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Marginalisiert im Zentrum

Wenn man von der alten Bahnstation Luz die Avenida Prestes Maia hinaufschaut, sieht man den vergangenen Glanz des Zentrums von São Paulo. Links und rechts von hupenden und lärmenden Autoschlangen reihen sich viele vernachlässigte Bürogebäude. Etliche stehen leer. Am Ende der Häuserschlucht steht das renovierte Gebäude der Bank Banespa, das dem Empire State Building in New York nachempfunden ist. Rechts davor erhebt sich ein leerer Wolkenkratzer, mit Graffitis und schwarzen Wasserflecken bedeckt. Aber aus dem 12. Stock, da weht ja Wäsche heraus!
An der verbeulten Stahltür von Avenida Prestes Maia, Hausnummer 911 steckt ein älterer Pförtner seine vernarbte Nase aus dem Guckloch. Wir sagen, dass wir mit Jonmaria eine Verabredung haben, und er schiebt den schweren Riegel geräuschvoll auf. Die geräumige Rezeption des besetzten Hauses, mit 22 Stockwerken das höchste in Lateinamerika, öffnet sich. Bis in den 14. Stock geht es nun hinauf – zu Fuß, einen Fahrstuhl gibt es schon lange nicht mehr. Die Wandfarbe platzt an vielen Stellen ab, das Erdgeschoss riecht muffig. An der Decke schlängelt sich ein improvisiertes Stromkabel durch das Treppenhaus und in die einzelnen Etagen. Kinderlachen und Unterhaltungen der BewohnerInnen hallen von den kahlen Wänden zurück.
Wir werden im Flur empfangen, wo einige Sofas herumstehen. Der Boden aus Parkett ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als das Gebäude noch Firmenleitungen und Anwaltskanzleien beherbergte. Licht dringt von außen nicht herein. Eine selbst gebaute Sperrholzwand zwischen den Betonsäulen trennt den Flur ab. Nur ein paar Glühbirnen spenden spärliches Licht, das ständig flackert. Dafür haben die BewohnerInnen in ihren einzelnen Apartments Fenster, von denen man einen fantastischen Blick über die Stadt hat.

Vollzeitjob Hausbesetzerin

Auf einem der Sofas sitzt eine massige schwarze Frau mit einem Kind auf dem Schoß. Jonmaria Abreu Pire da Fonseca empfängt uns mit ihrem Enkelchen. Sie ist 49 Jahre alt, seit dreißig Jahren wohnt sie schon in São Paulo. Wie so viele arme paulistan@s, wie die BewohnerInnen der Stadt genannt werden, kommt sie aus dem Nordosten, aus dem Bundesstaat Maranhão. Jonmaria ist die Koordinatorin des besetzten Hauses. Sie organisiert die Versammlungen der BewohnerInnen, die Treffen der StockwerkkoordinatorInnen, verhandelt mit den Stromgesellschaften, der Stadtverwaltung und mit manchen BewohnerInnen, die Schwierigkeiten machen. Ein Vollzeitjob, für den sie auch bezahlt wird. 468 Familien wohnen jetzt in dem Gebäude, etwa 1.630 Menschen. Doch wer weiß das schon so genau? „Es werden ja ständig neue Babys geboren!“ erzählt uns Jonmaria lachend. Seit dem 3. November 2003, als das Haus besetzt wurde, wohnt sie hier.
„Als ich noch an der Peripherie von São Paulo wohnte, da war mein Leben ganz anders“, erzählt sie. „Ich habe in zwei Jobs gearbeitet, um die Miete bezahlen zu können. Mein Leben bestand nur darin, von Zuhause zur Arbeit, von der Arbeit nach Hause zu fahren.“ Als ihr Mann und ihre Tochter dann auch noch arbeitslos wurden, konnten sie sich die Miete nicht mehr leisten. So ist sie zur MSTC gekommen, der Bewegung der Obdachlosen im Zentrum von São Paulo.

