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Meeresräuber als Piratenbeute

Wenn in Costa Rica von Piraten die Rede ist, denken die meisten an die Angriffe der Filibuster unter dem US-amerikanischen Abenteurer William Walker Mitte des 19. Jahrhunderts oder an die sagenhaften Schätze, die immer noch auf der abgelegenen Isla del Coco, die Robert Louis Stevenson als Vorbild für seine Schatzinsel diente, vergraben liegen sollen. Doch Piraten treiben immer noch ihr Unwesen in den Gewässern des zentralamerikanischen Landes. Nur sind ihre Beute nicht mehr spanische Galeonen und das Gold aus den Kolonien, sondern die Reichtümer des Meeres selbst. Ganz oben auf der Liste stehen dabei andere Räuber: Haifische, genauer gesagt ihre Flossen, die als Basis für die berühmte Haifischflossensuppe vor allem nach Asien exportiert werden. Die Rede ist von internationaler Fischerei-Piraterie. Zusammen mit fragwürdigen Verwicklungen hochrangiger einheimischer Politiker und einem gefährlichen Vakuum zwischen internationaler und nationaler Gesetzgebung ergibt sie eine fatale Mischung, deren Ergebnis die bedrohliche Verringerung der Bestände zahlreicher mariner Lebensformen in den letzten 15 bis 20 Jahren ist.
Wenn innerhalb diesen Monats im costaricanischen Parlament das neue Fischereigesetz zur Abstimmung kommt, stellt das für viele Arten, allen voran die in costaricanischen Gewässern ehemals zahlreichen Haie und Meeresschildkröten, die vielleicht letzte Chance dar, der drohenden Ausrottung zu entgehen. Abgesehen von den unabsehbaren Folgen für ein Ökosystem, das vom Verlust wichtiger Arten an der Spitze der Nahrungskette bedroht ist, steht auch die wirtschaftliche Existenz zahlreicher einheimischer kleiner und mittelständischer FischerInnen auf dem Spiel. Die Verabschiedung des Gesetzes ist seit Jahren Gegenstand eines politischen Kampfes, der weit über die Grenzen des kleinen mittelamerikanischen Landes hinaus reicht.

Straffreiheit nach Seemeilen

Er nahm seinen Anfang als das costaricanische Verfassungsgericht 1995 die Erhebung von Geldstrafen nach dem bestehenden Fischereigesetz für verfassungswidrig erklärte. Laut internationaler Gesetzgebung können Strafen für illegale Fischerei verhängt werden, die über Geldbußen hinausgehen. Möglich ist die Konfiszierung von Schiffen und auch die Inhaftierung ihrer Kapitäne. Diese Sanktionen können jedoch nur innerhalb der ersten 12 der 200 Seemeilen umfassenden Hoheitsgewässer eines Landes angewandt werden. Innerhalb der restlichen 188 Seemeilen können nach internationalen Abkommen nur leichte Strafen verhängt werden. Da aber in Costa Rica die Geldstrafen im Fischereigesetz als verfassungswidrig gelten, ist dieser Korridor praktisch straffrei. Die durch „gewöhnliche“ Überfischung ohnehin schon besorgnis erregende Lage geriet somit zusehends außer Kontrolle.
Die erste Initiative für ein neues Gesetz wurde bereits 1999 eingebracht. Der Entwurf enthielt jedoch eine entscheidende Schwachstelle: die Öffnung der ohnehin schon erschöpften costaricanischen Fischgründe für internationale Fangflotten. Ein entsprechender Vertrag zur „Kooperation im Fischereisektor“ zwischen Spanien und Costa Rica war bereits unterzeichnet. Norwegen zeigte ebenfalls Interesse. Einer der maßgeblichen Unterhändler auf costaricanischer Seite war der heutige Vizepräsident Luis Fishman, damals zufälligerweise gleichzeitig Kassenwart des spanischen Fischereikonzerns Tuna Tuna. Die offensichtlichen Verwicklungen riefen eine breite Koalition aus einheimischen FischerInnen und UmweltschützerInnen auf den Plan, die eine Überarbeitung des Entwurfes unter Mitwirkung ihrer VertreterInnen durchsetzen konnte. In der Zwischenzeit geht der Raub an Costa Ricas marinen Ressourcen jedoch weiter.

