Literatur | Nummer 612 - Juni 2025

Lyrik aus Lateinamerika

Ein Gedicht von Lina Prieto

Lina Prieto (Übersetzung: Jara Frey-Schaaber)
Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

Vicio

no quisiera refugiarme en ti
probar ese néctar mortal
que nutre mi alma
y destruye mi cuerpo
pero en este encierro
es lo único que no me abandona.

Sucht

ich möchte nicht in dir zuflucht finden
vom tödlichen nektar kosten
der meine seele nährt
und meinen körper zerstört
aber in dieser gefangenschaft
ist es das einzige, das mich nicht verlässt

Mi compañera de celda
ángel y centinela
me comparte un porro
basuco, chicha, pepas
cuanta daga mortal pase por sus yemas
ella frente a una reja
cuida que no llegue
el demonio azul
que me quita la libertad de la fantasía

Meine zellengenossin
engel und wachposten
teilt sich einen joint mit mir
crack, chicha, pillen
wie viele tödliche dolche gehen durch ihre fingerspitzen
angesichts eines gitters
passt sie auf, dass er nicht kommt
der blaue dämon
der mir dir freiheit der fantasie nimmt

Mirándote entre mis dedos
no quisiera tenerte en ellos
pero botarte
sería enfrentarme a la realidad de este encierro

Durch die finger blicke ich dich an
möchte dich nicht in ihnen haben
doch dich wegzuwerfen
hieße, mich mit der realität dieser gefangenschaft zu stellen


droga mi compañía
olvídame que fuera
tengo una familia.

Du
droge meine begleiterin
vergiss mich, dass ich draußen
eine familie habe.

Ballade aus dem Gefängnis in Briefform

Patio 6 ist ein Gedichtband der kolumbianischen Autorin Lina Prieto, der auf den ersten Blick gar nicht wie ein Buch wirkt. Anstatt gebundener Seiten finden wir uns mit einer Handvoll maschinengeschriebener Briefe wieder, jeder in einem eigenen Umschlag verpackt. Der Stapel ist mittels Agavenfasern mit zwei Deckeln aus Karton verbunden, die als Einband dienen.

Diese experimentelle Form erschließt sich beim Lesen des ersten Briefes, der gleichzeitig als Vorwort dient: Die Gedichte stammen aus der Erfahrung der Autorin als politische Gefangene in einem Frauengefängnis der kolumbianischen Hauptstadt. Sie verwandelt Ungerechtigkeit, soziale Ungleichheit, das schmerzliche Vermissen geliebter Menschen und das Begehren nach Freiheit in eine Serie poetischer Texte. Die besondere Machart des Werkes lässt nachspüren „wie schön es ist, einen Umschlag zu öffnen und einen Brief herauszuziehen, zu fühlen, was die Gefangenen fühlen, wenn sich jemand ihrer erinnert und schreibt“.

Das hier abgedruckte Gedicht und Foto des Bandes nimmt uns mit in den patio 6, den Gefängnishof, in dem Lina ihre schwersten, aber auch menschlichsten Stunden verbracht hat.


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