Alternative zur Peripherie

Die Bewegung setzt sich für das Recht der armen Bevölkerung auf menschenwürdiges Wohnen ein. Das bedeutet vor allem, für bezahlbare Wohnungen im Zentrum zu kämpfen. In den 80er Jahren verließen die Banken und Unternehmen das alte Zentrum von São Paulo, und überließen es dem Verfall. Die Stadtverwaltung versucht seit einigen Jahren, das Zentrum für Investoren wieder aufzuwerten – was bedeutet, dass die arme Bevölkerung in die Viertel am Stadtrand verdrängt werden soll. Um eine Alternative zur Peripherie zu schaffen, besetzen die AktivistInnen des MSTC 2003 die leeren Gebäude im Zentrum der Stadt. Damit wollen sie auch gegen die Spekulation protestieren und dafür demonstrieren, dass die Grundstücke eine soziale Funktion erfüllen.
„Die Peripherie wird von der Stadtregierung völlig vernachlässigt. Es gibt kaum Krankenhäuser, die Sozial- und Gesundheitsbüros sind nicht in Betrieb. Hier im Zentrum ist das anders. Hier hast du Zugang zu allem. Das Krankenhaus ist in der Nähe, du kannst zu Fuß zur Apotheke gehen“, erklärt Jonmaria, warum sie lieber im Zentrum wohnt. Dadurch, dass sie sich beim MSTC engagierte, hat sie viel über ihre Rechte gelernt, erzählt Jonmaria. Sie ist politisch bewusster geworden und nimmt ihre Marginalisierung nicht mehr einfach so hin.
Lamartini Brasiliano Domingas aus dem sechsten Stock kann dem nur beipflichten: „Ohne festen Wohnsitz bist du den Leuten völlig gleichgültig. Es reicht zu sagen, dass man in einer Armenherberge wohnt, und die Leute schlagen dir die Tür vor der Nase zu. Hier drinnen nicht, hier hat man Rechte wie alle anderen auch. Aber draußen werden wir diskriminiert. Die Leute behandeln uns wie Rowdies, die keine Kultur haben. Aber wir beweisen in unserem Alltag, dass das Gegenteil der Fall ist.“

Enteignung statt Leerstand

Auch Lamartini kommt aus dem Nordosten. Fast alle BewohnerInnen des Gebäudes sind aus anderen Landesteilen zugewandert. Seit 16 Jahren lebt der 38-jährige Lamartini nun schon in der Stadt. Er arbeitet an einer Ampel, verkauft Getränke und Kekse an die AutofahrerInnen.
Er war einer von 15 Männern, die am Tag der Besetzung die vorderste Linie bildeten. „Wir brachen die Tür auf, und bildeten eine Kette um den Eingang herum, um die Leute zu schützen, die dann in das Gebäude stürmten. Wir waren die letzten, die hineingingen, und die Tür wieder verriegelten. Als die Polizei anfing zu versuchen, uns an der Besetzung zu hindern, war schon eine enorme Anzahl von Menschen drinnen. Der Polizei blieb nichts anderes übrig, als draußen zu warten“, erzählt er. Ohne eine Aufforderung der Besitzer darf die Polizei keine Räumung durchführen. Erst drei Tage später gab der Besitzer, der Stadtverordnete Jorge Hamuche, eine solche Räumungsaufforderung. Diese wurde allerdings blockiert, da er noch Grundsteuern für das Gebäude nachzuzahlen hat, das seit 20 Jahren leer steht. Der Betrag, den er schuldig ist, entspricht etwa dem Wert des Gebäudes. Deshalb drängen die BewohnerInnen auf eine Enteignung Hamuches.
Lamartinis Begeisterung für die Besetzung kennt keine Grenzen: „Hier kann ich endlich meiner Leidenschaft nachgehen – der Literatur. In der Herberge musste ich meine Bücher immer mit mir herumtragen, sonst wären sie mir gestohlen worden. Hier kann ich bleiben, solange ich will, und ganz unbesorgt meine Sachen liegen lassen. Allein das ist schon viel wert!“
Vorher wohnte Lamartini, wie viele StraßenverkäuferInnen und AbfallsammlerInnen, in einer Armenherberge. Sie werden von der Stadtverwaltung unterhalten. Es gibt dort Duschen und Schlafplätze. Doch ein Platz zum Wohnen sind die Herbergen nicht. Ab sechs Uhr morgens muss man sie verlassen, und darf erst um sechs Uhr abends wieder zurückkehren. Und dann weiß niemand, ob er oder sie auch einen Platz bekommt. Denn es leben etwa 7.000 Obdachlose im Zentrum São Paulos, es gibt aber nur 5.000 Betten in den Herbergen.

