Aktuell | Argentinien | Nummer 621 - März 2026

Madres gegen Missbrauch

Interview mit einer Madre Protectora beim Plurinationalen Treffen von FLINTA

Argentinien blickt auf eine lange und lebendige Geschichte im Kampf für die Rechte von Frauen und queeren Personen zurück. Im Zentrum dieser dynamischen Entwicklung steht das Plurinationale Treffen. Was im Jahr 1986 erstmals als selbstorganisierte Veranstaltung von rund tausend Frauen begann, hat sich zu einem Massenphänomen entwickelt, das seine Teilnehmer*innen nachhaltig prägt: Das Persönliche wird dort politisch und die individuelle Erfahrung verschmilzt mit dem Geflecht aus Netzwerken und kollektivem Aufschrei. Diese Reportage ordnet die historische Bedeutung dieser feministischen Kämpfe ein und beleuchtet anhand eines Interviews die Rolle der Madres Protectoras (Schützenden Mütter), die sich gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder einsetzen und eine entscheidende Rolle im Plurinationalen Treffen spielen.

Interview: Lourdes Alfonso, Corrientes - Übersetzung: Lea Rux
Druck “Who’s pain is it?” von Zaz

Geboren aus dem Widerstand gegen die Militärdiktatur und getragen von einem jahrelangem Kampf um Rechte, feiert das Plurinationale Treffen von Frauen, Lesben, Travestis (Gender- und politische Identität des Trans-Spektrums in Lateinamerika. Zunächst abwertender Begriff für Cross-Dresser und trans Personen, der von der Gemeinschaft zurückerobert wurde, Anm. d. Übersetzerin), trans, inter und nicht-binären Personen bereits das 40. Jubiläumsjahr. Zentrale Forderungen wie Auslandsverschuldung, existenzsichernde Löhne und Kinderbetreuungseinrichtungen sind bis heute präsent. Die prägende Anwesenheit der Mutter der Plaza de Mayo, Nora Cortiñas, besiegelte ein unerschütterliches Bekenntnis zu Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit und verband die Grundpfeiler des Treffens mit dem Kampf gegen Geschichtsleugnung und staatliche Repression durch die Regierung Mileis. Angetrieben wurde der Prozess vor allem durch lokale Kämpfe, auch wenn internationale Meilensteine den Kontext prägten. Besonders deutlich zeigt sich die Dynamik der Bewegung im jahrzehntelangen Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Körperliche Selbstbestimmung war lange Zeit tabuisiert und staatlich kontrolliert, wurde jedoch durch Organisierung zu einem zentrale Anliegen des Treffens.

Trotz massiven Widerstands, insbesondere seitens der katholischen Kirche, die gezielt Gegenmobilisierungen unterstützte, verteidigten die Teilnehmerinnen immer wieder die erkämpften Räume, thematisierten die Verflechtungen von Kirche, Staat und Regierungsmacht offen und setzten ihren Kampf für die Legalisierung fort. Der politische Kampf der Aktivistinnen verbunden mit der Nationalen Kampagne für das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung im Jahr 2005 unter dem Motto „Sexualaufklärung, um zu entscheiden, Verhütungsmittel, um nicht abzutreiben, legale Abtreibung, um nicht zu sterben“ legte den Grundstein für die spätere Marea Verde (Grüne Welle), die 2020 zur Verabschiedung des Gesetzes über den freiwilligen Abbruch der Schwangerschaft führte.
Einer der jüngsten Meilensteine war der Übergang vom „Nationalen Frauentreffen“ zum „Plurinationalen Treffen der Frauen, Lesben, Travestis, trans, bisexuellen, inter und nicht-binären Personen“. Diese Umbenennung reagiert auf die Forderungen von LGBTIQ+-Personen und Indigenen Frauen nach größerer Sichtbarkeit und betont einen Feminismus, der über cis Identitäten und den Nationalstaat hinausgeht. Als politische Schule unter freiem Himmel lebt das Treffen von ideologischen und methodologischen Spannungen – etwa zur Sexarbeit. Gleichzeitig wird individueller Schmerz kollektiv geteilt und in transformative Kraft verwandelt.

Ein prägendes Thema der letzten Jahre war sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Hier haben die Madres Protectoras eine wichtige Rolle gespielt, Workshops innerhalb des Treffens organisiert und ihre Kämpfe sichtbar gemacht und gestärkt. Ihr Engagement zieht eine unvermeidliche historische Parallele zu den Madres de Plaza de Mayo, die nach ihren Kindern suchten, ihre Mutterschaft politisierten und sich damit der genozidalen Diktatur entgegen stellten. Heute machen die Madres Protectoras ihre Fürsorge zur politischen Angelegenheit, um gegen ein patriarchales Justizsystem zu kämpfen, das Missbrauch deckt. Das Treffen wirkt dabei als Katalysator, durch den privates Leid zu einer kollektiven Forderung und einem Ruf nach Gerechtigkeit werden, wie das folgende Interview mit Yama Corin, Kunsttherapeutin, feministische Kämpferin, Antifaschistin und „Schützende Mutter“ , eindrücklich zeigt.

