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Menschenwürde ist nichts Überflüssiges

Ein Mann taucht ab. Er weiß, daß er überwacht wird und sein Leben bedroht ist. Das gebuchte Flugzeug startet ohne ihn, den Telefonhörer nimmt er nicht mehr ab. Von seinem Dableiben weiß nur die Haushälterin, die konsequent auf alle Fragen antwortet, der Señor sei für unbestimmte Zeit verreist und nicht erreichbar. Wir erfahren wenig darüber, wie es der Mann erträgt, wochenlang in den eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein, wenig auch über sein vorheriges Leben. Aber er arrangiert sich und nutzt die Zeit, um Mopán zu lernen, eine der indigenen Sprachen Guatemalas, die auch seine Haushälterin spricht. Schließlich die Entscheidung: Er zieht aus der Hauptstadt weg, in irgendein Kaff, in dem die Mopán-Frau Verwandte hat. Setzt sich also ab, gibt ein Leben auf in der Hoffnung, ein anderes zu gewinnen – oder wenigstens in Ruhe zu leben. An seiner Stelle im Haus vertritt ihn der Freund der Haushälterin. Wie ernst die Bedrohung war, zeigt ein Brief, den sie ihm in die Provinz schreibt: Der Mörder hat sich als Klempner ausgegeben und den Freund der Haushälterin, den er wohl für den Gesuchten hielt, im Badezimmer umgebracht.
In dem Dorf, wohin der Mann geraten ist, kann er kaum Fuß fassen; er wird ein Einsamer bleiben, ein Heimatloser im eigenen Land, wenngleich ein Überlebender. Den schlechteren Teil – la peor parte, so der Originaltitel der Erzählung – hat der Ermordete abbekommen.
Das alles ist auf fünfzehn Seiten zu lesen, kurz und knapp und doch fesselnd. Der Leser ist mittendrin, wie in einer langen Geschichte oder einem guten Film.

Nichts für Voyeure

Seine sprachliche Präzision macht es dem Autor möglich, mit wenigen Worten viel zu sagen. Gleichzeitig bewahrt Rey Rosa immer eine respektvolle Distanz. So entsteht spannungsvolle, beunruhigende Literatur: Die Treffsicherheit der Wortwahl öffnet der Imagination weite Räume, aber nie entsteht der Eindruck, die Figuren wirklich zu kennen. Immer bleibt ihnen ein Innenleben, das unsichtbar bleibt und nicht einmal angedeutet wird. Rey Rosa gibt seine Meinung zu den Personen nicht zu erkennen, sondern läßt sie sein, wer sie sind – und überläßt es den Lesenden, sich ein Bild zu machen. Keiner ist böse, keiner gut, und der voyeuristische Blick hat in seinen Texten nichts verloren.
In der Rolle des Voyeurs findet sich dagegen wieder, wer die Bücher Rodrigo Rey Rosas im Zusammenhang liest: Es ist, als häute sich da einer, als suche er sein Thema, seine Sprache, um darin Fuß zu fassen. Obwohl seine Texte in sich rund und vollständig wirken, denn es sind keine Fragmente, wächst eine Ahnung, der Autor werde mehr zu sagen haben.
Weder über die Biographie noch über die Persönlichkeit Rey Rosas ist viel an die Öffentlichkeit gedrungen, so daß kaum mehr bleibt, als sich mit seinen Texten zu beschäftigen. Das Bekannte ist schnell gesagt: Geboren 1958 als Sohn einer wohlhabenden Familie, wuchs er im Kontakt sowohl mit den kreolischen Traditionen seiner Eltern als auch der indigenen Welt der Hausangestellten auf. Als unter der Diktatur Lucas Garcías von 1978 an mehrere seiner Freunde ermordet wurden, nutzte er 1980 eine Einladung nach New York, um in die USA auszuwandern.
Rodrigo Rey Rosa erhielt seine wichtigsten literarischen Impulse von dem US-amerikanischen Autor Paul Bowles. Nachdem Rey Rosa an einer Literaturwerkstatt von Bowles in dessen Wohnsitz Tanger teilgenommen hatte, knüpften sie enge Kontakte und übersetzten gegenseitig ihre Bücher. Seit Mitte der achtziger Jahre wohnt Rey Rosa in Tanger, hat aber die Beziehungen zu seiner mittelamerikanischen Heimat aufrechterhalten.
Dies gilt vor allem für das literarische Werk: Guatemala ist Schauplatz bislang aller seiner Texte. Begonnen hat er mit Kurzprosa. Die Erzählungen aus “El cuchillo del mendigo” (1986, dt. 1990 unter dem Titel “Der Sohn des Hexenmeisters”, Wunderhorn Verlag) und “El agua quieta” (1990) sind knappe Beobachtungen, Szenen, oft durchdrungen von Legenden und mystischen Elementen. Die beiden darauf veröffentlichten Erzählungen, “Cárcel de árboles” und “El salvador de buques” (1991) sind bereits um einiges länger. Mit “Lo que soñó Sebastián” (1994), der spannenden Geschichte eines Mannes, der sich als Fremdling im guatemaltekischen Urwald niederläßt und unschuldig unter Mordverdacht steht, hat Rey Rosa einen beachtlichen, kurzen Roman vorgelegt.

