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Leben in einer neuen Stadt

Brasília, die Utopie, die Hauptstadt, das Zentrum des Landes. Brasília stories erzählt die Geschichte einer Metropole, die als solche bereits auf dem Papier stand, bevor sie überhaupt existierte. Der Entwurf, wurde schon 1891 in der Verfassung Brasiliens festgehalten und ein halbes Jahrhundert später realisiert.
Lima, Mexiko-Stadt, Buenos Aires und Brasília? Letztere Hauptstadt hat keine jahrhundertealte Geschichte vorzuweisen. Keine architektonischen Stile überlagern andere, keine kolonialen Bauten werden hier von einer etwaigen Architektur des 20. Jahrhunderts integriert oder verdeckt. Brasília ist auch eine Absage an portugiesische Kolonialzeit. Ende der 50er Jahre schufen die Architekten Lucío Costa und Oscar Niemeyer in einer Zeit des nationalen Aufbruchs das neue Zentrum Brasiliens. Stark beeinflusst von den Vorstellungen der modernen Stadt Le Corbusiers wurde der plano piloto (die Stadt trägt den Grundriss eines Flugzeugs oder Kreuzes) von den aus allen Teilen des Landes kommenden pioneiros in die Tat umgesetzt. Innerhalb von nur drei Jahren konnten die größten Bauvorhaben auf der Nord-Süd sowie auf der Ost-Westachse fertiggestellt werden: Supercuadras, Einkaufszentren, Kathedrale, Präsidentenpalast. Die Ober- und Mittelschicht konnte einziehen, während für viele der an der Konstruktion beteiligten pioneiros nur die Umsiedlung in die umliegenden Satellitenstädte blieb. Für die sozial schwächeren Schichten war kein Platz in der neuen Metropole.
Seu Jorge, dessen Geschichte in brasília stories erzählt wird, ist einer dieser pioneiros. Er wohnt nach der erfolgten Zwangsumsiedlung durch die Stadtverwaltung heute in einer der vielen Satellitenstädte außerhalb von Brasília. Als Rohstofflieferant hatte er sich während der Pionierszeit verdient gemacht. Die Großfamilie hatte sich auf einer leerstehenden Grünfläche eine Hütte aus Brettern zusammengezimmert und lebte hier zwischen den Wohnblöcken. Dreißig Jahre dauerte der Kampf um das besetzte Grundstück, bis eines Tages „so viele Männer wie nie zuvor kamen und einfach alles zerstörten“, berichtet Seu Jorge. Die Familie zerstreute sich daraufhin in alle Richtungen.
Raimundo Bento de Araujó hingegen spricht immer noch voller Inbrunst, wenn er von den Tagen der Konstruktion berichtet. Für ihn ist Brasília dieses Novum, diese fleischgewordene Utopie, an der er vom ersten Spatenstich an Anteil nahm. Nachdem es vorerst auch für ihn keine Möglichkeit gab, eine Wohnung in einer der Supercuadras zu erhalten und er deswegen Brasília verlassen mußte, ist er später zurückgekehrt und arbeitet heute für die Stadtverwaltung. Die Autorin Carmen Stephan beschreibt in brasília stories anhand verschiedener Charaktere das vielschichtige Bild einer faszinierenden Stadt. Wie im Fall der pioneiros werden Menschen mit ganz unterschiedlichen Bindungen zu Brasília porträtiert, denen aber eben jene Verbindung gemein ist: Ihre Geschichte ist auch Teil des Mosaiks der Geschichte Brasílias. Der Künstler, der in der Einsamkeit auch den Antrieb sieht. Die Tänzerin, deren Körper als Projektion ihrer selbst dient. Der Erleuchtete, der Mondspaziergänge mit Anhängern durch die nächtliche Stadt vornimmt. Der Koch des damaligen Präsidenten Juscelino Kubitschek, sie alle formen dieses Porträt einer Stadt, deren Geschichte erst noch geschrieben wird.
Carmen Stephan schafft es, dem betrachtenden Lesenden ein intimes Bild dieser Metropole zu zeichnen, ohne den kritischen Blick zu verlieren. Themen der sozialen Exklusion werden wirtschaftlichem Aufschwung gegenübergestellt, während Kunst und Spiritualität weitere Einblicke geben. Angeblich ist die Energie des Territoriums, auf dem Brasília gebaut wurde, kaum zu übertreffen. Brasília sei eben der Ursprung dieses gelobten Landes, in dem eines Tages, der Vorhersagung des katholischen Ordensgründers Dom Boscos folgend, Milch und Honig fließen werden.

Carmen Stephan und Gleice Mere (Fotografin): brasília stories, Leben in einer neuen Stadt. blumenbar. 2006.

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