Lyrik aus Lateinamerika
Die schlafenden Giganten
Die Berge haben mich dazu eingeladen, über Kraft und Langlebigkeit nachzudenken.
Wenn ich sie sehe, denke ich an all die Zeit, die während ihrer Entstehung vergangen ist.
An das feste Fundament, das sie gegenüber den Schwankungen des Klimas darstellen.
An die Lebewesen, die sie durchwandern und auf ihnen wachsen. An die Ökosysteme, die sich unter ihren Bedingungen entfalten und sie als Zeug*innen haben.
Wenn die Stürme kommen, möchte ich an die Berge denken, die im Unwetter standhaft bleiben.
Wenn sich Steine in den Weg legen, möchte ich an die Anatomie eines Berges denken, die aus Millionen von Gesteinen aller Größen, Arten und Formen besteht.
Wenn ich ungeduldig werde, möchte ich an all die Zeit denken, die es die Berge gekostet hat, ihre majestätischen Körper zu formen.
Ich denke gern, dass Berge schlafende Giganten sind und dass deshalb auch Stille und Ruhe wichtig sind, um das Leben zu tragen.
Wie viele Organismen profitieren von dieser Ruhe?
Wie viele gewaltige Bäume graben tiefe Wurzeln in diese unbeweglichen Körper?
Wenn ich etwas von den schlafenden Giganten lernen kann, dann ist es der Wert und die Kraft der Ruhe inmitten einer beschleunigten Welt.
Vielleicht finde ich deshalb Zufriedenheit darin, sie aus dem Fenster eines fahrenden Fahrzeugs zu betrachten,
auf den Straßen
oder auf den Flugrouten.
Jede Begegnung mit der Vielfalt der Berge, die uns umgeben,
ist eine Gelegenheit, Botschaften von Ruhe, Vertrauen und Weisheit zu finden.
Ich stimme einem Fragment zu, das ich einmal gelesen habe:
Ich würde gern, wenn ich sterbe, zu einem Gipfel werden, eine schöne purpurne Berggestalt, die über Jahrhunderte hinweg den müden und traurigen Augen der Menschen gefällt.
Denn es stimmt, dass die menschliche Erfahrung ermüdend ist
und dass beim Sterben
zu einem Berg zu werden, der würdevollste Ruheort wäre.
// Übersetzung: Aurelia Tens
Los Gigantes Dormidos
Las montañas me han invitado a pensar en la fuerza y la longevidad.
Cuando las veo pienso en todo el tiempo transcurrido para su formación
En la base sólida que representan ante las variaciones del clima.
Los seres que las recorren y crecen sobre ellas
Los ecosistemas que se tejen generan bajo sus condiciones como testigos
Cuando vengan las tormentas
Quiero pensar en las montañas que se mantienen firmes en la tempestad
Cuando se pongan las piedras en el camino
Quiero pensar en la anatomía de una montaña compuesta por millones de rocas de todos los tamaños, tipos y formas
Cuando me impaciente quiero pensar en todo el tiempo que les tomó a las montañas formar sus cuerpos majestuosos
Me gusta pensar que las montañas son gigantes que duermen y que entonces la quietud y la calma también son importantes para sostener la vida
¿Cuántos organismos se benefician de este reposo?
¿Cuántos árboles inmensos excavan profundas raíces sobre estos cuerpos estáticos?
Si algo puedo aprender sobre los gigantes dormidos
Es el valor y la fuerza del reposo en medio de un mundo acelerado
Quizá por eso encuentro satisfacción al contemplarlas por la ventana del vehículo en movimiento
Sobre las carreteras
O sobre las rutas aéreas
Cualquier encuentro con la diversidad de montañas que nos rodean
Son oportunidades para encontrar mensajes de calma, confianza y sabiduría
Yo concuerdo con algún fragmento que leí:
Me gustaría convertirme en un pico cuando muera, ser una bella montaña púrpura que guste por siglos a los ojos cansados y tristes de los seres humanos
Porque es cierto que es cansada la experiencia humana
Y que al morir
Convertirse en una montaña sería el descanso más digno.
Vivian Hurtado ist Umweltingenieurin und Künstlerin. Ihre kreative Praxis entsteht aus der Neugier gegenüber nicht-menschlichen Lebewesen und den Formen der Natur, wobei sie deren unterschiedliche Weisen erforscht, die Welt zu bewohnen und sich in ihr zu manifestieren. Die Beobachtung bildet ihr zentrales Werkzeug, wobei sie anerkennt, dass es vielfältige Arten gibt, diesen Planeten zu erfahren. Als Ausdrucksmittel nutzt sie vor allem Schreiben, Malerei und Fotografie. Mit ihren Arbeiten versucht sie, Räume für Sensibilität und Zuhören zu öffnen.
Aurelia Tens studiert Lateinamerikastudien, Spanisch und Germanistik. Sie interessiert sich besonders für Literatur, Sprache und gesellschaftliche Themen in Lateinamerika sowie für interkulturellen Austausch.