Wiedererlangte Würde

Die Besetzung gab Lamartini die Möglichkeit, eine Familie zu gründen. Hier hat er seine Frau Soares kennengelernt, erzählt er, während um ihn herum seine vier jüngsten Kinder toben und spielen. Als Hommage an seine wiedererlangte Würde nannte er seine erste Tochter, die in dem Gebäude geboren wurde, Athenas. „Um an die große Stadt Griechenlands zu erinnern, in der jeder Bürger die gleichen Rechte hatte“, wie er sagt.
„Wir konnten hier sogar eine Bibliothek aufbauen. Die Kinder lernen lesen“, erzählt Lamartini begeistert. Wie bestellt kommt Severino da Silva vorbei, und gibt eine Ladung Bücher ab. Zusammen mit seiner Frau Roberta organisiert Severino die Bücherei in dem geräumigen Keller, der auch als Versammlungsraum dient. Da die beiden Papier für die Wiederverwertung sammeln, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, kamen sie ganz natürlich zu dieser Aufgabe. Die ersten 600 Exemplare der Bibliothek haben sie direkt aus dem Altpapier gesammelt. Danach kamen Spenden von Schulen und Nichtregierungsorganisationen hinzu, so dass der Bestand sich nun auf 11.000 Exemplare beläuft.

Katzenstrom

Doch Ende Mai 2005 wurde es dunkel in der Bibliothek und im ganzen Gebäude. Denn das Energieunternehmen Eletropaulo hatte ihnen den Strom gekappt. In der Zeit vorher hatte das Gebäude eletricidade de gato („Katzenstrom“), illegal abgezapften Strom, wie in den meisten Favelas auch. Nach einer Woche in der Dunkelheit und langen Verhandlungsrunden konnten die BewohnerInnen der Eletropaulo eine provisorische Elektrizitätsversorgung abringen. Nun bemühen sie sich darum, eine richtige Stromversorgung, mit konstanter Spannung und sicheren Leitungen zu bekommen.
Die unsicheren Stromleitungen sind ein großes Problem. Wahrscheinlich wegen eines Kurzschlusses war am 17. September 2004 im zweiten Stock des Nachbarhauses, das ebenfalls zum besetzten Komplex gehört, ein Brand ausgebrochen, erzählt Soares Domingas. „Damals war alles noch improvisiert, die Besetzung gab es ja noch nicht lange“, so Soares mit leiser Stimme. „Das Feuer ist dann bis in den vierten Stock gelangt, bis endlich die Feuerwehr kam. Wir haben versucht, alle zu evakuieren, aber…“ Weiter kommt sie nicht. Soares bricht in Tränen aus. Die zweijährige Tochter einer bolivianischen Migrantin konnte nur noch tot geborgen werden.

