Film | Nummer 619 - Januar 2026

Lateinamerikanische Filmhorizonte

Bericht vom Filmfestival von San Sebastián 2025

Auf dem Filmfestival im baskischen San Sebastián werden auch die neusten Beiträge lateinamerikanischer Regisseur*innen gezeigt und prämiert. LN berichten von der Stimmung und Kontroversen der Veranstaltung und führen in die Geschichte des Festivals sowie die wichtigsten Filme aus Lateinamerika ein.

Von Wolfgang Marin Hamdorf, San Sebastián
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Die 17-Jährige Ainara möchte nach dem Abitur Nonne werden – das ist selbst ihrem katholischen Vater und ihrer Großmutter unheimlich. Besonders ihre Tante versteht nicht, dass die Nichte nicht an die Universität gehen will: Los domingos ist ein ungewöhnlicher Familienfilm der jungen Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa und hat den Hauptpreis des Festivals, die Concha de Oro, für den besten Film erhalten. Damit gewinnt zum dritten Mal in Folge ein spanischer Film den Hauptpreis in San Sebastián.
Dabei ging es anfangs gar nicht so sehr um den spanischen Film: Das Filmfestival von San Sebastián wurde am 21. September 1953 ins Leben gerufen, um in erster Linie den Wunsch der Hotel- und Tourismusbranche der Stadt zu erfüllen. Ein großes Kulturereignis sollte die Saison bis in den Oktober hinein verlängern und mit Glamour und rotem Teppich Touristinnen bis in den Herbst hinein ins baskische Seebad locken. Natürlich wollte auch das Franco-Regime sein repressives Image mit dem Glamour der Stars und Sternchen des Weltkinos aufpolieren. In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich die Rolle des Festivals jedoch deutlich. In den letzten Jahren der Diktatur wurde das Festival zur Plattform junger Filmemacherinnen, die eine mögliche Demokratisierung nach dem Tod des greisen Diktators vorausahnten.
San Sebastián war schon immer ein politisches Festival, geprägt durch die Franco-Diktatur, die Auseinandersetzung um die baskische Unabhängigkeitsbewegung und den ETA-Terrorismus. Gleichzeitig entwickelte es sich zu einer zentralen Plattform für den lateinamerikanischen Film, insbesondere für den Nuevo Cine Latinoamericano, eine an den italienischen Neorealismus orientierte und stark sozial sowie politisch motivierte Filmbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre. Auch die Vertreter*innen des jungen argentinischen Kinos fanden in San Sebastián ein begeistertes Publikum. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche weitere Werke aus Lateinamerika ausgezeichnet.

Lateinamerikanischer Film ist Schwerpunkt – Gold gewinnt dennoch Spanien

Heute ist Lateinamerika ein zentraler Programmschwerpunkt des Festivals im baskischen Seebad. Dies zeigt sich durch die Teilnahme am Wettbewerbsprogramm sowie durch die Reihe Horizontes Latinoamericanos, die eigene Preise verleihen. Drei argentinische Filme liefen dieses Jahr im Wettbewerb. Im vergangenen Jahr gab es angesichts der brachialen Sparmaßnahmen unter der Milei-Regierung eine große Solidaritätsveranstaltung mit dem argentinischen Film. Daniel Hendler ist ein brillanter Schauspieler und Regisseur großartiger Komödien. In seinem jüngsten Film 27 Noches ist er nicht nur in der Hauptrolle zu sehen, sondern hat auch Regie geführt und das Drehbuch geschrieben. Der Titel bezieht sich auf die Anzahl der Nächte, die die 83-jährige Martha Hoffmann zwangseingewiesen in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte. Aus Angst, dass ihre Mutter ihr Vermögen an junge Freund*innen und Liebhaber verschenken könnte, haben ihre beiden Töchter sie einweisen lassen. Hendler verkörpert den Gutachter, der nun prüfen soll, ob Martha noch zurechnungsfähig ist. Mit dem verklemmten Gutachter und der lebenslustigen, älteren Dame, die offen mit Sexualität und Alkohol umgeht, prallen zwei Welten aufeinander. Auch der argentinische Politthriller Belén im Wettbewerb erzählt vom Zusammenstoß zweier sozialer Wirklichkeiten, siehe LN 618. Eine junge Frau wird wegen einer vermeintlich illegalen Abtreibung im Krankenhaus verhaftet. Aus diesem Fall entwickelt sich ein Gerichtsdrama und eine breite Bürgerrechtsbewegung gegen die Illegalisierung von Abtreibungen entsteht. Der Film basiert auf einem authentischen Fall aus Tucumán aus dem Jahr 2014.