Druck von Iman Kanaan @Iman_kanaan

Wer gehört zum Kollektiv der Madres Protectoras und worauf konzentriert sich ihr Kampf?
Wir sind die Frauen, die die Erschütterung, die Fürsorge und den Kampf um Gerechtigkeit für unsere Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, durchlebt haben. Im Laufe der Geschichte mussten schon viele Frauen diese Situation bewältigen, da sexueller Missbrauch schon immer existiert hat und leider meist innerhalb der Familie stattfindet, was eine doppelte Belastung darstellt. Während der Aufschwungphase des Feminismus in Argentinien zwischen 2015 und 2020 sind wir innerhalb dieser Bewegung auf Strategien gestoßen, durch die wir uns eine politische Identität geben konnten: die der Madres Protectoras. Dadurch konnten wir uns als Gruppe unterstützen und verstehen, dass das, was uns so wehtat – weil es unseren Liebsten widerfahren war – kein individuelles Problem ist sondern ein weit verbreitetes, das aus einem patriarchalen System resultiert. Wir erkannten, dass kollektives Handeln wirksam ist und uns aus der Opferrolle herausführt, hin zu einer aktiven, politischen Position.

Was sind eure größten institutionellen, ideologischen und gesellschaftlichen Hürden?
Es gibt zahlreiche Hürden in allen Bereichen. Die erste besteht darin, missbräuchliche Situationen überhaupt als solche erkennen zu können. Häufig halten diese Situationen lange an, weil der Täter genau weiß, dass sein Verhalten illegal ist und deshalb sein Opfer manipuliert und gefügig macht. Schweigen ist somit das erste Hindernis. Uns wurde nie beigebracht, die Anzeichen zu erkennen und wir haben auch keine bekannten Anlaufstellen, an die wir uns bei ersten Zweifeln wenden können. Es passiert auch, dass Betroffene selbst die Situation leugnen, da sie sehr schmerzhaft ist und viele Frauen — das wissen wir aus Erfahrung und Statistik — bereits Opfer von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch waren. So ist es schwierig, die Wiederholung solcher Muster zu durchbrechen.

Was passiert mit dem Umfeld und der Justiz wenn dieses Schweigen einmal gebrochen ist?
Das nächste Hindernis sind patriarchale Vorurteile, nach denen Frauen böswillige Absichten unterstellt werden, wenn sie Missbrauch melden. Weil Täter häufig angesehene Personen mit einem aktiven sozialen, politischen und beruflichen Leben sind, fällt es vielen schwer, ihnen eine solche Tat zuzutrauen. Hinzu kommt ein Justizwesen, das Missbrauchsanzeigen mit derselben Ermittlungsstruktur behandelt wie andere Delikte. Bei traumatischen Ereignissen, die in der Intimsphäre stattfinden, gibt es oft keine physischen Beweise, keine Zeugen und keine Aufzeichnungen, sodass die Beweislast zur zusätzlichen Belastung wird. Betroffene Kinder und Jugendliche können das Geschehen häufig nicht in einer geordneten, „erwachsenen“ Darstellung wiedergeben. Gleichzeitig besteht eine Tendenz, die absoluten Rechte des Mannes zu garantieren. Das führt oft dazu, dass Täter straffrei ausgehen und in vielen Fällen wieder Kontakt zu den betroffenen Kindern bekommen. Von tausend Missbrauchsfällen werden nur hundert gemeldet, und gerade nur einer führt zu einer Verurteilung. Der Kampf der Madres Protectoras besteht in erster Linie darin, die Kinder vor diesem Kontakt zu schützen und anschließend die jahrelangen, zutiefst belastenden Gerichtsver­fahren durchzustehen.

Wie verknüpfen und verorten Sie den Kern Ihrer Forderung innerhalb der breiteren Bewegung?
Viele von uns waren bereits Feministinnen, als wir diese Realität bei unseren Kindern erkannten, und suchten deshalb Unterstützung in feministischen Netzwerken. Da wir diese Gewalt als patriarchal verstehen, waren wir überzeugt, dass der Feminismus diesen Kampf auf seine Agenda setzen müsse. Mit der Zeit ist in den feministischen Bewegungen die Anerkennung der Madres Protectoras als politische Akteurinnen, die Unterstützung verdienen, gewachsen. Dennoch bleibt viel zu tun. Ich selbst musste 2011 Anzeige erstatten und erkannte damals noch nicht, dass meine Situation ein politisches Problem ist, das aus einem System hervorgeht; für mich war es eine persönliche Tragödie. So geht es den meisten, bis wir uns finden.

