Chile | Nummer 619 - Januar 2026 | Wahlen

Mehr Bukele und weniger Boric

Ultrarechter Kandidat José Antonio Kast wird Chiles neuer Präsident

Das regierende Mitte-Links-Bündnis schnitt bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im November und Dezember 2025 historisch schlecht ab. Die Unzufriedenheit mit Präsident Gabriel Boric, ein von den Themen Migration und Kriminalität dominierter politischer Diskurs sowie die neu eingeführte Wahlpflicht machten es der linken Kandidatin Jeannette Jara schwer. LN analysiert die Hintergründe.

Von Martin Schäfer
Der Wahlsieger steht fest José Antonio Kast und seine Frau am Abend der Stichwahl (Foto: Diego Reyes Vielma)

Der extrem rechte Kandidat José Antonio Kast (Republikanische Partei) hat die Stichwahl um die Präsidentschaft Chiles am 14. Dezember 2025 mit 58,2 Prozent der Stimmen gewonnen. Jeannette Jara (Kommunistische Partei, KP), die Kandidatin der derzeitigen Mitte-Links-Regierungskoalition von Präsident Gabriel Boric, kam dagegen lediglich auf 41,8 Prozent der Stimmen. Die Niederlage von Jara, siehe LN 618, hatte sich bereits nach der ersten Wahlrunde am 16. November 2025 abgezeichnet. Sie hatte lediglich 26,9 Prozent der Stimmen bekommen, während allein die drei rechten bis extrem rechten Kandidat*innen Evelyn Matthei, José Antonio Kast und Johannes Kaiser zusammen auf eine knappe absolute Mehrheit der Stimmen gekommen waren, darunter 23,9 Prozent für Kast.


Die feministische Gruppe Coordinadora 8M kommentierte die Aussicht auf eine Regierung Kast noch vor der Stichwahl so: „Auf der ganzen Welt haben die ultrarechten Regierungen nur Armut und Tod gebracht, verpackt in falsche Sicherheitsversprechen. Eine von den Reichsten orchestrierte Politik, die Arme gegen andere Arme aufbringt. Kast verkörpert diesen Rückschritt von Rechten. Die autoritäre Bedrohung ist noch größer im Hinblick auf die Rechte von Frauen, Mädchen und nichtbinären Menschen. Das Herz seines Projekts ist es, uns zu Schweigen, Angst und in die Unsichtbarkeit zu treiben.“


Die Regierungskoalition von José Antonio Kasts wird voraussichtlich auch die Sozial-Christliche und die National-Libertäre Partei – beide extrem rechts – umfassen. Letztere ist die Partei des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Johannes Kaiser. Auch die rechten Parteien UDI und RN, die die Regierungen des ehemaligen Präsidenten Sebastián Piñera gestützt hatten, werden vermutlich Teil der Regierung.


Nach der Parlamentswahl am 16. November kommt Kasts Bündnis auf 76 von 155 Abgeordneten und 25 von 50 Senatorinnen. In der Abgeordne­ten­kammer wird die rechtsoffene, populis­tische Antisystempartei Partido de la Gente mit 14 Abgeordneten Zünglein an der Waage sein. Ihr Präsidentschaftskandidat Franco Parisi landete am 16. November überraschend mit 19,7 Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz. Noch nie seit der Rückkehr zur Demokratie 1990 stand eine chilenische Regierung so weit rechts wie nach dieser Wahl, für die politische Linke ist es nach der Ablehnung des Verfassungsentwurfs 2022 die zweite große Niederlage innerhalb weniger Jahre. Kast ist – wie auch Matthei und Kaiser – deutschstämmig. Sein Vater war Wehrmachtsoffizier und NSDAP-Mitglied, sein verstorbener älterer Bruder Michael studierte bei Milton Friedman in Chicago und war unter Pinochet Minister und Zentralbankchef. Auch José Antonio Kast, siehe LN 571, gilt als Bewunderer Pinochets und ist ein glühender Verteidiger des während der Militärdiktatur eingeführten neoliberalen Wirtschaftsmodells. Als er im Jahr 2021 als Präsidentschaftskandidat gegen Boric antrat, versicherte der heute 59-jährige Anwalt: „Wenn Pinochet noch lebte, würde er mich wählen“.

