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Maestro Abbado mag keine Experimente

Manuel M. Ponce (1882-1948), Silvestre Revueltas (1899-1940) und Carlos Chávez (1899-1978) waren die Hauptfiguren des “musikalischen Nationalismus”, einer Bewegung, die sich im Zuge des kulturellen Aufbruchs nach der Revolution von 1910 bis 1920 in Mexiko formiert hat. Wie in der Wandmalerei eines Diego Rivera oder José Clemente Orozco wandte sich auch in der Musik der Blick nach innen auf die prähispanischen Wurzeln Mexikos und die eigene volkstümliche musikalische Tradition. Es kam zu einer Art Folklorisierung, die sich vor allem in der Übernahme melodischer Motive aus dem Bereich der Volkslieder oder -tänze bemerkbar machte. Aber auch in der Instrumentalisierung gab es den Versuch, vermehrt indigenen Instrumenten, vor allem Trommeln und Flöten, Gehör zu verschaffen. So verwandte Chávez in seiner Sinfonía India zusätzlich zu den vertrauten Maracas und der indianischen Trommel einen Wasserkürbis, eine Reihe von Wildhufen und Schmetterlingskokons, eine Raspel und weitere exotische Laute.

“Musikalischer Nationalismus”

Wie der Begriff “musikalischer Nationalismus” bereits andeutet, erfüllte diese Musik jedoch nicht nur eine ästhetische, sondern vor allem auch eine politische Funktion. Die Mexikanische Revolution hatte nämlich, abgesehen von der Ära Cárdenas in den dreißiger Jahren, die soziale Situation weiter Teile der Bevölkerung kaum verändert. Um ihr trotzdem einen positiven Sinn zuzuschreiben – ein nicht allzu einfaches Unterfangen, schließlich war die Zerstörung und Zerrüttung des Landes nach zehn Jahren Bürgerkrieg enorm – wird vor allem ihre Bedeutung auf die Herausbildung einer mexikanischen Identität hervorgehoben. “Mexiko traut sich zu sein”, schreibt der Literaturnobelpreisträger Octavio Paz in seinem Labyrinth der Einsamkeit. “Der revolutionäre Ausbruch ist ein einzigartiges Fest, in dem der Mexikaner, betrunken von sich selbst, endlich in tödlicher Umarmung den anderen Mexikaner kennenlernt.”

Es gibt ein mexikanisches Violinkonzert!

Dieses Kennenlernen macht sich vor allem in den Versuchen bemerkbar, der indigenen Tradition Mexikos in Musik und bildender Kunst Gehör beziehungsweise Gesicht zu verschaffen. Mexikanische Identität wird hier präsentiert als die Verschmelzung der europäischen und der indigenen Tradition zu einer gemeinsamen mestizischen Kultur. Jedoch handelt es sich dabei in erster Linie um ein ideologisches Konstrukt. Die Trommeln und Flöten in Chávez’ Sinfonía India oder das volkstümliche mañita-Thema im dritten Satz von Ponces Violinkonzert erfüllen neben der ästhetischen Neuerung vor allem die Funktion, die indigene Bevölkerung in das Symbolgeflecht der mexikanischen Nation zu integrieren. Vom Populismus der postrevolutionären Regierungen, die in erster Linie die Einigung und Zentralisierung der Nation unter dem Banner des Adlers mit der Schlange (Mexikos Nationalwappen) anstrebten, wurden die Werke der Nationalisten gnadenlos ausgeschlachtet. Volkstümliche und indigene Kultur werden emblematisch zur Schau gestellt, um deren soziale und politische Ausgrenzung vom nationalen Projekt zu verschleiern.
Ob dies bereits die Intention der damaligen “nationalistischen” Künstler war, ist sicherlich mehr als zu bezweifeln. Was jenseits jeglicher politischer Funktionalität jedoch feststeht ist, daß diese Bewegung Werke von größter ästhetischer Qualität hervorgebracht hat, die es nicht verdienen, im tauben Fleck eurozentristisch geprägter Hörgewohnheiten zu verschwinden.
Ihren Anfang nahm die Bewegung zu Beginn des Jahrhunderts mit Manuel M. Ponce. Er war, wenn auch nicht der erste, so zumindest derjenige, der sich noch vor der Revolution am eifrigsten mit der mexikanischen Folklore auseinandersetzte, zahlreiche Abhandlungen verfaßte und sich auch in seinen Kompositionen von ihr inspirieren ließ. Er beeinflußte mit seinem “Nationalismus” nicht nur die ihm nachfolgenden Komponisten in Mexiko, sondern wurde zum Vorbild für ganz Lateinamerika.
Wer nun meint, bei Ponces Musik handele es sich um mit Geigen, Flöten und Pauken gespielte Volksliedchen, hat sich allerdings getäuscht. Sowohl sein Gitarrenkonzert Concierto del Sur, das 1942 mit dem weltberühmten spanischen Gitarristen Andrés Segovia in Montevideo uraufgeführt wurde, als auch sein 1943 entstandes Violinkonzert stehen vor allem auch in der Tradition der Romantik und des französischen Impressionismus und stehen Werken von Maurice Ravel oder spanischen Komponisten wie de Falla, Albéniz oder Rodrigo in ihrer mitreißenden Ausdruckskraft und gleichzeitig kunstvollen Verarbeitung lokaler und volkstümlicher Elemente in nichts nach.
Überhaupt erinnern viele Werke der mexikanischen Nationalisten in gewisser Weise an die Musik der Spanier aus der selben Zeit. Beide stehen in einer Tradition, die mit Ravels Rhapsodie espagnole ihren Anfang nahm. An die Stelle der Flamenco-Themen und Kastagnetten bei Albéniz und de Falla treten nun bei Ponce, Chávez und Revueltas die mexikanische Folklore und indianischen Schlaginstrumente. Kennt man de Fallas Dreispitz, seine 7 volkstümlichen Lieder oder Rodrigos Concierto de Aranjuez, kann man sich auch ungefähr vorstellen, was einen bei Chávez’ Ballettsuiten, Revueltas Liedern oder Ponces Konzerten erwartet.