Wie beteiligen sich die Madres Protectoras an den Plurinationalen Treffen und wie war die Erfahrung, einen eigenen Workshop zu organisieren?
Wir haben mit Aktionen auf öffentlichen Plätzen begonnen. Von Mundanas Agrupación Feminista (Weltliche Feministische Gruppierung) – meinem Netzwerk – und anderen kleinen Gruppen haben wir Fotos mitgebracht, Unterschriften gesammelt und es ab und zu in einen Zeitungsbericht geschafft. Es war, als würden wir die Tür Stück für Stück aufstoßen. Vor einigen Jahren ist es uns gelungen, eine eigene Versammlung der Madres Protectoras zu organisieren: ein riesiger Platz voller Mütter und Unterstützerinnen aus dem ganzen Land. Das war bewegend, weil es zeigte, dass wir alle mit derselben Gewalt der Justiz und denselben Ängsten vor zwanghafter Wiedervereinigung konfrontiert sind, etwas, das wir als institutionellen „Raub“ von Kindern verstehen: sie aus den Armen der Mutter zu reißen und sie zu zwingen, mit ihren Tätern zu leben – eine Art disziplinierende Bedrohung. Danach haben wir mit den Organisationskommissionen verhandelt, um einen eigenen Workshop im offiziellen Programm zu erhalten, der mittlerweile seit zwei Jahren läuft. Dort begegnen wir Mitstreiterinnen aus dem ganzen Land, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Prozesse befinden: Die unmittelbare Entdeckung ist nicht dasselbe wie die Verarbeitung nach Jahren vor Gericht. Jede einzelne Angelegenheit zu begleiten ist mühsam,aber die Treffen geben uns die Kraft, uns als aktive politische Akteurinnen zu erkennen, die trotz des Schmerzes einen Ort der Zugehörigkeit haben.

Welche Bilanz ziehst du nach zwei Jahren der Durchführung eurer Workshops?
Es ist schwer, eine Bilanz zu ziehen, ohne den allgemeinen Kontext unserer Arbeiterinnenklasse zu berücksichtigen. Positiv ist zweifellos, dass wir existieren, dass wir uns als Gruppe anerkennen und gemeinsam kämpfen. Aber der aktuelle Kontext mit einer neofaschistischen Regierung, die ein Machtgefüge aufrechterhält, das Täter schützt und uns Feministinnen zum Feind erklärt, indem sie uns falscher Anschuldigungen bezichtigt, macht die Gesamtbilanz schwierig. Dennoch bleiben wir standhaft, um für unsere Sache einzutreten. Sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung – ich glaube, unsere Anzeigen genießen heute mehr Glaubwürdigkeit – als auch innerhalb der feministischen Bewegungen, um Anerkennung und Unterstützung zu erhalten.

Was sind die nächsten Schritte und wie sieht der Kampf für die nächste Zeit aus?
Die erste Herausforderung ist Durchhaltevermögen: organisiert zu bleiben und Situationen zu verändern, in denen Kinder weiterhin Kontakt zu ihren Missbrauchstätern haben. Wir müssen standhaft bleiben, Schulungen anbieten und politische sowie gewerkschaftliche Unterstützung gewinnen, um diese Realität öffentlich sichtbar zu machen. Wir tun das mit großer Überzeugung, aber auch mit viel Schmerz und Erschöpfung. Trotzdem bin ich optimistisch, weil wir gemeinsam handeln: Dieser Weg des Zusammenkommens, des Schutzes und der gegenseitige Unterstützung ist auch eine Form der Wiedergutmachung für unsere Kinder. Wir sagen ihnen damit: Ja, wir haben euch geglaubt, ja, wir kämpfen für Gerechtigkeit, und ja, wir stehen für eure geistige und körperliche Gesundheit sowie euer Wohlergehen ein, um euch eure Rechte und das glückliche Leben zu sichern, das ihr verdient.
Das Plurinationale Treffen ist heute dringlicher denn je, angesichts eines Staates, der beschlossen hat, sein ohnehin mangelhaftes System von Rechten weiter abzubauen. Verkörpert wird das durch eine rechtsextreme Regierung, die nicht nur die Finanzierung von Gleichstellungspolitik kürzt, sondern auch mit aller Härte darum kämpft, im Rahmen ihres „Kulturkampfs“ gesellschaftliche Haltungen für sich zu gewinnen. Es ist kein Zufall, dass die Regierung von Javier Milei, die ideologisch mit Figuren wie Donald Trump auf einer Linie liegt und dubiose Verbindungen zu Ausbeutungsnetzwerken wie denen von Jeffrey Epstein hat, die feministische Bewegung und Kinder als ihre bevorzugten Feindbilder ausgewählt hat. Wir stehen vor einem politischen Projekt, das patriarchale Gewalt legitimiert, nicht nur, indem es sie leugnet, sondern auch, indem es das Schweigen der Täter fördert.
Die Geschichte dieser 40 Jahre der Treffen zeigt, dass wir keine Rückschritte mehr zulassen dürfen. Angesichts der Versuche, uns das Erreichte wieder zu nehmen – vom legalen Schwangerschaftsabbruch bis zur Sexualerziehung – und angesichts all dessen, was uns noch aussteht, hat die Bewegung die Aufgabe, sich auf der Straße zu stärken. Gegen Angst und Faschist*innen muss Organisation gesetzt werden. Denn wir wissen, dass Rechte nicht verhandelbar sind: Sie werden auf der Straße verteidigt, durch den Aufbau von Netzwerken gesichert und im Kampf errungen.

Memoria y Resistencia Mütter standen schon immer in den vordersten Reihe der Kämpfe (Druck von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor)


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