Aktuell | Costa Rica | Nummer 623 - Mai 2026

Migration, Ausgrenzung und Zwang

Wie Costa Rica zum Auffangbecken für abgeschobene Menschen wird

Die harte Einwanderungspolitik von Donald Trump hat schreckliche Folgen für Migrant*innen und US-Bürger*innen. Miss­hand­lung, Gewalt und sogar Tötungen sind gängige Praxis der Einwanderungs- und Zoll­behörde (ICE) unter der Trump-Regierung. Die Regierung von Rodrigo Chaves erinnert indes daran, dass auch Nichtstun Politik sein kann. Als Folge der Einrichtung des soge­nannten Escudo de las Américas (Wappen der Amerikas) bereitet sich das Land nun darauf vor, Menschen verschiedener Nationalitäten aufzunehmen, die aus den Vereinigten Staaten abgeschoben wurden. Der Fall eines Costa-Ricaners von empörendem Ausmaß hinterlässt dabei viele Fragen und ist exemplarisch für den Abschiebe­pakt, wie dieser Bericht zeigt.

Von Roberto Cruz Romero, San José

Dezember 2024, Texas: Randall Gamboa Esquivel wird wenige Tage nach dem Überqueren der mexikanischen Grenze bei einer ICE-Razzia festgenommen. Er wird in eine Einwanderungshaftanstalt im Süden von Texas gebracht und einige Wochen später in das Bezirksgefängnis von Webb County in derselben texanischen Region verlegt. Bis Juni 2025 und während seiner gesamten vorherigen Haftzeit steht Gamboa täglich mit seiner Familie in Kontakt, überzeugt davon, dass seine baldige Abschiebung bevorsteht. Randall Gamboa reiste illegal in die USA ein, um im Nordosten des Landes, in der Gegend von New Jersey, Arbeit zu suchen. Dort hatte er bereits von 2002 bis 2013 neun Jahre lang ohne Aufenthaltsgenehmigung gelebt. Sein Plan war derselbe wie damals: das Land durchqueren und ein Netzwerk von Costa-Ricaner*innen kontaktieren, um zu arbeiten und Geld an seine Familie zu überweisen.

Dies ist eine gängige Praxis, und für manche Familien in Costa Rica macht sie den größten Teil des Haushaltseinkommens aus. Trennung und Entwurzelung sind der Preis, den diejenigen zahlen, die den sogenannten amerikanischen Traum suchen. Doch der damals 52-jährige Gamboa wird ins Valley Baptist Hospital eingeliefert, wo man ihn wegen angeblicher psychiatrischer Störungen behandelt. Einen Monat später, im Juli 2025, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, und die Krankenakten weisen auf Unterernährung und toxische Enzephalopathie (Schädigung des Gehirns, die durch den Kontakt mit verschiedenen toxischen Substanzen ausgelöst werden kann, Anm.d.Red.) hin. Währenddessen hat Gamboas Familie den Kontakt zu ihm verloren und versucht, über das zuständige Konsulat Vermittlungsmaßnahmen einzuleiten. Jegliche Informa­tionen treffen jedoch verspätet oder unvollständig ein. In ein künstliches Koma versetzt, wird Gamboa im September 2025 ohne vorherige Ankündigung in einem Ambulanzflug nach Costa Rica verlegt. Erst dann wird seine Familie informiert. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Krankenhaus in San José bringt man ihn in sein Elternhaus im Süden des Landes. Dort stirbt Randall Gamboa Esquivel im Oktober 2025.

Empörung und Verzweiflung

Der körperliche und gesundheitliche Zustand, in dem Gamboa transportiert wurde, ist noch immer nicht geklärt. Einige seiner Beschwerden lassen sich auf körperliche Gewalt und schlechte Haftbedingungen zurückführen. Doch all dies ist reine Spekulation. Die Chaves-Regierung hat über Außenminister Anroldo André ein Schreiben an das US-Sicherheitsministerium gerichtet. Eine offizielle Antwort steht noch aus. Das Land vertraut darauf, „dass die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern sowie die Achtung des Völkerrechts und der diplomatischen Konventionen Bestand haben werden“. Die Familie hat privat rechtliche Schritte eingeleitet, denn die Maßnahmen der Chaves-Regierung haben die Aufmerksamkeit vom Verfahren abgelenkt und es damit faktisch ignoriert.

