgeschützt unter roh gezimmerten Holzdächern, und lassen sich vom Brummen der Stromgeneratoren in den Schlaf wiegen. Abgesehen von den Kühlschränken sind weder Hütten noch Toiletten mit Elektrizität ausgestattet.
„Die touristischen Angebote in Cabo de la Vela wurden nicht errichtet, weil jemand damit ein Geschäft machen wollte, sondern weil die Strände für die Leute aus der [Provinz] Guajira sehr attraktiv waren“, sagt Remedios, Besitzerin einer der größeren Herbergen am kilometerlangen Sandstrand des Ortes. Die etwa 50-Jährige ist zugleich Dozentin an der Universidad de la Guajira in der Provinzhauptstadt Riohacha und war 1975 Mitgründerin der Wayúu-Organisation Yanama. Sie trägt ein leichtes, weites Kleid, Brille und Kopftuch. Am Nachmittag hat sie im Garten die Pflanzen gepflegt, jetzt sitzt sie vor ihrem Macbook an einem der Tische ihres Restaurants mit Dachterrasse, das gänzlich aus Holz gebaut ist. Im Erdgeschoss ist es stickig. Die verglasten Fenster, vielleicht die einzigen im ganzen Ort, verhindern die Zirkulation der Luft, die bei der traditionellen, halboffenen Architektur normalerweise für Kühlung sorgt. Sowieso wäre die Hitze kaum auszuhalten, bliese nicht beständig ein kräftiger Wind vom Meer.
Cabo de la Vela liegt auf der Halbinsel Guajira im äußersten Norden des südamerikanischen Kontinents. Eingeklemmt zwischen Karibischem Meer und dem Golf von Venezuela ist es der trockenste Landzipfel Kolumbiens, größtenteils eine Halbwüste, staubig und steinig, von dornigen Büschen und Kakteen bewachsen. Allein ein schmaler südlicher Küstenstreifen, der wesentlich kleinere Teil der Halbinsel, gehört zum venezolanischen Bundesstaat Zulia. Beiderseits der Staatsgrenze leben mehrheitlich Wayúu und in beiden Ländern bilden sie die jeweils größte indigene Gruppe ihrer Länder: Während in Venezuela 2011 über 400.000 Wayúu gezählt wurden, registrierte ein Zensus des kolumbianischen Innenministeriums 2005 gut 270.000 Wayúu in Kolumbien. In der Provinz Guajira machen sie damit fast 45 Prozent der Bevölkerung aus. Zwar wurden sie aus dem fruchtbareren Süden beinahe völlig verdrängt, aber schon seit Jahrhunderten haben sie sich mit dem rauen Klima der Halbinsel angefreundet und gelernt mit der Wasserknappheit umzugehen. Sie leben weit verstreut in kleinen Siedlungen, bauen ihre Hütten in der Nähe von Süßwasserquellen, halten Ziegen, gehen fischen und ziehen Gemüse. Allerdings hat es seit über vier Jahren kaum geregnet. Laut meteorologischer Vorhersagen sollen die hohen Temperaturen wegen des Klimaphänomens El Niño dieses Jahr noch bis August anhalten. Die Tiere verdursten, in den Gärten wächst kein Gemüse.