Cárcel de árboles, Gefängnis aus Bäumen

In “Cárcel de árboles” geht es um das Experiment einer Ärztin, das sie an zum Tode Verurteilten vornimmt. Diese Menschen, die sie in einem Gefangenenlager mitten im Wald vor der Öffentlichkeit versteckt hält, wurden einer Operation unterzogen, bei der man ihnen die Zunge sowie Sprach- und Gedächtniszentren des Gehirns entfernt hat. Jeder ist nur in der Lage, eine Silbe zu sprechen, zum Beispiel “yu”. In einer Versuchsanordnung werden sie, die völlig ohne Willen sind, auf einem Platz zusammengebracht und durch Impulse dazu animiert, ihre Silbe zu sprechen. Die Abfolge der Silben ergibt einen Text: Das Experiment glückt.
Einer der Gefangenen kommt jedoch zufällig in den Besitz eines Schreibheftes und eines Stifts, und er beginnt zu schreiben. Schreibt zunächst automatisch, ohne zu wissen, was er schreibt, und ohne das Geschriebene wieder lesen zu können. Nach und nach vollzieht sich dabei ein Prozeß, auf den es dem Autor im Kern bei der Geschichte anzukommen scheint: Er gewinnt seine Erinnerung wieder. Er versteht plötzlich, was mit ihm und den anderen Gefangenen gemacht wird, er ertastet die Narben seiner Operationen, beginnt mit den neben ihm Angeketteten zu kommunizieren – und plant die Flucht aus dem Lager, die ihm auch gelingt. Als die Nachricht von der Existenz dieses Menschenlabors an die Öffentlichkeit dringt, wird es sofort aufgelöst.
Das Neue an “Cárcel de árboles” sind nicht die Themen und ist auch nicht deren formale Behandlung. Der Text im Text, nämlich die Aufzeichnungen von “Yu” innerhalb der übrigen Erzählung, darüberhinaus der Schreibakt als Selbstbefreiung, die sprach-, gedächtnis- und willenlos gemachten Menschen, die fürchterlich bedrohliche Stimmung im Lager – all das ist an anderer Stelle bereits gesagt.
Sicherlich ist es Aufgabe von Literatur, altbekannte Themen wieder aufzugreifen – die ganze Literaturgeschichte lebt davon, sie in einem anderen Licht, einer besonderen Situation neu sichtbar werden zu lassen. Es ist wichtig, ein derartiges Gefangenenlager nach Guatemala zu verlegen, auch wenn man die Geschichte nicht als Parabel auf konkrete guatemaltekische Verhältnisse auffassen muß – es läßt sich Individuelles wie Gesellschaftliches, Aktuelles wie Historisches gleichermaßen assoziieren.
Von Bedeutung sind aber noch zwei weitere Aspekte. Zum einen ist es originell, daß Rey Rosa die komplexe Problematik von Wissenschaft und Ethik aufgreift. Das Experiment der Ärztin läßt sich verstehen als plastische Darstellung sprachwissenschaftlicher Theorien, die sich mit dem Verhältnis von Denken und Sprache beschäftigen. Nicht zufällig steht der Erzählung ein Zitat von Wittgenstein voran, in dem er feststellt, daß wir kein körperliches Organ benennen können, das den Denkakt ausführt. Eine damit verbundene These lautet, Denken vollziehe sich durch den kollektiven Gebrauch von Zeichen, beispielsweise Worten oder Schrift.
Diese in der Linguistik viel diskutierte These wendet sich gegen die Auffassung, daß der Mensch erst denkt und sich dann zur Übermittlung seiner Gedanken der Zeichen bedient. Rey Rosa geht es dabei offenbar weniger um die Widerlegung oder Bestätigung von Thesen, sondern um die Feststellung, daß Forschung nicht an Menschen stattfinden darf, auch nicht an zum Tode Verurteilten, wenn sie sie ihrer Menschlichkeit beraubt. Damit schaltet sich der Autor in eine Diskussion ein, die momentan an ethischer Brisanz zunimmt.
Es ist darüberhinaus der spezifische Blick von Rey Rosa, der den Menschen ihre Würde und Integrität zugesteht: Er stellt seine Figuren dar, nicht bloß. Damit vermeidet er zugleich alle Wertung, die über persönliche Sympathie hinausgeht und beispielsweise durch soziale Zuordnung kodifiziert ist. Indígenas werden nicht generell idealisiert, Beamte sind nicht notwendig korrupt, Offiziere nicht alle brutal. Die Individuen können das zwar jeweils sein, aber sie müssen es nicht sein, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören. Das ist eine ganz andere Haltung zu den Figuren, als beispielweise die von Mario Vargas Llosa in seinem jüngsten Roman “Tod in den Anden”: Dort geht es um Typisierung. Alle Sendero-Terroristen sind ideologisch verbohrt und ohne jede Menschlichkeit, alle Straßenarbeiter einander in ihrer versoffenen Dumpfheit ähnlich.
Das bedeutet nicht, daß Rey Rosas Literatur unpolitisch wäre, ganz im Gegenteil. Es geht um die Politik beim einzelnen Menschen, um seinen besonderen Platz in der Welt, und es darf gefragt werden, ob das den “großen” politischen Vorgängen an Bedeutung nachsteht.
Daß Rodrigo Rey Rosa noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, ist verwunderlich. Die Ausnahme, der erwähnte Erzählungsband, ist nicht sein stärkstes Buch und möglicherweise keine günstige Visitenkarte. Aber die Bücher sind im spanisch- und (dank Bowles) im englischsprachigen Raum nicht mehr unbekannt. Warum nicht hierzulande auch? Sind es die Spielregeln des Marktes, die hier greifen, die nach leicht konsumierbarer und dementsprechend gut verkäuflicher Literatur verlangen? Rodrigo Rey Rosa bedient keine Klischees, er verzichtet auf billige Lockmittel. Dafür bietet er Stoff zum Kauen, gleichzeitig aber auch zum Kosten und Schmecken.

Von Rodrigo Rey Rosa sind erschienen:
El cuchillo del mendigo/El agua quieta, 1992,
Cárcel de árboles/El salvador de buques, 1992,
Lo que soñó Sebastián, 1994,
alle im Verlag Seix Barral, Barcelona.

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