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Literaturpreis wieder nach Haiti

Dieses Jahr erhält Yanick Lahens aus Haiti den Förderpreis. Während der Leipziger Buchmesse verlieh die Initiative LiBeraturpreis ihren Förderpreis, und wie bereits im vergangenen Jahr geht der Preis an eine Autorin aus der Karibik: 2001 wurde die kubanische Schriftstellerin Mirta Yañez ausgezeichnet (siehe LN 323), dieses Jahr erhält Yanick Lahens aus Haiti die Auszeichnung.Vorgeschlagen wurde sie von der haitianischen Schriftstellerin Edwidge Danticat, die 2000 den LiBeraturpreis bekam (siehe LN 320). Im Gegensatz zu ihrer Kollegin lebt Yanick Lahens auf der Insel. Lahens studierte in Paris Literaturwissenschaften, kehrte dann aber nach Haiti zurück, wo sie sehr aktiv am Kulturbetrieb teilnimmt: Sie unterrichtet Literatur und vergleichende Literaturwissenschaften, arbeitet als literarische Leiterin des Verlags Deschamps, moderiert eine Kultursendung im Rundfunk und ist –nicht zuletzt– schriftstellerisch tätig. Bisher liegen von ihr zwei Novellenbände, ein Essayband und der 2000 in Port-au-Prince und Paris erschienene Roman Dans la maison du père („Im Haus des Vaters“) vor. Die Initiative LiBeraturpreis hat ihr den Förderpreis vor allem für diesen Roman verliehen, weil sie in ihm „auf einfühlsame Weise und in einer musikalischen Sprache von der Zerrissenheit der haitianischen Gesellschaft erzählt, den LeserInnen dabei zugleich erlaubt, sich mit der heranwachsenden Protagonistin, die sich eine neue Welt erobert, zu identifizieren“. Dans la maison du père erzählt die Geschichte einer jungen Frau und angehenden Tänzerin im Haiti der 40er Jahre, die aus der scheinbaren Idylle ihrer kleinbürgerlichen Familie ausbricht. Alice ist fasziniert von den afrikanischen Ritualen und Tänzen Haitis und kann nicht verstehen, warum ihre Eltern ihre afrikanischen Wurzeln so vehement negieren. Entgegen den Wünschen ihres Vaters folgt sie ihrer Liebe zum Tanz, die sie über die Grenzen der Insel hinweg führt.
Das Haus des Vaters zu verlassen, das ist bei Lahens auch bildlich zu verstehen als Emanzipation von patriarchalen Strukturen. Dem Vaterland setzt sie eine Muttersprache entgegen, die sich manchmal auch abseits von Worten Ausdruck verschafft: im Tanz, in der Musik. Nicht nur in Lahens Roman, auch in ihren Novellen spielt der weibliche Körper eine wichtige Rolle. Er ist für viele Frauen das einzige Gut, dient ihnen als Instrument, mit dem sie die Männer verführen und so „aus der endlosen Kette der Besiegten“ ausbrechen können. Körperlichkeit, Erotik nehmen einen zentralen Platz in Lahens Literatur ein. Ihre Bedeutung beschränkt sich für die Autorin nicht auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. In der Erotik, so die Autorin in einem Gespräch, zeige sich das Spannungsverhältnis von Eroberung und Unterwerfung, wie es für die Geschichte aller Länder, nicht nur Haiti, typisch sei. Doch im Mittelpunkt ihrer Literatur steht nicht die nationale oder internationalen Politik, sondern, wie bei den meisten haitianischen Schriftstellerinnen, der Mikrokosmos des familiären, alltäglichen Lebens. Die spannungsreiche Liaison von Politischem und Privatem, die in Lahens Texten aufscheint, lässt erahnen, dass die Faszination nicht im Haus des Vaters oder außerhalb von ihm liegt, sondern genau auf der Türschwelle.

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