Flossenlose Haie

Für Arten wie Haie oder Meeresschildkröten wirkt sich die Überfischung besonders gravierend aus, denn aufgrund ihres langsamen Wachstums und ihres späten Geschlechtsreife pflanzen sich die Bestände nur langsam fort. Im Falle des Hais wird das Problem zusätzlich durch die international geächtete Praktik des „Aleteo“ verschärft. Dabei werden dem Hai – oft bei lebendigem Leib – die Flossen abgeschnitten. Der übrige Körper wird schlicht über Bord geworfen. Die Flossen erbringen vor allem auf den Märkten Asiens, wo Haifischflossensuppe als Delikatesse und Statussymbol gilt, ein Vielfaches des Preises gewöhnlichen Haifleisches. Da sie nur ungefähr ein Zwanzigstel des Gewichtes des Fisches ausmachen, kann so der Gewinn einer Fangfahrt erheblich gesteigert werden, während in gleichem Maße mehr Haie das Leben verlieren.
Zwar dürfen seit Februar 2001 laut einer vom costaricanischen Fischereiinstitut INCOPESCA erlassenen Richtlinie nur noch komplette Haie – also mit Flossen – entladen werden, diese Bestimmung werden aber höchst mangelhaft durchgesetzt. So sind zum Beispiel nur neun Inspektoren für die Kontrolle der eingefahrenen Fänge bei der Entladung im ganzen Land zuständig, so dass nur Stichproben vorgenommen werden können. Ein angemessenes System zur Durchführung dieser Kontrollen fehlt gänzlich. Zudem entladen viele der nach inoffiziellen Schätzungen etwa hundert internationalen, vorwiegend asiatischen Fangschiffe, die Costa Rica als strategisch günstig gelegenen, politisch stabilen und wenig kontrollierten Hafen nutzen, an hermetisch abgeriegelten Privatdocks. Eine Überprüfung der Fracht entfällt dort meist völlig.
Schon die offiziellen Daten von INCOPESCA, die sich nur auf die Fänge der einheimischen FischerInnen beziehen, sprechen eine deutliche Sprache. Während die Menge der angelieferten Haikörper ohne Flossen zwischen 1996 und 2000 um rund zwei Drittel auf ungefähr 5 000 Tonnen anstieg, verachtfachte sich im gleichen Zeitraum die Produktion von Haifischflossen auf knapp 400 Tonnen. Nach Berechnungen der Umweltschutzorganisation PRETOMA (Programa Restauración de Tortugas Marinas – Programm für die Erholung der Meeresschildkröten) entspricht das etwa 120 000 Haien, die Opfer des “Aleteo” geworden sind.

