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Medien und ihre Mittel

Die Frage lautet weniger, was die Medien mit den Menschen machen, sondern: Was machen Menschen mit den Medien? Medien bieten einen wichtigen Anhaltspunkt für die Interpretation von Realität. Dabei zählt aber nicht nur, welche Informationen ausgewählt und dargestellt werden, sondern auch welches Medium zur Präsentation dieser ausgewählt wird. Das Medium ist Teil der Nachricht.
Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der Begriff der Öffentlichkeit zu betrachten, der den Medienschwerpunkt des Jahrbuchs rahmt. Er bedarf als zentraler Begriff der Medienwissenschaften einer ausführlichen Betrachtung. Sérgio Costa, der an der Freien Universität Berlin lehrt, bietet hierzu eine wissenschaftliche und umfassende Untersuchung. Dabei stellt er eine Entwicklung der Öffentlichkeit in Lateinamerika fest, die in Habermas’scher Tradition schließlich die Rolle des Publikums zum einen als Teil eines „kommunikativen Raums“ der Öffentlichkeit, ebenso wie als Akteur in diesem Raum sieht.
So ist auch das Projekt des Indigenen Foto-Archivs (Archivo Fotográfico Indígena – AFI) zu verstehen, dass Anne Huffschmied in ihrer kurzen Reflektion „Eine andere Art zu sehen? Die Camaristas aus Chiapas“ vorstellt und diskutiert. Die Fotografien der indigenen Bevölkerung sind ein eigener selbstständiger Blick auf ihre Lebensweise. Eine kleine Auswahl von zwölf Fotografien wird den LeserInnen gleich mitgeliefert und machen das Jahrbuch selbst zu einem alternativen Medium.

Telenovelas verkannt
Ein sehr populäres Phänomen im lateinamerikanischen Fernsehen sind die Telenovelas. Umso interessanter ist die unterhaltsame und fundierte Analyse von Gisela Klindworth dieser oft als primitive Verdummung abgewerteten Produktionen. Ganz im Sinne der Popular Culture Studies werden die Novelas als das legitimiert, was sie sind: Unterhaltung. Klindworth holt die Novelas damit aus der Schublade des Groschenromans. Gerade angesichts des erneuten Versuchs, eine bekannte Telenovela-Produktion Lateinamerikas im deutschen Fernsehen zu etablieren, hat der Artikel eine besondere Aktualität. Das ZDF bringt mit „Bianca“ eine Adaption der kolumbianischen Novela „Yo soy Betty, la fea“ ins deutsche Fernsehen.
Aber auch klassische Medien werden untersucht. Rafael Otano und Guillermo Sunkel, Professoren an der Universität in Santiago, unterziehen den chilenischen Journalismus einer harten und – für das Verständnis eines unabhängigen Journalismus – vernichtenden Analyse, die sich durchaus auch auf weitere lateinamerikanische Staaten adaptieren lässt.
Bettina Bremme widmet sich dem lateinamerikanischen Kino inmitten von Krisen und Aufbrüchen und bietet in bewährter Manier eine Vielzahl an Beispielen für die Situation des Kinos in den einzelnen Ländern und destilliert überregionale Tendenzen und Motive, die Hoffnung auf weitere kreative Produktionen aus Lateinamerika machen.
Bert Hoffmann schließt den Medienschwerpunkt mit einer Untersuchung des in den letzten zehn Jahren am wohl stärksten gewachsenen Mediums und seinen Auswirkungen auf Lateinamerika: dem Internet. Für ihn trägt es durchaus nennenswert zur Demokratisierung und der dazugehörigen Einbeziehung der armen Bevölkerungsschichten bei. Hoffmann liefert Zahlen und Fakten für Lateinamerika, die das bereits auf dem World Summit on Information Society (WSIS) in Genf 2003 deutlich gewordene Problem der Digitalen Spaltung bestärken. Das heißt die Kluft wächst zwischen denen, die Zugang zu Informationen haben und denjenigen, die davon ausgeschlossen bleiben.