Im März dieses Jahres schloss sich Costa Rica der Gruppe der Länder an, die sich der interventionistischen Politik der Vereinigten Staaten unterwerfen. Rodrigo Chaves prahlt sogar mit seinen guten Beziehungen zu Donald Trump und betont, wie positiv sich diese für das Wirtschaftswachstum des Landes auswirken. Die makro- und mikroökonomischen Indikatoren des Landes spiegeln jedoch eine andere Realität wider. Jenseits der wirtschaftspolitischen Illusionen der Regierung lässt sich das wahre Gesicht von Chaves und seiner Nachfolgerin Laura Fernández am deutlichsten an der unterwürfigen Haltung erkennen, die er einnahm, als er lächelnd auf dem Foto zur Einweihung des Escudo de las Américas posierte.

Migrationsverfahren in der Kritik

Kristi Noem (ehemalige Leiterin des US-Ministeriums für Innere Sicherheit) war im März dieses Jahres als Sonderbeauftragte für die Region in Costa Rica zur Unterzeichnung eines Kooperationsmemorandums. Mit dem Sonderabkommen hat Costa Rica zugestimmt, Personen aufzunehmen, die in den USA wegen illegaler Einwanderung festgenommen wurden. Die Vereinbarung, die Costa Rica als „sicheres Drittland“ bezeichnet, sieht vor, dass das Land wöchentlich bis zu 25 von der Trump-Regierung abgeschobene Personen aufnehmen kann, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. In der ersten Aprilwoche traf der erste Flug mit Personen aus Guatemala, Kamerun, Honduras, Indien und China sowie aus Albanien, Kenia und Marokko ein.

Obwohl Costa Rica versichert, dass internationale Menschenrechtsabkommen bei allen Verwaltungsmaßnahmen stets als Maßstab herangezogen werden, bleibt unklar, unter welchen juristischen Bedingungen dieses System funktionieren soll. Laut dem Abkommen und den Bestimmungen der costa-ricanischen Migrationsbehörden in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben die Betroffenen die Möglichkeit, im Rahmen eines speziellen Asylverfahrens im Land zu bleiben oder in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Die Infrastruktur ist jedoch noch nicht vollständig auf diesen Prozess vorbereitet, der Übersetzungen, Kommunikation und rechtliche Vermittlung umfasst.

Zuvor hatte das deutsche Unternehmen Faber-Castell in einer ungewöhnlichen Aktion das Land öffentlich beschuldigt, eine alte, für humanitäre Zwecke gespendete Fabrik, als Haftanstalt für abgeschobene Personen zu nutzen. Die Regierung wies diese Beschuldigungen unbegründet zurück. Bis zum Redaktionsschluss sind in Costa Rica drei Flüge mit insgesamt 80 inhaftierten Personen eingetroffen, darunter mindestens acht Costa-Ricaner*innen. Laut offiziellen Mitteilungen wird die Mehrheit in ihre Herkunftsländer zurückgebracht, während die zweitgrößte Gruppe erklärt, nicht in ihre jeweiligen Länder zurückkehren zu wollen. Auch hier werden die Informationen weiterhin zurückgehalten, mit der Begründung, die Identität und die Rechte der Betroffenen zu schützen. Die Regierung verwendet dies jedoch als Vorwand, um die Haft- und Verfahrensbedingungen geheim zu halten.

Der Fall Randall Gamboa ist noch lange nicht geklärt, und fast ein Jahr nach Beginn der Ereignisse, die zu seinem Tod führten, scheinen weder die Regierung Costa Ricas noch die der USA daran interessiert zu sein, eine Lösung anzubieten. Zynischerweise unterwirft sich die costa-ricanische Regierung der Macht der USA, um Trumps von Gut und Böse geprägter Weltsicht in der Migrationspolitik zu gefallen, und öffnet damit Tür und Tor für Unregelmäßigkeiten in undurchsichtigen Einwanderungsverfahren. Darüber hinaus wurde das Abschiebeabkommen von Universitäten, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen heftig kritisiert. Würde und Menschenrechte treten in den Hintergrund, während Unterwürfigkeit zur Staatspolitik wird.


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