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Lob der Hautlosigkeit

Wer über vergangene Zeiten schreibt, redet in erster Linie über seine eigene Gegenwart. Diese bewährte Deutung „historischer“ Literatur trifft auch und in besonderem Maße auf César Airas Künstlernovelle Humboldts Schatten zu. Wohl steht im Mittelpunkt der aus Augsburg stammende Landschaftsmaler Johann Moritz Rugendas (1802-1858), der auf Empfehlung Alexander von Humboldts in den 1830er und 1840er Jahren den lateinamerikanischen Kontinent durchreiste und dort zu größerer Berühmtheit gelangte als hier zu Lande. Mitten in der argentinischen Pampa erlitt Rugendas einen schweren Reitunfall, der einen Schädelbruch sowie eine längere schaffensarme Periode zur Folge hatte.
César Aira schreibt diese überlieferte Episode allerdings um: Das Pferd schleift Rugendas, der kopfunter bewusstlos in einem Steigbügel hängen geblieben ist, „eine unbestimmte Strecke weit“ mit, wodurch sein Gesicht völlig enthäutet und zerstört wird. Auf den erstaunlich raschen Heilungsprozess folgt bei ihm jedoch nicht, wie in der Realität, künstlerische Unfruchtbarkeit, sondern eine Zeit extremer Wachheit und Malwut. Denn die freigelegten Nervenenden verheilen nicht normal, sondern verwachsen im vorderen Hirnteil. Rugendas erlebt dadurch periodisch furchtbare Kopfschmerzen, die nur durch hohe Morphium-Dosen zu stillen sind. In den wachen Phasen arbeitet er nun wie ein Besessener, ausgestattet mit einer veränderten Sehfähigkeit und getrieben von dem Bedürfnis, alles auf dem Papier festzuhalten, was sich ihm zwischen Schmerz und Betäubung bietet.

Humboldts Idealmalerei
Der Text beginnt wie ein faktengestütztes Künstler- und Reisebuch. Rugendas reiste – das meint der Titel – als Humboldts „Schatten“ in dem Sinne, dass er des sen Prinzipien der Landschaftsmalerei umzusetzen versuchte. Humboldt war davon ausgegangen, dass es ein bestimmtes Repertoire landschaftlicher Elemente gebe, die zusammengenommen die Physiognomie einer Landschaft ausmachen, und diese habe ein Maler darzustellen. Er müsse also die Komponenten aufsuchen, die dem Ideal entsprechen: schneebedeckte Berge, Bäume, Hügel und so weiter. Dieser Prämisse nach wäre nicht das zu malen, was man sieht, sondern das auszuwählen und auf der Leinwand zusammenzustellen, was man zu sehen erwartet. Erstaunlich exakt entspricht dieses „Verfahren“, wie es im Buch genannt wird, der Funktionsweise von Vorurteil und Klischee. Folgerichtig riet Humboldt Rugendas davon ab, nach Chile und Argentinien zu reisen, weil dort Komponenten der Ideallandschaften fehlten. Diese hatte er in Mexiko, Kolumbien und Venezuela gefunden.

Suche nach dem „Wilden“
Rugendas tritt aus Humboldts Schatten, als er sich entscheidet, doch nach Chile und von dort aus nach Buenos Aires zu reisen. Dieser erste Schritt wird vervollständigt durch den Unfall, bei dem er, wie als Pendant zum Landschaftsmalverfahren, seine eigene Gesichts-Physiognomie verliert. Humboldts Anweisungen schlägt er nun in den Wind, denn wozu sollte er noch ein Konstrukt malen, das mit seiner wirklichen Umgebung nichts mehr zu tun hat? Welchen Wert haben die vorausgewussten Bilder, wenn sie mit den halluzinatorisch-überwach gesehenen Erscheinungen nicht in Deckung zu bringen sind, auch nicht durch kompositorische Tricks?
Schon vor dem Unfall hatte er begonnen, die Welt so zu sehen, wie er sie vorfand. Jetzt, selbst ein Extremfall geworden, zugleich gestraft und privilegiert, sucht er nicht mehr nur nach der gewohnten, europäisierten Welt, sondern auch nach der anderen, „wilden“, „unzivilisierten“, wie es dem Zeitgebrauch entsprechend im Buch heißt. Er möchte einen malón malen, einen jener gefürchteten Raubüberfälle nomadisierender Indígenas auf die befestigten Siedlungen der Viehzüchter. Und es gelingt ihm tatsächlich: Verkleidet in ein Frauenkostüm begibt er sich außerhalb der verbarrikadierten Höfe und skizziert in irrsinniger Geschwindigkeit galoppierende Gestalten, er „füllte fünf Blätter, bevor sich diese Gruppe aus dem Blick verlor.“ Auf der Rast studiert er ihre Gesichter, er versucht die Kampfszenen festzuhalten, die merkwürdigen Regeln folgen. Der Outsider scheint besonders gut in der Lage, die gewohnten Perspektiven aufzugeben, die Grenzen zwischen den Kulturen zu überschreiten und aus der Distanz die Gesamtheit zu sehen.
Dieser Schritt über die Grenze, über das Vorurteil hinaus ist ahistorisch: Er muss immer wieder gegangen werden (und wird immer wieder zurückgenommen), er ist wie jede Aufklärung unabgeschlossen. Damit ist er ein wahrhaft literarischer Stoff, und Airas Kunst zeigt sich darin, das historische Material zu nutzen und in fließendem Übergang souverän in eine zeitlose Geschichte der Wahrnehmungsveränderung zu verwandeln, bei der der Verlust der Haut zum Sinnbild wird. Interessant ist zudem, dass er Rugendas wie nebenbei über den Widerspruch zwischen Moment und Geschichte, Blitz und Dauer reflektieren lässt. Er spielt auf fotografische Techniken an – tatsächlich wurde die Fotografie genau in jenen Jahren erfunden – und lässt Rugendas diese Technik mit seiner extrem schnellen Skizzierweise gleich einmal ausprobieren.

Werbung ohne Fernsehen
César Aira ist ein ungewöhnlicher Schriftsteller. Er vergleicht sich selbst mit den großen Klassikern und meint doch zu wissen, dass ihn heute kaum einer liest. Er wird hochgelobt von den einen (manche sehen in ihm den nächsten Literaturnobelpreisträger Lateinamerikas), als oberflächlicher Schnellschreiber kritisiert von den anderen, im Literaturbetrieb des spanischen Sprachraums stark rezipiert, aber in andere Sprachen wenig übersetzt – auf Deutsch erschien bisher nur Stausee (Droschl Verlag, Graz 2000). Er macht keine Lesereisen für seine Bücher und tritt nicht im Fernsehen auf – und schreibt seit zwei Jahrzehnten kurze Bücher, kaum eines über hundert Seiten lang. In Humboldts Schatten zeigt er ein hohes Niveau, das die hiesige Wahrnehmung aktueller lateinamerikanischer Literatur wesentlich bereichert.

César Aira: Humboldts Schatten. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel, Nachwort von Ottmar Ette. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2003, 125 Seiten, 14,90 Euro.

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