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Mensch trifft Maschine

Brasil S/A ist ein skurriler Film über die zeitgenössische brasilianische Gesellschaft, in der zunehmend Maschinen die Arbeit der Menschen übernehmen. Ganz ohne Dialoge wirkt der Film allein über ausdrucksstarke Bilder und leise Hintergrundgeräusche oder eingängige Musik, wie Simon & Garfunkels „Sound of Silence“, das die Dramaturgie einer Szene bestimmt.
Als roter Faden ziehen sich Sequenzen schwerer körperlicher Arbeit von Zuckerrohrarbeiter*innen in der Cerrado-Savanne durch den Film, unterbrochen durch Rückblenden in ein vermeintlich unberührtes Natur-Idyll in Amazonien mit einem friedlichen Floßfahrer, der im Schlamm nach Krebsen gräbt, bis die Mangrovenwälder durch laut kreischende Sägen zerstört werden. Die fortschreitende Mechanisierung und Internationalisierung des Agrarsektors zeigt sich in der Ankunft von Baggern in einem Hafen und deren Transport ins Inland über riesige Autobahnnetze. Als sie auf der Zuckerrohrplantage ankommen, tauschen die Arbeiter ihre zerschlissene Arbeitskleidung gegen blaue Ingenieursanzüge und steigen mit Schutzhelm ins klimatisierte Führerhaus um. Nach der Taktvorgabe einer leicht bekleideten Frau beginnen die neuen Baggerführer mit Rodungen, und aus der ehemaligen Zuckerrohrplantage sprudelt plötzlich Erdöl.
Die Filmsequenzen aus Natur und Landwirtschaft werden kontrastiert durch das Hochhäusermeer einer Millionenmetropole an der Küste. Jugendliche Rapper, die an einer Großstadtkreuzung mit dem Putzen von Autofenstern etwas Geld verdienen wollen, werden kaltblütig von einem gut gekleideten jungen Mann erschossen. Ein neuer VW bleibt bei der ersten Ausfahrt aus der Garage sofort im Großstadtstau stecken und kann nur noch im Schneckentempo auf einem Autotransporter durch die Straßen gefahren werden.
Auch das Ende des Films mündet in eine surreale Szene: In einer sterilen, gesicherten Großstadt-Wohnanlage der Oberschicht frönen weiß gekleidete Reiche auf giftgrünem Rollrasen dem Müßiggang. Darüber kreist an einem Kran die brasilianische Flagge – jedoch strahlt blauer Himmel durch ein Loch, wo sich eigentlich der übliche Innenkreis mit der Aufschrift „Ordnung und Fortschritt“ befindet. Als die Sonne durch dieses Loch auf den Rasen brennt, lösen sich die Personen in Rauch auf und steigen durch die Flagge in den Himmel.
Brasil S/A zeigt Ausschnitte aus der Parallelität der verschiedenen Lebenswelten im Vielvölkerstaat Brasilien. Er setzt einiges an Vorwissen über Brasiliens Geschichte, Kulturen und Ökonomie voraus. Da er auf Dialoge verzichtet, lässt er viel Spielraum für eigene Assoziationen und Interpretationen. Ein Kann für Freund*innen surrealen Kinos, aber kein Muss für brasilieninteressierte Kinobesucher*innen.

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