Eurozentristische Taubheit?

Der große Unterschied besteht nun jedoch darin, daß es die Werke der spanischen Meister in Deutschland durchaus zu einem recht hohen Bekanntheitsgrad gebracht haben. Der Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frühbeck de Burgos, bringt regelmäßig spanische Musik in Berlins Konzertsäle, und auch bei den CDs gehört sie mittlerweile zu den Classic Essentials und ist für 10 Mark pro Stück zu haben. Wenn man jedoch nach CDs von Chávez oder Revueltas fragt, erntet man meist unverständliches Kopfschütteln, und selbst bei ausgewiesenen Klassikspezialisten lautet die Antwort: Ham wa nich, kriegn wa ooch nich mehr rin!
Hier scheint Ursachenforschung angesagt! Sicherlich, es gibt bereits aus Europa derart viel interessante Musik, daß es in gewisser Weise nicht verwundert, daß für mexikanische Klassik kein Markt besteht. Und dennoch: Warum ist die Klassik vom Boom lateinamerikanischer Musik in Deutschland ausgeschlossen? Dies könnte zum einen an den Projektionen der Europäer liegen, die mit Lateinamerika Sambatrommeln und Gitarrenklänge, nicht aber klassische Orchestermusik verbinden. So haben Komponistengrößen wie der Brasilianer Heitor Villa-Lobos oder der Kubaner Leo Brower Werke für Solo-Gitarre geschrieben, die sicherlich dem Bereich der E-Musik zuzurechnen sind und die auch in unseren Breiten durchaus bekannt sind. Sieht man jedoch mal von Ariel Ramírez’ Missa Criolla ab, die mittlerweile zum allweihnächtlichen Klassik-pflichtprogramm avanciert ist, findet lateinamerikanische Orchestermusik hier jedoch fast keinerlei Beachtung.

Überraschungen

Diese Form selektiver Wahrnehmung ist auch Ausdruck eines tiefsitzenden Eurozentrismus, der in Europa nicht nur die Wiege und das Zentrum klassischer Musik vermutet, sondern den “periphären” Kulturen, wenn auch unausgesprochen, solche schöpferischen Höhenflüge eigentlich gar nicht zutraut. Zwar erkennt man Künstlern aus Lateinamerika durchaus die Fähigkeit zu, ein Klavierkonzert von Beethoven gut zu spielen oder eine Bach-Arie schön zu singen; die große Zahl der Auftritte lateinamerikanischer Solisten in Deutschland zeugt davon, und der aus Argentinien stammende Berliner Publikumsliebling Daniel Barenboim ist nur ein prominentes Beispiel. Aber selbst klassische Musik zu komponieren, das scheint den Europäern vorbehalten zu sein. Umso überraschter und verwunderter sind die KritikerInnen dann, wenn sie tatsächlich etwas “Ernstes” aus Lateinamerika zu hören bekommen. Im April 1994 präsentierte der mexikanische Dirigent Antonio López Rios mit der Berliner Sinfonietta lateinamerikanische klassische Musik in der Philharmonie. Der Berliner Tagesspiegel reagierte entzückt und sprach von “weißen Flecken auf der musikalischen Weltkarte”. Insbesondere Silvestre Revueltas habe sich als “Geheimtip des Abends” entpuppt.

