Berlinale

Leerer Voyeurismus

„Rosebush Pruning“ kann der Dekadenz der Superreichen nur wenig neue Facetten abgewinnen

Von Dominik Zimmer

Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz (u.a. Madame SatãMotel Destino) hat sich über die letzten Jahrzehnte einen guten Ruf auch weit über sein Heimatland hinaus erarbeitet. Ein Staraufgebot wie bei seinem neuesten Film Rosebush Pruning (Den Rosenbusch stutzen) durfte er aber noch nie dirigieren: Elle Fanning, Jamie Bell, Callum Turner (der als der nächste James Bond gehandelt wird) und Pamela Anderson spielen in der allerersten Liga englischsprachiger Darsteller*innen. Dass Aïnouz damit in den Wettbewerb der 76. Berlinale eingeladen wurde, ist angesichts dieser beeindruckenden Namensliste wenig überraschend.

© Felix Dickinson

Mit Brasilien hat sein Film, man ahnt es schon am englischen Titel, allerdings gar nichts mehr zu tun. Die bitterböse Satire um eine viel zu reiche US-amerikanische Familie, die nur noch ihr Geld für sich arbeiten lässt, ist stattdessen – warum auch immer – in Südspanien angesiedelt. Dort tun sich Abgründe auf: Der blinde Vater demütigt seine vier volljährigen Kinder durch vernichtend-abwertende Kommentare und die Zuweisung erniedrigender Aufgaben. Bis auf Mode und Musik scheint die verzogenen Gören kaum etwas zu interessieren, ansonsten widmen sie sich sexuellen Grenzüberschreitungen und gegenseitigen Ekelhaftigkeiten. Man wohnt in einer Luxusvilla auf einem Berggipfel, das die (angeblich von Wölfen zerfleischte) Mutter kurz vor ihrem Tod für ihre Liebsten ausgewählt hat. Der inzestuösen Einsamkeit droht aber empfindliche Störung, als der älteste Sohn Jack (er dürfte mindestens 30 sein) mit seiner Freundin in die Stadt ziehen will. Um diesen Plan zu verhindern, kommen die widerlichsten Eigenschaften zum Einsatz. 

Es wird schon sehr früh im Film klar, was uns Karim Aïnouz und sein Drehbuchautor Efthymis Filippou (u.a. The Lobster) sagen möchten: Zu viel Reichtum führt gepaart mit Langeweile zu Verkommenheit. Wem die Realität zur Bestätigung dieser These nicht ausreicht (der aktuell reichste Mensch der Welt ist nur die Spitze des Eisbergs), der findet zum Thema mittlerweile schon reichlich Vorlagen in der Popkultur. Unter anderem spielen die Serie Succession oder der Film Saltburn sehr ähnliche Szenarien durch, sodass manche mittlerweile von einem eigenen Genre sprechen (unter den Namen Eat the Rich oder Wealth Porn). Viel mehr als eine weitere inhaltsleere Zurschaustellung reicher Dekadenz hat Rosebush Pruning dem nicht hinzuzufügen. Dass die Story in den wortwörtlichen Abgrund führt, kann niemanden überraschen und selbst die Schockmomente sind erwartbar. Abgesehen vom voyeuristischen Spaß an der Selbstzerstörung schlechter, reicher Menschen, ein bisschen knalliger Musik und quietschbunten Farben bleibt fürs Publikum nicht viel übrig.  Rosebush Pruning sollte definitiv niemand ansehen, der keine drastischen Sex- und Gewaltszenen verträgt. Aber auch für alle anderen hätte es diesen Film trotz technisch guter Umsetzung nicht unbedingt gebraucht.

Rosebush Pruning, Italien/Spanien/Deutschland/Großbritannien 2026, 93 Minuten, Regie: Karim Aïnouz; Englisch mit deutschen Untertiteln; Berlinale-Sektion Wettbewerb

LN-Bewertung: 2/5 Lamas

 

Berlinale-Termine: 

Dienstag, 17. Februar, 21:45 h, Uber Eats Music Hall

Sonntag, 22. Februar, 17:15 h, Haus der Berliner Festspiele


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