Der Klimawandel macht Cabo de la Vela schwer zu schaffen. 4.700 Kinder seien in den letzten fünf Jahren an Unternährung gestorben, sagt Javier Rojas Uriana, Vertreter der Vereinigung Traditioneller Indigener Autoritäten Shipia Wayúu im Frühling dieses Jahres, als er die Zahlen bekannt gibt, die seine Organisation durch Umfragen registriert hat. Laut der Nationalen Statistikbehörde DANE lag die Kindersterblichkeit unter den Wayúu 2012 bei 38,9 Prozent für die unter Fünfjährigen. Die kolumbianischen Medien sind voll von Nachrichten über die „humanitäre Krise“ in der Guajira. Selten geht es dagegen um die Ursachen des Wassermangels. Wenn, dann wird meist auf den Klimawandel verwiesen. Mehrere Wayúu-Gemeinden beschuldigen aber auch den landesweit größten Steinkohletagebau El Cerrejón (siehe LN 492), Wasser zu verschwenden und den Río Ranchería zu verschmutzen: Die wichtigste Wasserader der Provinz fließt durch das Tagebaugebiet des multinationalen Konzerns. „El Cerrejón ist ein Thema, über das in Kolumbien nicht berichtet wird“, sagt Camilo, ein Fotoreporter und heute Modefotograf, der die Guajira seit beinahe 20 Jahren bereist. „Sobald ein kritisches Wort in einem Medium fällt, entzieht ihm das Unternehmen das Geld für seine Werbung“, erklärt er die Lage, „und wegen seiner Werbung ist El Cerrejón ein sehr großer finanzieller Faktor für die Medien.“ Dagegen bemerkt Edilma, Wirtschaftsprofessorin aus Riohacha, die mit ihrer Familie die Ferien in Cabo de la Vela verbracht hat, kurz vor ihrer Abreise am Frühstückstisch, dass die Wayúu oft krank würden, weil sie aus denselben Wasserreservoirs wie die Tiere trinken würden. „Die Regierung hat eine große Schuld bei den Wayúu zu begleichen“, so Edilma und bezieht sich damit auf den Stausee Represa Ranchería. Zwar wurde er bereits 2010 eingeweiht, aber bis heute wurden keine Aquädukte gebaut, um die Gemeinden mit Trinkwasser zu versorgen.
Tanklaster und von Transportfahrzeugen nach Cabo de la Vela mitgebrachte Wasserkanister mildern die Wasserknappheit. Der Fahrtwind bläst bis auf die hintersten Plätze der überdachten Ladefläche des Transportfahrzeugs. Ein paar Frauen halten sich Schals vors Gesicht, um sich vor dem feinkörnigen Sand zu schützen. Zur Mitte der Ladefläche, zwischen den Beinen der gedrängten Passagier*innen stapeln sich Gepäckstücke und große Wasserkanister. Der Kleinlaster kommt aus Uribia, „indigene Hauptstadt Kolumbiens“ und Verkehrsknotenpunkt der Guajira. Dort werden Tourist*innen, in Sammeltaxis aus Riohacha kommend, zu den Einheimischen unter die Plastikplane gequetscht und ihre Trekkingrucksäcke zu Lebensmittelsäcken und randvoll gefüllten Styropor-Kühlboxen aufs Fahrzeugdach geschnürt. Ein Tourist aus Montería blickt verunsichert in die Runde – von den Gesprächen seiner Wayuunaiki sprechenden Mitreisenden versteht er kein Wort. Hinter Uribia ist die Straße unasphaltiert. Sie verläuft parallel zur Eisenbahnlinie, die auf 150 schnurgeraden Kilometern das Minenareal des Cerrejón mit dem Hafen in Puerto Bolívar verbindet. Zwei Militärs springen auf, lassen sich zum nächsten Wachpunkt mitnehmen. Überholende Privatjeeps werden alle paar Kilometer von Schnüren aufgehalten, die Wayúu-Kinder über die Straße spannen. Mit ausgestreckten Händen erwarten sie den Münzregen. Was wie ein Spiel aussieht, soll zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, erklärt der Fotograf Camilo.
Zwei Autostunden später treffen die Reisenden samt Gepäck, Softdrinks, Bier und Eiswürfeln in der Herberge von Remedios in Cabo de la Vela ein. Die Tourist*innen brauchen sich keine Gedanken zu machen, die gewohnte Getränkeauswahl im abgelegenen „Naturparadies“ übermäßig einschränken zu müssen. Zum Duschen genügt ein Eimer Süßwasser aus der Zisterne, um sich mit einem Kännchen zu begießen und Salz und Staub loszuwerden. Die Herbergen leisten sich teure Tanklaster aus Uribia, um den Gästen diesen ortsunüblichen Luxus zu garantieren. „Wir wollen ein paar Tage bleiben, weil es sehr schön hier ist. Warum baut ihr nicht ein kleines Haus, um es an uns zu vermieten?“, zitiert Remedios ihre Gäste von vor 25 Jahren, als sie damit anfing, die ersten Tourist*innen zu beherbergen. Bei diesen Ansprüchen blieb es nicht: „Ach, könnt ihr uns nicht diese Fische zubereiten? Denn es gibt hier keine Möglichkeit zu essen“, zitiert Remedios weiter, „sodass wir einen Tisch in unsere Hütte stellten, wohin die ersten zum Essen kamen. Aber im nächsten Jahr fingen sie dann an, sich über den vielen Sand zu beschweren, dass es keine richtige Küche gebe … Also haben wir nach und nach unsere Angebote verbessert.“ Trotzdem scheint Remedios nicht besonders daran interessiert, womöglich mit externer Hilfe möglichst viel Gewinn aus dem Geschäft zu schlagen; stattdessen ist sie seit Jahrzehnten eine Vorkämpferin für die Autonomierechte der Wayúu, seien es der Schutz des Territoriums, ein eigenes Justizsystem oder das bilinguale interkulturelle Bildungssystem (siehe Interview S.48).
