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„Lateinamerika muss sich vereinigen“

Venezuela ist bekannt für seine Position, die lateinamerikanische Integration voranzutreiben und sich dem US-amerikanischen Projekt der Freihandelszone ALCA zu widersetzen. Welche Rolle spielt die Europäische Union für die venezolanische Außenpolitik?

In der Tat ist Venezuela ein treibender Faktor in der lateinamerikanischen Integration. Wir befinden uns bereits in einem Integrationsprozess mit Brasilien, Argentinien, Uruguay, Kuba und den Staaten der Karibischen Gemeinschaft (CARICOM), um nur die engsten Kontakte zu nennen. Die Europäische Union einschließlich Deutschland haben Lateinamerika hingegen lange vernachlässigt. Das wird dort auch anerkannt, etwa von Außenminister Joseph Fischer, mit dem ich mich getroffen habe. Ich denke aber, dass es künftig Veränderungen geben wird, schließlich ist der lateinamerikanische Markt mit seinen 530 Millionen Menschen nicht unbedeutend. Das Interesse Europas am lateinamerikanischen Integrationsprozess wird wachsen.

Das hört sich vor allem nach einem wirtschaftlichen Interesse an, das die EU entwickeln könnte?

Sicher, aber nicht nur. Lateinamerika hat große Energie- und Agrarpotenziale und die größten Süßwasserreserven der Welt. Die sind von Interesse für europäische Unternehmen, geben Lateinamerika aber auch eine Verhandlungsmacht, zumal wenn wir gemeinsam vorgehen. In Lateinamerika wächst in der Bevölkerung und den Regierungen das Bewusstsein, dass wir unsere Probleme, vor allem die Armut, nur durch Integration bewältigen können. Wir sind eine einzige Nation in Lateinamerika und wir müssen uns wieder vereinigen. Verhandlungen mit der EU werden wir nur auf der Grundlage gegenseitigen Respekts führen.
Auch dafür ist die Integration in Lateinamerika von Vorteil.

Hat der Blick auf eine verstärkte Kooperation mit der EU das Ziel, die USA auszubooten?

Keineswegs. Die USA könnten selbst den größten Nutzen aus einer lateinamerikanischen Integration ziehen. Wenn es Lateinamerika besser geht, entsteht doch ein größerer Absatzmarkt für die USA, weil ein größeres Konsumpotenzial vorhanden ist. Aus lateinamerikanischer Sicht wurde die Integration immer positiv gedacht, nur in den USA wird dieser Prozess negativ dargestellt. Ich nenne nur ein Beispiel: Seit den achtziger Jahren sind die venezolanischen Öllieferungen in die USA stabil und vertragskonform abgewickelt worden. Mit einer Ausnahme: Während des von den Chávez-Gegnern initiierten Ölstreiks von Dezember 2002 bis März 2003. Wir sind auch durchaus bereit, einen Teil des wachsenden Ölbedarfs der USA zu decken.

Der Ölsektor ist zentral für Venezuelas Entwicklung. Wie sehen die Planungen aus?

Wir wollen von derzeit 3,6 Millionen Barrel (1 Barrel = 159 l) täglicher Förderung mittelfristig auf fünf Millionen Barrel kommen. Außerdem wollen wir unsere Absatzmärkte diversifizieren. Zudem verfolgen wir die Strategie der Valorisierung des Öls, das heißt, wir setzen mehr und mehr auf Weiterverarbeitung statt auf Rohölexport.

Als alleiniges Fundament für eine moderne Volkswirtschaft wird der Ölsektor aber nicht ausreichen. Wie sieht es in anderen Wirtschaftszweigen aus?

Der Ölsektor ist das Fundament, aber wir verbreitern bereits unsere wirtschaftliche Basis. 2004 verzeichnete das Land 18 Prozent Wachstum, und dabei wuchs der Nicht-Erdölsektor stärker als der Erdölsektor. Das zeigt, dass die Diversifizierung bereits erste Früchte trägt. Dennoch wird der Ölsektor große Bedeutung behalten, weil aus ihm die größten Einnahmen stammen, mit denen die sozialen Programme und die Umgestaltung der Wirtschaft finanziert werden.

Wie solide ist das Projekt der bolivarianischen Revolution politisch? Die Opposition hat fast alles versucht, um Präsident Hugo Chávez von der Macht zu verdrängen: Putsch, Ölstreik, Referendum.

Die internen Probleme sind weitgehend gelöst. Die Opposition ist nach den Niederlagen schwach und fast bewegungslos. Wir warten auf ein politisches Programm, glauben aber nicht, dass es kommen wird. Extern ist die Lage komplizierter: Die USA versuchen uns nach wie vor zu isolieren. Doch unsere Stärke ist die Wahrheit. Wir müssen nichts erfinden. Unsere Kampagne muss sich an das US-amerikanische Volk richten. Denn nur die Bevölkerung der USA selbst kann die Außenpolitik letztlich ändern.

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