Diverse lateinamerikanische Beiträge behandeln komplexe Familienbänder und wirtschaftliche Not

Die schweiz-argentinische Regisseurin Milagros Mumenthaler zeigt ihren Film Las Corrientes. Lina, eine erfolgreiche Modedesignerin, scheint auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn angekommen zu sein. Nachdem die 34-Jährige in der Schweiz einen Preis entgegengenommen hat, folgt sie einem spontanen Impuls. Sie stürzt sich in den eiskalten Fluss. Zurück in Buenos Aires erzählt sie niemandem davon. Doch etwas hat sich in ihr verändert, etwas ist aufgerissen in ihrer Vergangenheit. Las Corrientes ist ein geheimnisvoller und subtiler Film über Depressionen, psychische Erkrankungen und die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich. Regisseurin Milagros Mumenthaler sieht die argentinische Filmindustrie trotz der drei Wettbewerbsfilme in San Sebastián in einer schweren Krise: „Die Filmindustrie wird niedergemacht. Argentinische Filmemacher wandern bereits nach Spanien, Uruguay und Mexiko aus. Freunde von mir, die in der Produktion arbeiten, haben angefangen, Taxi zu fahren.“

Um Geldnöte in der Wirtschaftskrise geht es auch in dem argentinischen Film El mensaje von Iván Fund, siehe LN 609, der in der Reihe Horizontes Latinoamericanos gezeigt wurde. Der Film ist ein Schwarz-Weiß gedrehtes Roadmovie. Ein Paar fährt mit einem Mädchen über die staubigen Straßen der argentinischen Provinz. Das Mädchen soll die Gabe besitzen, mit Tieren zu sprechen. Dafür geben Herrchen und Frauen dem Medium auch gerne etwas von ihren knappen Ersparnissen. Es geht um Geschäft, Aberglauben, Magie und Betrug, aber auch sehr behutsam und feinfühlig um die Psychologie dieser ungewöhnlichen kleinen Familie.
Auch in dem chilenischen Film La misteriosa mirada del flamenco des 30-jährigen Regisseurs Diego Céspedes geht es um eine besondere Familie, die aus der Perspektive eines Mädchens am Beginn der Pubertät gezeigt wird. Céspedes erzählt die Geschichte im Stil eines Westerns mit Elementen des magischen Realismus. Der Film setzt zu Beginn der AIDS-Epidemie in den frühen 1980er-Jahren an. Das Findelkind Lidia wurde von einer Queerkommune im Norden Chiles aufgezogen. Als sich die Dorfbewohnerinnen nach Ausbruch der Krankheit gegen die queere Gemeinschaft wenden, die am Rande der Bergwerke in der Wüste eine Art Salon betreibt, eskalieren die Ereignisse und die Welt der elfjährigen Lidia gerät ins Wanken.

Der Hauptpreis der Reihe Horizontes mit zwölf lateinamerikanischen Filmen ging an den kolumbianischen Film Un poeta. Regisseur Simón Mesa Soto erzählt darin eine bittersüße Kultur-Satire über einen Dichter, der verzweifelt nach Anerkennung unter seinen Kolleginnen und beim Publikum sucht, obwohl seine besten Zeiten längst vorbei sind. In Depressionen und Alkoholismus versunken, holt ihn eine junge Studentin wieder ins Leben zurück. Der auf Super 16 mm gedrehte Film verbindet Humor mit drängenden sozialen Fragen und der Bedeutung von Kunst und Poesie in einer Welt, die zunehmend auf wirtschaftliche Effizienz und Gewinn ausgerichtet ist.


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