Remedios deutet an die Wände des Restaurants: „Die Bilder hier sind indigene Motive. Wir zeigen den Kunden unsere Kultur. Die Frauen verkaufen ihr Kunsthandwerk, und wenn es verlangt wird, werden an einigen Orten Tänze aufgeführt. Nur unsere heiligen Stätten zeigen wir nicht.“ Dabei befindet sich gerade in der Nähe von Cabo de la Vela jener Eingang, durch den die Seelen der verstorbenen Wayúu nach ihrer Reise über die Milchstraße treten, um künftig am Meeresgrund zu leben. Aber seine Lage soll den Tourist*innen verborgen bleiben, genauso wie es keine Landtitel gibt, um die kollektive Selbstbestimmung der Wayúu über ihr Territorium zu bewahren und Investor*innen abzuwehren: „Wenn es Landtitel gäbe, hätte einer im Suff längst sein Land an jeden X-beliebigen verkauft“, unterstreicht Remedios. Und da ein Bau den Klimabedingungen nur wenige Jahre standhalte, seien auch Angebote, dass ein errichtetes Hotel nach zwanzig Jahren in die Hände der Wayúu übergehen solle, sinnlos. So kommt es, dass selbst Bessudo, der Geschäftsführer des größten kolumbianischen Tourismuskonzerns Aviatur, mit leeren Händen wieder abziehen musste.
Dass die kollektive Selbstbestimmung über ihr Territorium bei den Wayúus groß geschrieben wird, bekam auch das größte kolumbianische Erdölunternehmen Ecopetrol zu spüren. Zusammen mit Repsol, seinem spanischen Pendant in der Branche, wollte es vor der Küste Cabo de la Velas seismologische Untersuchungen zu Gas- und Ölvorkommen durchführen. Im Februar 2013 sprachen sich die Traditionellen Autoritäten Cabo de la Velas öffentlich gegen das staatlich begleitete Projekt aus. Das repräsentative Entscheidungsgremium innerhalb der Wayúu-Selbstverwaltung berief sich auf die gesetzlich verankerten Zustimmungs- und Autonomierechte der indigenen Gemeinschaften Kolumbiens: Nach den negativen Erfahrungen anderer Wayúu-Gemeinden mit ähnlichen Projekten wollten sie nicht zulassen, dass ihr heiligster Ort, wo die Seelen ihrer Verstorbenen weilten, angetastet werde, äußerten sich die Traditionellen Autoritäten in einer Pressemitteilung über ihre Entscheidung. Im selben Dokument, das mit der Bitte um Solidarität über mehrere Medien verbreitet wurde, beklagten die offiziellen Vertreter*innen Cabo de la Velas, dass während der übereilten Konsultationen Druck ausgeübt und falsche Versprechungen gemacht worden seien. Für die Wayúu reicht ihr Territorium, soweit ihre Herden ziehen und soweit ihre Fischerboote fahren, um die Ernährung der Familien sicherzustellen. Sie fürchten, dass durch Ölbohrungen der Fischfang eingeschränkt und das Gleichgewicht der Umwelt gestört werden könnten. Selbst für den Bau einer besseren Straße an den beliebten Urlaubsort findet sich bisher keine überwiegende Zustimmung in der Gemeinde. Der Weg nach Cabo de la Vela bleibt mühsam, so wie Tourist*innen mehr als hilfsbedürftige Gäste denn als lukrative Einkommensquelle gesehen werden. Remedios steht mit ihrer Haltung nicht allein.

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