Blick auf Belize
Die Länderberichte umfassen traditionell den zweiten Teil des Jahrbuchs. Dieses Jahr werden die Entwicklungen in Argentinien, Belize, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Mexiko und Venezuela analysiert.
Die Journalistin Gaby Weber berichtet aus Buenos Aires von der nach den Wirren 2001 sich langsam wieder normalisierenden Situation unter Präsident Kirchner und dem entstehenden Kirchnerismus in Argentinien.
Das sonst kaum beachtete Land Belize wird von Wolfgang Gabbert, Professor für Soziologie an der Universität Hannover, vorgestellt. Er gibt einen Überblick über die gesellschaftliche Situation der ehemaligen britischen Kolonie, die erst 1981 in die Unabhängigkeit entlassen wurde und in den letzten Jahren mit der Integration der steigenden Anzahl an MigrantInnen aus den umliegenden Staaten Guatemala, El Salvador und Honduras zu kämpfen hat.
Die verfahrene Situation in dem Andenland Bolivien wird von Anne Piepenstock, Gonzalo Vargas und Ulrich Goedeking nachgezeichnet. Aufgrund der neoliberalen Ausrichtung der Politik von IWF, Weltbank und USA ist das Land in eine Krise gerutscht, in der der aktuelle Präsident Carlos Mesa noch gebraucht wird, da er zumindest eine gewisse Stabilität verspricht.
Ein Jahr vorsichtige Reformen des linken Hoffnungsträgers Lula in Brasilien wird von Imme Scholz vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik und Leiterin für Globale Umweltpolitik zusammengefasst. Neben den Reformthemen in der Innenpolitik und der Wirtschaft, widmet sie der Umweltproblematik speziell im Amazonasgebiet ein besonderes Augenmerk. Neben außenpolitischen Akzenten kann Scholz innenpolitisch nur viel Kontinuität konstatieren.
Der Ökonom Alberto Acosta stellt die Ernüchterung angesichts der neoliberalen Politik des Präsidenten Lucio Gutiérrez in Ecuadors Bevölkerung dar. Gerade die anfangs von Gutiérrez geschürten Hoffnungen der indigenen Bevölkerung auf mehr Repräsentation durch indigene Minister wurden verraten.
Der an der UNAM lehrende Ökonom Enrique Dussels Peters steuert einen profunden Artikel zu Mexikos wirtschaftlicher Situation bei. Ausführliche Zahlen und Fakten zur Entwicklung des BIP und zur Einkommensverteilung fassen die letzten fünf Jahre zusammen und belegen die Krise der mexikanischen Maquiladora-Industrie.
Margarita López Maya zeichnet den oppositionellen Protest in Venezuela bis ins Jahr 2004 eindrücklich nach. Präsident Hugo Chávez geht aus den Kämpfen mit der Opposition eher gestärkt hervor und gewinnt auch das, leider nicht mehr in dem Artikel analysierte, Referendum im Spätsommer 2004.

Ein guter Überblick
Wie unterschiedlich die Realität in Lateinamerika auch aussehen mag, das 28. Jahrbuch gibt einen guten Einblick, um die aktuelle Situation in sieben Ländern Lateinamerikas besser zu verstehen. Gleichzeitig bekommen LeserInnen einen guten Überblick an die Hand, wie Medien in Lateinamerika funktionieren und wie sie Gesellschaft darstellen. Gerade durch das alternative Medienverständnis, in dem alle AbsenderInnen von Kommunikation sein können, wird die Bandbreite der unterschiedlichen Möglichkeiten in einem „kommunikativen Raum“ der Öffentlichkeit deutlich. Das macht Hoffnung, dass trotz aller Probleme eine kulturelle und politische Demokratisierung möglich ist.

Jahrbuch Lateinamerika. Analysen und Berichte, Band 28. Medien und ihre Mittel. Verlag Westfälisches Dampfboot 2004. ISBN 3-89691-579-7

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