Seine Republikanische Partei gründete Kast 2019 als rechte Abspaltung von seiner ehemaligen Partei UDI, die bis dahin die hauptsächliche Heimat von Pinochet-Apologetinnen gewesen war. Beim ersten landesweiten Antreten gewann die neue Partei 2021 aus dem Stand 14 Sitze im Abgeordnetenhaus, was sie im November 2025 mit 31 Sitzen nun mehr als verdoppeln konnte.

Kast steht politisch Trump, Bolsonaro und auch europäischen Politiker*innen der extremen Rechten wie etwa der spanischen Vox nahe und ist bestens mit diesen vernetzt. Von 2022 bis 2024 war er Präsident des Political Network for Values, eines Netzwerkes von ultrarechten Politikerinnen und hassverbreitenden Gruppen, die wie er selbst reproduktive Rechte, gleichgeschlechtliche Ehe und umfassende Sexualerziehung ablehnen.

Anders als noch 2021 sprach Kast in diesem Wahlkampf kaum über diese stramm rechten Positionen, sein Programm konzentrierte sich stattdessen auf die Bereiche Migration, Sicherheit und Wirtschaft. Für die etwa 330.000 nach chilenischem Recht illegal eingereisten Geflüchteten, vor allem Venezolanerinnen, plant er massenhafte Abschiebungen mittels Charterflügen, die sie zum Teil selbst bezahlen sollen. Nach dem Motto „Wir brauchen mehr Bukele und weniger Boric“ plant Kast Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild von El Salvador, außerdem höhere Strafen für kriminelle Banden und Spezialkräfte für von Kriminalität betroffene Gebiete.

Sicherheitslage und Migration bestimmten den Diskurs


In der Praxis bedeutet dies, dass der Polizeigewalt weiter Tür und Tor geöffnet werden, denn Kast ist als Freund der Straflosigkeit bekannt. So zeigt er sich dafür offen, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Pinochet-Diktatur inhaftierte Ex-Militärs wie Miguel Krassnoff zu begnadigen, genauso wie den Polizisten Patricio Maturana, der im Kontext der Niederschlagung der Proteste von 2019 das Gesicht der heutigen Senatorin Fabiola Campillai durch einen Schuss mit einer Gasgranate entstellte und sie dadurch erblinden ließ. Den Tod des Mapuche Camilo Catrillanca, der 2018 von der Polizei erschossen wurde, siehe LN 535, bezeichnete er als „Unfall“.

Wirtschaftspolitisch will Kast die Rolle des Staates weiter reduzieren und noch mehr dem Markt überlassen. Hauptmittel dafür ist eine geplante Steuerreform, die innerhalb von 18 Monaten eine Steuersenkung im Umfang von 6 Milliarden Dollar erreichen soll. Unter anderem sollen die Körperschaftssteuer für mittlere und große Unternehmen von 27 Prozent auf 23 Prozent reduziert sowie die Steuern auf Aktienkäufe gesenkt werden. Die Erstwohnsitzsteuer soll abgeschafft werden. Die erst im März 2025 in Kraft getretene und maßgeblich von Jeannette Jara als Arbeitsministerin verantwortete Rentenreform, die erstmals Sozialabgaben der Arbeitgeber*innen einführte und die Renten graduell auf ein Minimum von umgerechnet 230 Euro erhöhte, will Kast in Teilen abschwächen. Dies hat ihm quer durch die politischen Lager Kritik eingebracht, da die Reform nach jahrelangen Verhandlungen auch mit Unterstützung rechter Parteien verabschiedet worden war.

Am Ende half es Jara wenig, dass ihre persönliche Bilanz als Arbeitsministerin von Boric sich sehen lassen konnte. Neben ihrem Erfolg bei der Rente konnte sie die graduelle Einführung der 40-Stunden-Woche sowie die Verdoppelung des Mindestlohns von umgerechnet 230 Euro auf 460 Euro durchsetzen. Eine weitere Erhöhung hatte sie im Wahlkampf in Aussicht gestellt. Nach der Stichwahl warb sie demonstrativ um die Anhängerinnen von Parisi und übernahm Forderungen von ihm wie die Abschaffung der Mehrwertsteuer für Medikamente. Doch Vergebens. Wo liegen die Gründe für den heftigen Rechtsruck in Chile?

