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Los Cabitos und seine Opfer

Eines der Ziele der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR) war die Aufklärung der Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen, die während des internen bewaffneten Konflikts von 1980 bis 2000 durch terroristische Organisationen und staatliche Einheiten begangen wurden. Die Verschwundenen sollten gefunden, die Verbrechen an der Bevölkerung aufgeklärt und die mutmaßlichen Täter soweit wie möglich identifiziert werden.
Die Kommission nahm zwischen 2001 und 2003 mehr als 17.000 Zeug_innenaussagen auf, die über die Grausamkeiten, die von subversiven Gruppen und Vertretern des Staates begangen worden waren, Auskunft gaben. Anlässlich der Zeremonie zur Übergabe des Abschlussberichts erklärte der Präsident der Kommission, Salomón Lerner: „In der Geschichte unseres Landes gab es mehr als einen schwierigen und leidvollen Augenblick. Aber mit Sicherheit verdient es keiner, derart mit dem Siegel der Scham und Schande versehen zu werden, wie der Ausschnitt der Geschichte, den wir jetzt gezwungen sind zu erzählen. Die Kommission hat eine Vielzahl von Verantwortlichen für Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen ermittelt, sie ermutigt die peruanische Gesellschaft zu verlangen, dass die Strafjustiz sofort handelt.”
Auch mutmaßliche Verantwortliche für Menschenrechtsverletzungen, die im Militärstützpunkt Los Cabitos Nr. 51 in Ayacucho begangen worden waren, konnte die Wahrheits- und Versöhnungskommission identifizieren. Unter Führung von Clemente Noel, ehemals politisch-militärischer Chef in Ayacucho, wurde dort Ende 1982 das erste politisch-militärische Kommando eingerichtet und eine „antisubversive Strategie“ umgesetzt. Die Kommission stellte fest, dass Mitglieder des Militärs, die im Stützpunkt Nr. 51 stationiert waren, sowie Angehörige der Einheit des Geheimdienstes, die als “La Casa Rosada” (Das Rosa Haus) bekannt war, zwischen 1983 und 1984 zahlreiche Menschenrechtsverletzungen an der lokalen Bevölkerung befahlen, erlaubten und begingen.
Nach dem Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission hat die Staatsanwaltschaft für Menschenrechte im Dezember 2004 Strafanzeige wegen Folter und gewaltsamem Verschwindenlassen erhoben. Im Januar 2005 eröffnete das Gericht das Verfahren gegen Clemente Noel und sechs weitere militärische Oberbefehlshaber. 2012 befindet sich der Prozess – „Caso Cabitos 83“ genannt – in seiner Endphase, die voraussichtlich von Mai 2012 bis etwa August 2013 dauern wird. Die bevorstehenden Anhörungen der Folteropfer und der Familienangehörigen von Verschwundenen wurden nach Ayacucho verlegt. Nach 29 Jahren warten die Zeug_innen ungeduldig darauf, vor der zuständigen Nationalen Strafkammer auszusagen. Sie wollen ihre Wahrheit erzählen – eine Wahrheit, die über viele Jahre verleugnet wurde.
Der „Caso Cabitos 83“ ist einer der bedeutendsten Fälle der peruanischen Justizgeschichte. Nie zuvor wurden in einem Verfahren so viele Menschenrechtsverletzungen, die über einen so langen Zeitraum begangen worden sind, verhandelt und mit über 100 Opfern so viele Zeug_innen angehört. Die Staatsanwaltschaft hat für jeden der Angeklagten 30 Jahre Haft gefordert. Laut den Sachverständigen wurden Hunderte von Menschen im Stützpunkt Los Cabitos inhaftiert. Wenige von ihnen hatten das Glück, lebend wieder herauszukommen. Einer von ihnen ist Edgar, der zu Hause festgenommen und nach Los Cabitos gebracht wurde. Er wurde gefoltert, damit er seine Zugehörigkeit zum Leuchtenden Pfad gestehe. „Sie bedrohten mich mit dem Tod. Ich sollte Verbindungen zum Terrorismus gestehen. Sie schlugen mich auf den Rücken und brachten mich nach Los Cabitos. Sie fesselten meine Hände und tauchten mich in einer Wanne mit Wasser unter. Sie folterten mich mit Elektroschocks und warfen mich einmal während des Fluges an einem Seil hängend aus einem Hubschrauber.”
Alcira, die im April 1983 in ihrem Haus festgenommen und nach Los Cabitos gebracht wurde, erzählt: „Sie verhüllten meinen Kopf mit einer Kapuze und brachten mich in einen Raum, in dem ich die Schreie von anderen Verhafteten hörte. Sie befahlen mir, mich auszuziehen, banden mir die Hände hinter dem Rücken zusammen und hängten mich an ihnen auf. Sie fragten mich, wen ich umgebracht hätte und welche Terroristen ich kennen würde. Sie schlugen mich mit ihren Fäusten am ganzen Körper und zerrten an meinen Schamlippen und Brüsten, bis ich das Bewusstsein verlor.”
Diejenigen, die es nicht schafften, Los Cabitos wieder zu verlassen, sind bis heute verschwunden. In der Regel begann das gewaltsame Verschwindenlassen mit einer Verhaftung durch Mitglieder der Sicherheitsdienste oder des Militärs. Die Verantwortlichen leugneten die Verhaftungen gegenüber den Angehörigen und der Staatsanwaltschaft.