Konfliktpunkt Monatsbeitrag

Die Situation in dem Gebäude Prestes Maia ist prekär. Um Reparaturen durchführen zu können und den Strom zu bezahlen, müssen die BewohnerInnen einen monatlichen Beitrag von etwa 70 Reais (etwa 25 Euro) aufbringen. Daneben wird das Geld für Medikamente ausgegeben. Auch das Begräbnis eines Verstorbenen wurde schon aus der Kasse bezahlt. Trotzdem ist der Monatsbeitrag der größte Konfliktpunkt zwischen manchen BewohnerInnen und der Koordination.
Cristina – ihren vollen Namen möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen – feiert heute ihren 38. Geburtstag. Ihre Töchter haben sie mit einer Feier und einem Schokoladenkuchen überrascht. Dennoch ist sie unzufrieden: „Wohin geht das Geld, das wir jeden Monat bezahlen? Das geht doch in die Tasche der Koordination! Eine einzige Mafia ist das. Etliche Leute sind schon hinausgeworfen worden, weil sie den Beitrag nicht bezahlen konnten. Was ist das für eine Bewegung der Obdachlosen, die Leute auf die Straße wirft?“, fragt sie.

Gegen Abfindungen

Inzwischen wird es Abend, immer mehr Leute kommen von der Arbeit nach Hause. Die Stromschwankungen nehmen zu. In Cristinas Küche, in einem der oberen Stockwerke, wird es hell und dunkel, was das Ambiente surreal erscheinen lässt. Cristina erzählt, dass die Stadtregierung ein Angebot gemacht hat: 5.000 Reais (etwa 1.800 Euro) Abfindung für jeden, wenn die BewohnerInnen das Haus verlassen. Doch die Vollversammlung war dagegen. „Die Koordination hat uns gesagt, dass wir dagegen stimmen sollen. Das haben die doch nur aus Egoismus gesagt! Ohne uns Familien wäre doch die ganze MSTC zu Ende“, sagt sie, während sie sich vertraulich zu mir beugt, als befürchte sie, dass die Koordination schon Abhöranlagen in den Wohnungen eingebaut hätte. Am liebsten wäre ihr eine Abfindung, mit der sie sich ein Häuschen an der Peripherie kaufen könnte. „Dann könnte ich die Miete sparen und hätte genug Geld, um zu meiner Arbeit mit dem Bus zu fahren“, sagt sie.
Cristina arbeitet als Putzfrau. Als sie noch an der Peripherie wohnte, reichte ihr Gehalt nicht für beides, die Miete und das monatliche Busticket. „Die Koordination holt immer neue Leute in die Besetzung, wenn manche wieder gehen. Das ist doch falsch! Wenn wir immer weniger werden würden, dann gäbe es doch sicherlich leichter eine Einigung mit Hamuche, und mehr Abfindung würde für uns übrig bleiben“, findet Cristina. „Hier geht es doch nur noch um Politik, und nicht um eine Wohnung.“
Da würde ihr Jonmaria sicher recht geben, die mit der Besetzung vor allem gegen Leerstände und die Vertreibung der armen Bevölkerung aus dem Zentrum protestieren will. „Niemand wohnt hier freiwillig“, sagt Cristina, während hinter ihr Kakerlaken die Küchenschränke hoch und runter krabbeln. „Wie in einem Gefängnis fühle ich mich hier!“ Aber einfach so, ohne eine Abfindung, möchte sie auch nicht gehen.
Es ist schwierig, Anspruch und Wirklichkeit miteinander in Einklang zu bringen. Nicht alle BewohnerInnen sind so politisiert wie Lamartini oder Jonmaria. Doch die beiden glauben, dass politischer Widerstand das einzige Mittel ist, um gegen die Ausgrenzung der Armen vorzugehen. Auch Lamartini sagt, dass er nicht freiwillig hier wohnt. „Niemand ist gerne arm. Die Armut wächst nicht an den Bäumen, sie ist das Resultat dieser kapitalistischen Gesellschaft, die Türen verschließt, anstatt sie zu öffnen“, sagt er. Er findet, dass man sich zusammen tun muss, um gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen. Doch Einigkeit ist nicht immer leicht, wenn man in der Misere lebt.

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