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LINKER FILMAKTIVIST BIS ZULETZT


Foto: Festival Internacional de Cine en Guadalajara via Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Fernando „Pino“ Solanas ist am 6. November im Alter von 84 Jahren an den Folgen seiner Covid-19-Erkrankung in Paris gestorben. Dokumentar- und Spielfilm, Essay und Politik hatten in seinem Leben immer fließende Übergänge.
Den ersten großen cineastischen Erfolg feierte Solanas 1968 mit La Hora de los hornos (Die Stunde der Feuer, LN 527), ein mehrteiliger Essayfilm über Neoliberalismus, Repression und Kolonialismus sowie ein Schlüsselwerk des neuen lateinamerikanischen Kinos: Gemeinsam mit seinem Co-Regisseur Octavio Getino verfasste Solanas anschließend das Manifest „Auf dem Weg zu einem Dritten Kino”, das in begrifflicher Analogie zur Dritten Welt dem Hollywoodkino und dem europäischen Autorenkino ein dem Antiimperialismus und der kulturellen Dekolonisierung verpflichtetes Drittes Kino gegenüberstellte. Den internationalen Durchbruch und die Goldene Palme in Cannes als bester Regisseur brachte Solanas 1988 der Spielfilm Sur (Süden), eine Geschichte über Liebe und Würde in Zeiten der Diktatur. Es folgte 1992 das surreale, satirische Roadmovie El viaje (Die Reise) – zwar ein Spielfilm, doch übervoll mit kritischen Anspielungen auf den ausufernden Neoliberalismus der Ära des argentinischen Präsidenten Carlos Menem. Während der Dreharbeiten entging Solanas einem Mordanschlag mit mehreren Kugeln in den Beinen – nur wenige Tage, nachdem er Menem hart kritisiert hatte. Die Hintergründe wurden jedoch nie aufgeklärt. Noch aus dem Krankenhaus erklärte der Regisseur: „Dies ist die Verantwortung des Präsidenten, der die wirtschaftliche Mafia begnadigt hat, die weiterhin das Land leerräumt. Ich möchte nur meine Arbeit machen, das Kino. Aber in diesem Land gibt es Angst“.
Solanas beugte sich der Angst nicht: Eine gemeinsame Analyse der Diktatur- und Menemzeiten lieferte er 2004 mit dem Dokumentarfilm Memoria del Saqueo (Chronik einer Plünderung), der zeigt, wie die Privatisierung aller argentinischen Staatsbetriebe und zunehmende Verschuldung Millionen Menschen ihrer Rechte auf Wohnung, Nahrung, Arbeit, Sozialversicherung, Ausbildung und medizinische Versorgung beraubte und in die große Wirtschaftskrise von 2001 mündete. Dokumentarfilme in die Kinos zu bringen, sei nicht leicht, sagte er den LN bei der Premiere des Films auf der Berlinale, als er mit dem Goldenen Bären für sein Lebenswerk geehrt wurde (siehe LN 357).
Memoria del Saqueo war der erste aus einer Reihe mehrerer Dokumentarfilme im Stil einer Saga wie schon bei La Hora de los hornos. Solanas durchquerte fortan mit der Kamera das Land, um sich mit Privatisierungen, Bergbau und Agroindustrie in Argentinien auseinanderzusetzten. Den letzten Film dieser Reihe, Viaje a los pueblos fumigados (Reise in die vergifteten Dörfer, siehe LN), präsentierte er 2018 wieder auf der Berlinale. Solanas blieb als Erzähler in diesen Filmen keineswegs neutral, sondern trat selbst als Aktivist in Erscheinung, zuweilen aus der Perspektive eines linken Nationalismus, aber stets als Ankläger von Neoliberalismus, Korruption sowie der Ausbeutung von Menschen, Natur und Ressourcen.
Sein politisches Engagement machte nicht beim Film halt: Seit dem Attentat auf ihn war er in verschiedenen linken Parteien aktiv und mehrfach Abgeordneter und Senator, 2007 sogar einmal Präsidentschaftskandidat. An Energie, Ideen und Plänen fehlte es ihm bis zuletzt nicht: 2019 wurde er für die Linkskoalition von Präsident Alberto Fernández erneut zum Abgeordneten gewählt, übte das Mandat jedoch nicht mehr aus, da er von Fernández als UNESCO-Botschafter Argentiniens nach Paris entsandt worden war. Noch 2018 erzählte er den LN, er sei auf der Suche nach Produzenten für zwei oder drei Spielfilme, von denen er schon lange träume (siehe LN 527).

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