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Letzte Ausfahrt Buenos Aires

Taxifahrer genießen den Ruf, die Seismografen einer Gesellschaft zu sein. Unzählbar sind die Reportagen, in denen ein Vertreter dieser Berufsgattung als typischer „Mensch von der Straße“ seinen Kommentar zu Politik und Fußball, Wirtschaftskrisen und Sexskandalen abgibt. Jenseits dieser publizistischen Allgemeinplätze ist der Taxifahrer jedoch gerade in den wirtschaftlich gebeutelten Ländern Lateinamerikas zum gesellschaftlichen Prototypen wider Willen avanciert: nämlich zum Inbegriff der flexibilisierten Existenz in den Zeiten des Neoliberalismus. Denn viele sehen sich gezwungen, ihre miserablen Einkünfte durch einen Nebenjob als TaxifahrerIn aufzubessern. So ist es längst Alltag, dass sich die Person hinter’m Lenkrad beim Gespräch mit den PassagierInnen als Klinikärztin oder Ingenieur, Lehrerin oder Bankangestellter zu erkennen gibt.
In dem argentinischen Film „Taxi – un encuentro“, der in Deutschland unter dem Titel „Taxi – eine Nacht in Buenos Aires“ ins Kino kommt, begegnet uns ein junger Kleinganove, dessen Leben offenbar so trostlos ist, dass ihm sogar der Job eines Taxifahrers begehrenswert erscheint. Als Kunde getarnt, streunt Esteban durch das nächtliche Buenos Aires und überfällt Taxis. Zu Beginn des Films rückt er einem Fahrer mit gezückter Pistole zu Leibe. „Ich habe drei Kinder“, versucht der Überfallene ihn zu beschwichtigen, was Esteban ganz cool an sich abprallen lässt: „Ich weiß, drei Kinder, einen Hund und eine kranke Großmutter. Wir haben alle das gleiche Problem.“ Dann katapultiert Esteban den Taxifahrer auf die Straße. Doch bevor er die Werkstatt ansteuert, wo eine Hehlerbande die Karosse in Empfang nehmen wird, gönnt sich Esteban noch den Luxus, eine Nacht lang in die Haut eines Taxifahrers zu schlüpfen: Nachdem seine ruhelosen Hände die Armaturen befingert haben, wirft er einen beherzten Blick in den Rückspiegel und fährt los.

Plausch im Fond

Die Personen, die in dieser Nacht auf Estebans Rückbank Platz nehmen, sind aber keineswegs die nächsten Opfer. Im Gegenteil: Statt ihnen in einer dunklen Ecke die Brieftasche zu rauben, überschüttet Esteban seine PassagierInnen mit leutseligem Geplauder: Der jungen Frau macht er ölige Komplimente. Den Zeitgenossen, der seine Hände um einen Koffer gekrallt hat, versucht er mit einem harmlosen Redeschwall einzulullen. Und als ein Besoffener einsteigt, steigert sich der Smalltalk zur melancholischen Verbrüderung: Am Ende trällern die beiden den unmelodischsten Tango, den Buenos Aires je gehört hat. Ganz nebenbei erspinnt Esteban sich in seinen Gesprächen eine neue Vita nach dem Motto „bescheiden, aber ehrlich“. So fabuliert er, der Wagen gehöre seinem Vater, und er selbst sei ins Geschäft eingestiegen, nachdem er seinen vorherigen Job verloren habe. Estebans Inszenierung, die so authentisch daherkommt, als glaube er selbst daran, gipfelt in den Worten: „Man muss dankbar sein, Arbeit zu haben, auch wenn es in der Nacht ist.“
Doch irgendwann kommt der Moment der Erschöpfung. Soeben fährt Esteban an einer Ecke vorbei, wo Schüsse zu hören sind. Er will Gas geben und nichts wie weg, da wirft sich eine junge Frau ins Taxi. Sie ist vollkommen verstört. Aus der Schusswunde an ihrer Schulter tropft Blut auf die Polster. „Fahr bitte los“, ist alles, was sie hervorbringt. Estebans erster Impuls ist, die Verletzte ihrem Schicksal zu überlassen. Doch dann besinnt er sich eines anderen. Der Beginn einer wundervollen Freundschaft?

Wolke aus Abgasen und Resignation

„Taxi – eine Nacht in Buenos“ wimmelt von isolierten Gestalten. Im umbarmherzigen Schein von Verkehrslaternen und Neonreklamen hetzen sie durch die Gegend. Das Taxi wirkt wie der einzige Ort, wo sie einen Moment zu sich kommen, bevor die Tristesse da draußen sie wieder verschluckt. Über Gabriela Davids Erstlingswerk hängt eine Wolke aus Perspektivlosigkeit und Resignation. Außer den Auspuffrohren der klapprigen Karossen scheint da noch etwas anderes zu sein, was die Atmosphäre vergiftet. Die Erzählstruktur, die geschickt mit Zeitsprüngen operiert, verstärkt das Gefühl, sich in einem Universum zu bewegen, das öde und labyrinthisch zugleich ist.
Wie viele Filme junger argentinischer RegisseurInnen, die in den letzten Jahren entstanden (siehe den Artikel „Cineastische Sumpfblüten“ in der LN 332, Februar 2002), spiegelt auch „Taxi – un encuentro“ die Krise des Landes in privaten Geschichten. Sowohl Esteban als auch die mysteriöse Frau mit der Schusswunde scheinen sowohl TäterIn als auch Opfer zu sein. Die Tatsache, dass der gesellschaftliche Bezugsrahmen in Andeutungen präsent ist, ohne dass jemals direkt darüber gesprochen wird, macht das Ganze umso beklemmender. Die Gewalt auf den Straßen und das, was die Boulevardpresse „Familientragödien“ nennt, vermengen sich zum Panorama einer kollektiven Verrohung. Filmerisch dicht und menschlich berührend, weist „Taxi – un encuentro“ auf einen der entscheidenden Faktoren hin, die für den Niedergang Argentiniens verantwortlich gemacht werden: den Teufelskreis aus persönlichen Ohnmachtsgefühlen und dem Sich-Wegducken vor der eigenen Veranwortung für die Misere. Nicht umsonst gerät Esteban an der Stelle, wo er versucht, ehrlich über sich zu sprechen, ins Stammeln: „Ich bin…“, setzt er an. Dann bricht er ab, um entschuldigend einzuschieben: „Man muss lernen, zu überleben.“

“Taxi – un encuentro“ (Taxi – eine Nacht in Buenos Aires); Argentinien 2001: Buch und Regie: Farbe, 93 Minuten. Kinostart am 30.05.

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