Die Familienangehörigen der Opfer gründeten im September 1983 die erste Nationale Assoziation von Familienangehörigen von Entführten, Verhafteten und Verschwundenen in Peru (ANFASEP), der sich über 1.000 Menschen anschlossen. Celsa, Mitglied von ANFASEP und Mutter des bis heute verschwundenen Luis Alberto Barrientos Taco, berichtet vor dem Prozess: „Uniformierte Soldaten und Polizisten drangen mit Gewalt in mein Haus ein. Sie trugen große Waffen und waren maskiert. Sie richteten eine Waffe auf mich und fragten: ‚Wo sind Deine Söhne?‘ Danach gingen sie in die Zimmer und nahmen Luis Alberto mit. Sie verbanden ihm die Augen mit einer Windel, die sie auf der Wäscheleine fanden. Sie nahmen ihn mit und warfen ihn in ein Auto und fuhren Richtung Los Cabitos.”
Celsa, Edgar, Alcira und viele andere werden ihre Zeug_innenaussagen vor den Mitgliedern der Nationalen Strafkammer machen. Zum ersten Mal werden sie angehört werden. Sie werden ihre Wahrheit erzählen und fordern, dass die Verantwortlichen für Folter und Verschwindenlassen bestraft werden.
Um die Zeug_innen und Angehörigen zu unterstützen, haben sich in Ayacucho Mitglieder verschiedener Menschenrechtsorganisationen, um eine Begleitung durch den Prozess zu organisieren. In Absprache und enger Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation APRODEH, welche die Zeug_innen und Angehörigen juristisch vertritt, werden diese vor, während und nach den Anhörungen durch regelmäßige Besuche von Freiwilligen begleitet sowie durch therapeutische Einzel- und Gruppensitzungen mit Psychologen betreut. Damit sollen die Zeug_innen und Familienangehörigen emotional gestärkt werden, um die Verhandlungen psychisch möglichst unbeschadet zu überstehen. Außerdem soll die Begleitung zu ihrem physischen Schutz beitragen. Beides sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass sie sich sicherer fühlen und sich bei den Anhörungen in ihren Aussagen nicht verunsichern und verwirren lassen. Anlass für dieses Projekt sind Erfahrungen mit anderen Anhörungen, bei denen Zeug_innen unter einer massiven Retraumatisierung litten. Zu Verfahren mit Begleitung äußerten sie sich dagegen positiv: „Wir haben uns besser gefühlt, denn wir waren nicht allein.“
Parallel zum Gerichtsverfahren begann die Suche nach geheimen Gräbern von Verschwundenen auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes La Hoyada des Stützpunktes Los Cabitos. Im Januar 2005 begannen die Exhumierungen, die bis 2011 andauerten. Während dieses Prozesses wurden Einzel- und Massengräber mit Knochen von 109 Personen gefunden. Bei 54 Personen handelt es sich um vollständige Skelette, bei den anderen um Knochenfragmente. Man fand ein Krematorium, einen Treibstofftank, Rohrleitungen und andere Technik zur Lagerung und zum Transport des Brennstoffes. Die Forensiker des Gerichtsmedizinischen Instituts der Staatsanwaltschaft in Ayacucho fanden heraus, dass die Mehrzahl der bei den Exhumierungen gefundenen Körper von Kindern und Jugendlichen stammten; sie waren bekleidet, ihr Gesicht war verhüllt und im Schädel hatten sie Einschusslöcher. Ebenso fand man Skelette von hochschwangeren Frauen. In der Nähe des Krematoriums fand sich eine Vielzahl von verbrannten und zum Teil karbonisierten Knochenfragmenten. Die Funde sind eindeutige Beweise für die Existenz des geheimen Friedhofs in La Hoyada und für die Verantwortung der damaligen Oberbefehlshaber an den schweren Menschenrechtsverletzungen, die dort begangen worden sind. Die Zeug_innen sprechen davon, dass mindestens 500 Menschen in La Hoyada verbrannt und beerdigt wurden.
Die Knochen der Exhumierten wurden bislang nicht identifiziert. Im Zuge des Beweisverfahrens stellte die Staatsanwaltschaft vom 11. bis 13. April 2012 in Ayacucho die Kleidungsstücke der 54 vollständigen Skelette aus. Etwa 270 Menschen kamen in der Hoffnung, Hinweise auf ihre verschwundenen Angehörigen zu finden. Jedoch konnte lediglich die Kleidung von acht Opfern identifiziert werden, von denen jedoch keines 1983 verschwand, und deren Tod deshalb nicht in den Prozess eingehen kann.
Seit Jahren setzen sich die Folteropfer und die Familienangehörigen der Verschwundenen, die in ANFASEP organisiert sind, mit Unterstützung des Menschenrechtsnetzwerkes in Ayacucho dafür ein, dass auf dem Exhumierungsgelände La Hoyada eine „Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der Gewalt“ errichtet wird. So soll dauerhaft an die Erlebnisse und Ereignisse während der zwei Jahrzehnte des internen Krieges erinnert und der Opfer gedacht werden. Die Forderung nach der Gedenkstätte entspringt aber auch der Erkenntnis, dass die Bevölkerung Ayacuchos wie auch die gesamte peruanische Bevölkerung ihre Vergangenheit aufarbeiten muss, um in Frieden zu leben. Die Erinnerung trägt dazu bei, das Erlebte und seine traumatischen Folgen zu überwinden und Perspektiven für die Zukunft aufzubauen.

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