Jaras Mitgliedschaft in der KP hat ihr bei Wählerinnen der Mitte sicher nicht geholfen. Ende November traf sich etwa der ehemalige christdemokratische Präsident Eduardo Frei demonstrativ mit Kast, zuvor hatte er die Unterstützung seiner Partei für Jara kritisiert. Auf der anderen Seite war Jaras Parteimitgliedschaft vermutlich auch nicht ausschlaggebend. Sie gehört dem pragmatischen KP-Flügel an, siehe LN 618, und kann eher als Sozialdemokratin denn als Kommunistin bezeichnet werden. Für den Fall ihres Wahlsieges hatte sie zudem versprochen, aus der Partei auszutreten. Stärker ins Gewicht fällt, dass laut chilenischer Meinungsforschungsinstitute wie Cadem oder Criteria etwa 70 Prozent der Bevölkerung unzufrieden mit der Regierung von Boric sind und es Jara, die bis April 2025 amtierende Ministerin war, nicht gelang, sich hiervon abzusetzen. Die Themen Kriminalität, Drogenhandel, Sicherheitslage und Migration bestimmen seit über zwei Jahren stark den gesellschaftlichen Diskurs, befeuert von der Rechten und den größtenteils konservativ ein­gestellten Medien. Hierbei gab es für die Mitte-Links-Regierung und ihre Kandidatin Jara nicht viel zu gewinnen.

Massive Abschiebungen und 
Steuersenkungen angekündigt


Kast konnte dies mit seinem Law-and-Order-Image besser bedienen. Hinter den Kulissen schickte er zwar eine Armee von Bots und Trolls los, um seine Gegner*innen zu diskreditieren – Social Media Accounts, deren Verbindung zu Kasts Wahlkampfteam durch die Onlinemedien Ciper und Reportea nachgewiesen wurden, verbreiteten Fake News wie etwa, dass Evelyn Matthei Alzheimer habe. Dennoch schaffte er es besser als bei der letzten Wahl, ein seriöses Auftreten zu vermitteln. Wurde er in Fernsehdebatten zu kontroversen Positionen befragt, wechselte er in der Regel das Thema. Vor allem die Kandidatur des schrillen und im Vergleich zu Kast noch extremer rechts stehenden Johannes Kaiser spielte Kast hier in die Hände. Kaiser erklärte, er würde unter ähnlichen Umständen wie 1973 ohne Zweifel einen neuen Staatsstreich befürworten, auch wenn dieser Tote und Menschenrechtsverletzungen nach sich zöge – und erreichte dennoch in der ersten Wahlrunde knapp 14 Prozent der Stimmen. Insgesamt hat sich das politische Spektrum in den letzten Jahren nach rechts verschoben: Während immer extremere rechte Kandidatinnen die Bühne betreten, erscheinen die Rechtsaußen von gestern in der Wahrnehmung vieler Wählerinnen heute als moderat.
Ein weiterer Grund liegt in der nun erstmalig bei Präsidentschaftswahlen angewendeten Wahlpflicht für alle Wahlberechtigten. Laut einer Analyse von BBC Mundo stimmten diejenigen, die nur aus Pflicht zur Wahl gingen, tendenziell häufiger aus Protest gegen die unbeliebte Regierung denn aus parteipolitischer Bindung oder ideologischer Festlegung ab, die Themen Sicherheit, Kriminalität und Migration sind für sie wichtig.


Schließlich liegt der Rechtsruck in Chile im lateinamerikanischen Trend. Cristóbal Rovira, Politikwissenschaftler an der Universidad Católica in Santiago, beschreibt diese Entwicklung gegenüber Ciper wie folgt: „Wir hatten in Lateinamerika einen Linksruck, der anschließend teilweise an einer Erschöpfung des linken politischen Projekts gescheitert ist, dazu kamen Korruptionsskandale wie Lava Jato oder Soquimich, in die die Linke verwickelt war und die ihr geschadet haben. Und drittens gab es einen Rückgang des Rohstoffbooms. Diese dreifache Kombination hat ein Möglichkeitsfenster für die verschiedenen Kräfte der politischen Rechten geöffnet, um zu wachsen. Ein Teil des Erfolgs der Ultrarechten liegt an der politischen Konjunktur und hat mit einer Krise der Linken zu tun und bedeutet nicht notwendigerweise, dass alle Leute aus Überzeugung für Milei, Bolsonaro oder Kast stimmen.“
Im Moment ist das nur ein schwacher Trost für die chilenische Linke. Die Coordinadora 8M verliert zumindest nicht die Hoffnung und erklärte: „Wir haben die Fähigkeit, die nötige soziale Kraft zu bilden, um dem autoritären und antifeministischen Projekt gegenüberzutreten, das José Antonio Kast verkörpert.“


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