Gesetze gelten nur in den üblichen Geschäftszeiten

Wie dringend eine Reform der gesetzlichen Bestimmungen und eine konsequente Durchführung der Kontrollen ist, wurde erneut offensichtlich, als am vergangenen 31. Mai das taiwanesische Schiff „GRUIDA U RUEY 1“ im Hafen von Puntarenas ganze 30 Tonnen lose Haifischflossen entlud. Die Ladung wurde um 21 Uhraußerhalb der Arbeitszeiten der Hafeninspekteure von INCOPESCA gelöscht. Nur durch Zufall beobachteten Beamte der Küstenwache den Vorgang, die jedoch nicht eingreifen konnten, weil das Schiff an einem Privatdock festgemacht hatte, wo die Küstenwache keine Befugnisse hat.
Erst unter massivem Druck seitens PRETOMA und anderer MeeresschützerInnen, ordnete INCOPESCA eine Untersuchung an und verbot die Entladung als am 2. Juni die „GRUIDA U RUEY 1“ den legalen Teil ihrer Ladung löschen wollte. „Alles, was ein Schiff tun muss, um dem costaricanischen Gesetzen zu entgehen, ist das Wochenende oder den Feierabend abzuwarten“, kommentiert Randall Arauz, Präsident von PRETOMA, den Vorgang sarkastisch.
INCOPESCA argumentiert mit chronischem Ressourcenmangel. Randall Arauz sieht die Sache jedoch anders: „Das Haupthindernis ist, dass INCOPESCA das Problem verleugnet.“ Diese Ansicht wird von zahlreichen anderen UmweltschützerInnen, WissenschaftlerInnen, Parlamentsabgeordneten und BürgerInnen geteilt, die im April in einem offenen Brief an Präsident Abel Pacheco die Einrichtung eines staatlichen Programms zur Erhaltung der marinen Artenvielfalt, die Verbesserung der Kontrollen und einen Entladestopp für die internationalen Schiffe forderten. Bis auf die Zusage, dass das Umweltministerium „sich mit dem Problem befassen werde“, liegt noch keine Antwort vor. Im Mai letzten Jahres bewies das Verfassungsgericht jedoch ein weiteres Mal das Fehlen einer klaren Linie der staatlichen Institutionen. In seiner Entscheidung über eine Beschwerde von PRETOMA gab es zwar zu, dass die UmweltschützerInnen vollkommen Recht hätten. Statt aber eine Behebung der Mängel zu verfügen, wies es die Beschwerde mit der von INCOPESCA vorgebrachten Begründung des Geld- und Personalmangels ab.
So erzielen Organisationen wie PRETOMA zwar durchaus beachtenswerte Erfolge in der Kooperation mit einheimischen FischerInnen bei der Bewusstseinsbildung hinsichtlich der Erhaltung des Ökosystems und bei der Erhebung bisher vollkommen fehlender statistischer Daten über die Populationen und bei der Einführung neuer Fangmethoden, die den ungewollten Beifang von Haien und Schildkröten vermeiden helfen oder zumindest das Überleben der Tiere ermöglichen. Da sie vom Rückgang der Erträge direkt betroffen sind, haben die kleinen und mittelständischen Bootseigner Innen schließlich ein gesundes Eigeninteresse an der verantwortungsvollen und nachhaltigen Nutzung von Costa Ricas marinen Ressourcen.

Haben die Haie noch eine Chance?

Die Fischerei nach küstennah lebenden Haiarten im mittelamerikanischen Pazifik ist schon lange zusammengebrochen. Um ihre Laderäume zu füllen, müssen die FischerInnen heute doppelt so lange auf See bleiben wie noch vor zehn Jahren. So wird es für sie immer schwieriger, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen. Die Armutsquote der vom Fischfang lebenden Personen wird nur von der in der Landwirtschaft übertroffen. Im Gegensatz zu den internationalen Flotten können sie jedoch nicht einfach weiterziehen, wenn die Fanggründe erschöpft sind. Nach der Überwindung des üblichen Misstrauens gegenüber den MeeresschützerInnen zeigen sie sich deshalb durchaus bereit, deren Vorschlägen zuzuhören.
Wie Randall Arauz resigniert feststellt, sind die erzielten Ergebnisse aber „Wassertropfen in der Wüste“, wenn man ihnen das Fangaufkommen der internationalen Schiffe mit ihrer weit überlegenen Reichweite, Fangtechnologie und Lagerkapazität gegenüberstellt.
Mit dem neuen Gesetzesentwurf ist er jedoch relativ zufrieden. Nur in einem Punkt mussten die VerhandlungsführerInnen der MeeresschützerInnen und einheimischen FischerInnen einen Kompromiss eingehen: In Bezug auf den Thunfischfang sieht das Gesetz weiterhin eine Öffnung für fremde Trawler vor. Schmerzhaft ist dieses Zugeständnis allemal, auch weil es Erinnerungen an den ehemaligen Arbeitgeber des Vizepräsidenten wachruft. Die Unübersichtlichkeit der Verstrickungen zwischen einheimischen Interessengruppen, wie den Exportunternehmen, die vom Haifischflossenhandel profitieren, PolitikerInnen und internationalen Konzernen sorgt ohnehin für leichte Unruhe. „Wir wissen nicht, wer der Feind ist“, meint Randall Arauz. Dennoch sehen die MeeresschützerInnen von PRETOMA und ihre Verbündeten der Abstimmung mit verhaltenem Optimismus entgegen und sind bemüht, die Gesetzesnovellierung zu beschleunigen. Für einige Haiarten Costa Ricas könnte die schnelle Verabschiedung der neuen Normen zu einer Frage des Überlebens werden.

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