Statistenrolle im Indianerkostüm

Revueltas hier präsentiert zu bekommen, ist allerdings ein äußerst seltenes Vergnügen. Der Blick in die Programmzeitschriften der Multi-Kulti-Hauptstadt Berlin zeigt es: Ponce, Revueltas, Chávez? Fehlanzeige! Und auch die ansonsten sehr um die Verbreitung mexikanischer Klassik verdiente Kulturreferentin des mexikanischen Konsulats beteuert, nicht ein einziges Konzert mit einem mexikanischen Komponisten ausgeschrieben gesehen zu haben, das sie nicht selbst mit initiiert hätte. Das renommierteste Orchester Deutschlands, die Berliner Philharmoniker, hatten Chávez mit der Sinfonía India sage und schreibe 1962 das letzte Mal im Programm. Damals kam der Leiter des Sinfonie-Orchesters von Mexiko-Stadt selbst nach Berlin, um sein Werk zu dirigieren. Das Motto des großen Maestro Abbado heute scheint jedoch zu lauten: Keine Experimente!

Und wer kennt ostasiatische Klassik?

Etwas experimentierfreudiger scheint das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu sein. Hier gab es zuletzt ebenfalls die Sinfonía India unter Milan Horvat, und zwar zur 500-Jahr Feier der “Entdeckung” Amerikas, am 12. Oktober 1992. Daß in beiden Fällen die Sinfonía India ausgewählt wurde, eines der mit dem meisten Lokalkolorit versehenen Stücke, verdeutlicht, daß das Interesse mehr auf den exotischen Charakter gelenkt werden sollte als auf die Musik selbst. Klassik aus der Dritten Welt hat, wenn überhaupt, nur dann eine Chance, wenn sie im Indianerkostüm daherkommt.
Generelle Diskriminierung lateinamerikanischer klassischer Musik will der in Berlin lebende López Rios zwar nicht erkennen, schließlich sei auch japanische Klassik hier sehr unbekannt, aber eine gewisse Form des Eurozentrismus bei den Hörgewohnheiten hat auch er festgestellt. Auf seinen Vorschlag, mexikanische Musik im Berliner Konzerthaus aufzuführen, zeigte sich dessen Programmdirektor zwar durchaus beflissen und interessiert, kam auf das Angebot jedoch nicht mehr zurück. Auch ein weiterer Versuch des Mexikaners, dem Berliner Publikum klassische Musik aus Lateinamerika zu Ohren zu bringen, scheiterte leider. Zu diesem Ziel gründete er ein kleines Orchester, die bereits erwähnte Berliner Sinfonietta. Der anfängliche Elan war schnell verflogen, denn obwohl das Publikum wie auch die Kritik die Werke sehr begeistert aufnahmen, blieb es das größte Problem López Rios’, dafür Veranstalter zu finden. Diese, meint er, hätten zu große Angst, sich finanziell in die Nesseln zu setzen. Mittlerweile spielt die Berliner Sinfonietta eben auch Mozart.
Die Radiostationen sind hier bereits weiter: Den MusikredakteurInnen des SFB scheint der Name Silvestre Revueltas eher ein Begriff zu sein als der Intendanz der Berliner Philharmoniker. Beim SFB erinnerte man sich sofort, vor etwa zwei Jahren eine zweistündige Portrait-Sendung zu Revueltas ausgestrahlt zu haben, und auch im normalen Sinfonie-Programm werden gelegentlich Stücke von ihm gespielt. Natürlich hängt es auch hier vor allem sehr stark vom Interesse der RedakteurInnen ab, ob solche bisher noch unbekannten Komponisten ins Programm kommen oder nicht. Insgesamt scheint die Tendenz zu bestehen, daß die klassische Musik aus Lateinamerika trotz der Weltmusik-Bewegung auf der Strecke bleibt. Radio-Programme wie SFB 4 Multi-Kulti, in denen viel Weltmusik gesendet wird, sehen sich für den gesamten E-Musik-Bereich ganz schlicht nicht zuständig, und im normalen Kulturprogramm spielt klassische Musik aus Lateinamerika trotz einiger Ausnahmen nach wie vor eine Statistenrolle. Schade drum.

CD-Empfehlungen:
Manuel M. Ponce. Concierto del Sur, Piano Concerto, Violin Concerto. ASV Ltd. England
Música Mexicana, Vol.1: Chávez, Chapultepec “Republican Overture” – Ponce Ferial, Instantaneas Mexicanas – Revueltas, Toccata – Ponce Estampas Nocturnas.
Vol.2: Ponce, Concerto for Violin and Orchestra – Chávez, Sinfonía India – Revueltas La Noche de los Mayas. ASV Ltd. England

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