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MEXIKO DURCH DIE LESEBRILLE

Spannend, packend, bisweilen humorvoll, ironisch aber auch tragikomisch. Ein gesellschafts- und konsumkritischer Teint darf hierbei natürlich nicht fehlen. Die Autor*innen sind nicht zwangsläufig Töchter und Söhne Mexikos. Die anklingenden Widersprüche sind zwischen den Zeilen genauso zu finden wie in der Unterschiedlichkeit der Visionen. Vielleicht liegt genau hierin der Charme, dem die vielen Mexikobegeisterten erliegen. Gewisse literarisch begabte Kinder des Landes dürfen trotz dessen nicht fehlen, so findet sich in der Sammlung beispielsweise ein Auszug aus Octavio Paz Labyrinth der Einsamkeit – wer Mexiko und seine Bewohner*innen verstehen will, wird daran nicht vorbei kommen.
Ohnehin ist es schwierig, Paz‘ Vision zu erfassen, sofern man das Land noch nicht besucht und mit seinen Einwohner*innen auf Tuchfühlung gegangen ist… Vielleicht können hier andere Visionen Abhilfe schaffen, wie die des deutschen Muttersprachlers B. Traven, dessen wahre Identität bis heute ein Rätsel für viele Literaturwissenschaftler*innen zu sein scheint. Wie kann man ihn einordnen, diesen Autor, der seine postalische Korrespondenz zu seinen deutschen Verleger*innen von seiner mexikanischen Wahlheimat aus nur über Postfächer organisiert hat? Ist er ein Vertreter deutscher Literatur oder mexikanischer? Er veröffentlichte schließlich einige Werke auf Deutsch, andere wiederum auf Spanisch.
Ebenso wie an Paz kommt man nicht an Elena Paniatowska vorbei, wenn man sich mit mexikanischer Literatur beschäftigt. Ihre tragischen Visionen von den Miseren großer Bevölkerungsgruppen, die unter Gewalt, Vernachlässigung, grassierendem Machismus und sonstiger Auswüchse der mexikanischen Moderne leiden, vermitteln trotz der Tragik eine wenn auch schwermütige Melancholie. Diese klingt schon bei früheren Literat*innen an – Juan Rulfo war ein Meister dieses Metiers. Das dumpfe Gefühl, die bedrückende Stimmung, der vermittelte Eindruck, nur noch gespenstische, verkommene Gerippe zu sehen, die sich der Hoffnungslosigkeit ergeben und dabei sind, sich in undefinierbare Bewohner*innen einer Welt zwischen Leben und Tod zu verwandeln, hat viele bereits an seinem Roman Pedro Páramo fasziniert.
Im krassen Gegensatz zu den menschlichen Miseren stehen die Beschreibungen der Landschaften, der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt des Landes à la Pablo Neruda und Egon Erwin Kisch.
Wild, gewaltig, bisweilen unzähmbar erscheint diese andere Welt, entsprechend der Darstellung auf der Nationalflagge, entnommen einer aztekischen Legende: Der Adler, der auf einem Kaktus sitzend eine große Schlange verschlingt. Diese Geschichten „fürs Handgepäck“ sind ein Muss für einen jeden Fan mexikanischer Literatur. Ihre Wirkung entspricht der, den das Land auf Pablo Neruda hatte: „Mexiko hüllt mich ein in seine Zauberei und sein überraschendes Licht.“

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