Leben in zwei Welten
Die Auswirkungen des Tourismus auf die kubanische Gesellschaft

Der Tourismus hat eine lange Geschichte in Kuba und spielt seit jeher eine zentrale Rolle für die kubanische Wirtschaft. Lange Zeit galt die Insel als das Reiseziel Nummer eins bei US-Amerikaner*innen, wie der Politikwissenschaftler und Kuba-Experte Bert Hoffmann betont. Viele Hotels stammen aus den 1920er und 30er Jahren. „Kuba war zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtiger als Miami“, erklärt Hoffmann. Mit der kubanischen Revolution 1959 änderte sich das und der internationale Tourismus spielte kaum noch eine nennenswerte Rolle. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre endete für Kuba die finanzielle Unterstützung aus dem Ostblock und es geriet in eine schwere Wirtschaftskrise. Daraufhin setzte die Regierung wieder verstärkt auf den internationalen Tourismus und baute ihn sukzessiv und systematisch aus.
Die Einnahmen aus dem Tourismus brauchte Kuba dringend und auch heute ist die Karibikinsel auf den Sektor angewiesen, was vor allem an ihrer Importabhängigkeit liegt. Viele Dinge, die die Bevölkerung braucht, müssen aus dem Ausland eingeführt werden – darunter Lebensmittel, Medikamente und Maschinen. Und um diese Importe bezahlen zu können, benötigt das Land Devisen, also ausländische Währungen wie den US-Dollar oder Euro. Da Kuba selbst nur wenige Devisen erwirtschaftet, ist es extrem abhängig davon, dass Geld aus dem Ausland reinkommt.
Der Journalist Marcel Kunzmann erklärt, dass sich der Tourismus in Kuba zum wichtigsten und auch verlässlichsten Devisenbringer entwickelte, weil es jahrelang immer ein Wachstum gab.
In den Spitzenjahren 2017 und 2018 verzeichnete Kuba laut Angaben des Nationalen Amts für Statistik und Information (ONEI) 4,6 und 4,7 Millionen Touristinnen. Von diesen Zahlen ist die Karibikinsel mittlerweile deutlich entfernt, da sie sich von dem schweren Einbruch des Tourismussektors infolge der Coronapandemie nie komplett erholt hat. Laut ONEI verzeichnete Kuba in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 1,6 Millionen Touristinnen – ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie, wenn auch ein leichter Anstieg gegenüber dem gleichen Zeitraum des Jahres 2024. Dennoch setzt das Land weiterhin auf einen umfangreichen Ausbau. So gibt es beispielsweise seit dem 3. Dezember 2025 auch wieder Direktflüge zwischen Deutschland und Kuba, durchgeführt von der kubanischen Airline Cubana de Aviación.
Tourismus bringt Einnahmen inmitten der Wirtschaftskrise
Gerade jetzt, wo das Land in einer anhaltenden Wirtschafts- und Versorgungskrise steckt, siehe LN 612, sind die Einnahmen aus dem Tourismussektor wichtiger denn je. Die Ursachen der aktuellen Krise sind vielfältig und reichen von strukturellen Wirtschaftsproblemen und verschleppten Reformen bis hin zu fehlenden Investitionen in Energie- und Transportinfrastruktur, hoher Importabhängigkeit und den anhaltenden US-Sanktionen. Letztere wurden unter der zweiten Amtszeit von Donald Trump noch einmal deutlich verschärft, auch wenn das Wirtschaftsembargo schon seit über sechs Jahrzehnten besteht – als Reaktion der USA auf die Revolution 1959. „Das ist ein großer Faktor, der vieles einschränkt“, erklärt Hoffmann und verweist auf die verheerenden Folgen für den Tourismussektor: US-Amerikanerinnen dürfen nicht nach Kuba reisen, dabei ist das geographisch so nah, „das wäre die normale Touristen-Hauptquelle für ein Karibikland in dieser Gegend“. Hinzu kommt, dass auch Touristinnen aus Europa und anderen Weltregionen indirekt betroffen sind, denn wer nach Kuba reist, verliert den Zugang zum vereinfachten ESTA-Visum der USA – eine Hürde, die viele potenzielle Reisende abschreckt.
Trotz der US-Sanktionen und der anhaltenden Krise zieht Kuba weiterhin Millionen Touristinnen aus aller Welt an. In der Hauptstadt Havanna lassen sie sich in den typisch bunten Oldtimern durch die Straßen fahren, bewundern die gut erhaltene koloniale Architektur und genießen Cocktails und tropische Früchte. Ihr Aufenthalt besteht aus Sonne, Strand und Ausflügen – der perfekte Traumurlaub. Für die große Mehrheit der kubanischen Bevölkerung sieht die Realität jedoch ganz anders aus. Sie leidet unter der anhaltenden Wirtschaftskrise, Energieengpässen, niedrigen Löhnen und leeren Supermarktregalen. Selbst grundlegende Medikamente sind oft kaum zu bekommen – und das in einem Land, das eigentlich für sein hervorragendes Gesundheitssystem bekannt ist- siehe LN 339/340. Der Kontrast zwischen touristischem Wohlstand und alltäglicher Knappheit schürt eine große soziale Ungleichheit, die in dem sozialistischen Staat besonders hart erlebt wird, weil sie dem Gerechtigkeitsversprechen widerspricht.
Doch die Kluft verläuft nicht nur zwischen den Touristinnen, die mit ihrer ausländischen Währung einen komfortablen Urlaub genießen können und den Einheimischen, die vielerorts ums Überleben kämpfen. Der Tourismus führt auch zu einer tiefen Spaltung innerhalb der kubanischen Bevölkerung, denn nicht alle profitieren. Während die Kubanerinnen, die im Tourismussektor arbeiten, Zugang zu Devisen haben, bleiben die Kubanerinnen, die in kubanischen Pesos verdienen, auf der Strecke. Wie extrem diese Unterschiede sind, zeigt Hoffmann eindrücklich: „Was ein Kellner als Trinkgeld in einem Hotel bekommt, ist möglicherweise an einem einzigen Frühstück mehr als das, was der Stahlarbeiter im ganzen Monat bekommt. Das reißt eine Gesellschaft auseinander. Das ist brutal.“
Der Tourismus bleibt für Kuba einerseits eine unverzichtbare Einnahmequelle, gerade in Zeiten akuter Wirtschaftskrise und chronischer Devisenabhängigkeit. Andererseits ist nicht erst seit der Coronapandemie klar, wie riskant ein solch einseitiges Wirtschaftsmodell ist. Hinzu kommt, dass die Gewinne aus dem Tourismus nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugutekommen. Diejenigen, die nicht im Tourismus arbeiten und damit keinen direkten Zugang zu ausländischer Währung haben, profitieren kaum. Eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung Kubas wird daher nicht nur strukturelle Reformen, eine breitere wirtschaftliche Basis und ein sofortiges Ende der US-Sanktionen erfordern, sondern auch ein Ende der US-Sanktionen und eine gerechtere Verteilung der touristischen Gewinne innerhalb der Bevölkerung.



