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Migration statt Mais

María Ana spricht mit leiser Stimme und blickt dabei vor sich auf den Tisch, der im Schatten ihrer Holzhütte steht. Die Frau Mitte vierzig gehört zu den ärmsten BewohnerInnen der Gemeinde El Ángel am unteren Flusslauf des Lempa im Südosten des Landes. Sie und ihre Familie besitzen kein Land und bauen nur für den Eigenbedarf auf einem gepachteten Feld Mais an. Außer dem bisschen, was ihr Mann hin und wieder als Tagelöhner in der Landwirtschaft verdiene, hätten sie und ihre drei Kinder keine Einnahmen. Denn schließlich schicke ihnen niemand US-Dollar aus dem Ausland. „Meine ganze Familie ist arm. Hier gibt es niemanden wie in anderen Familien, in denen manchmal die Kinder, die Onkel und Tanten, Nichten und Neffen in die USA gehen und einem Geld schicken.“
Tatsächlich haben immer mehr salvadorianische Familien Angehörige im Ausland, von denen sie regelmäßig Überweisungen, so genannte remesas, erhalten. Vorsichtigen Schätzungen zu Folge leben und arbeiten allein im Hauptzielland der Migration, den USA, eine Million SalvadorianerInnen.
Die Mehrheit der MigrantInnen sind junge Männer und Frauen, die meist auf „illegale“ und damit nicht nur teure sondern oft auch lebensgefährliche Weise versuchen, auf dem Landweg in die USA zu gelangen. Eine steigende Zahl weiblicher Haushaltsvorstände im ländlichen El Salvador zeigt jedoch, dass immer mehr Männer migrieren, die bereits Familie haben und diese zurücklassen. Daher sind die meisten remesa-EmpfängerInnen Frauen. Zusammen mit der Tatsache, dass sie stärker in außerlandwirtschaftlichen Tätigkeiten beschäftigt sind, haben Frauen im ländlichen El Salvador deshalb interessanterweise im Durchschnitt ein höheres Einkommen als Männer. Diese Zahlen sagen jedoch nichts darüber aus, wie hoch die zeitliche Belastung durch bezahlte und unbezahlte Arbeit ist.
Vilma del Carmen, die der Kooperative „16. Januar“ angehört, hat selbst nicht vor auszuwandern. Die dreißigjährige Bäuerin zeigt stolz die Paprika und Gurken, die sie im Garten hinter dem Haus anbaut: „Die meisten Leute gehen in die USA, weil sie denken, dass es dort besser sei. Aber ich denke, dass wir hier mit eigener Arbeit überleben können, wenn die Menschen sich weiterhin organisieren.“ Trotzdem berichtet sie, dass viele Menschen aus der Gegend migrierten, da sie angesichts der schwierigen Situation in der Landwirtschaft keinen anderen Ausweg sähen. Während die massiven Flüchtlingsströme aus El Salvador während des bewaffneten Konflikts vorrangig durch politische Gewalt ausgelöst wurden, gelten seit Anfang der 90er Jahre wirtschaftliche Gründe als wichtigstes Motiv, das Land zu verlassen.

Vom Agrar- zum Menschenexporteur
Angesichts verfallender Weltmarktpreise und unter den Auswirkungen eines radikalen Strukturanpassungsprogramms seit Ende der 80er Jahre hat sich El Salvador vom Agrarexportland zu einer Volkswirtschaft gewandelt, die auf der „Ausfuhr“ von Arbeitskraft beruht. Die Migrantenüberweisungen sind von weniger als 30 Millionen US-Dollar Mitte der 1970er Jahre auf über 2,5 Milliarden US-Dollar im letzten Jahr gewachsen – ohne die Zahlungen zu berücksichtigen, die außerhalb des offiziellen Bankensystems fließen. Die remesas haben damit längst Agrar- oder Manufakturexporte als wichtigste Devisenbringer abgelöst. Mit einem Anteil von 16 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ist El Salvador eines der Länder Lateinamerikas, in denen die remesas volkswirtschaftlich am bedeutsamsten sind.
Der Zufluss von US-Dollar durch die remesas ist so existenziell für die salvadorianische Wirtschaft, dass KritikerInnen beklagen, die Regierung fördere durch ihre Politik aktiv die weitere Abwanderung von SalvadorianerInnen. So meint der Abgeordnete der gemäßigten Partei Demokratischer Wechsel (Cambio Democrático, CD), Fernando González: “Es scheint, dass es seit Jahren eine absichtliche Politik gibt, das Land im Krisenzustand zu halten, damit die Gewalt nicht endet und die Landwirtschaft weiterhin stagniert. Die Leute sollen emigrieren und aus den Vereinigten Staaten remesas schicken.“

Transnationalismus als Überlebensstrategie
Tatsächlich gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Rückgang der Beschäftigung hauptsächlich im Agrarsektor und steigenden Migrationszahlen. Eine Studie über die Beschäftigungs- und Einkommensstruktur in der ländlichen Kommune Intipucá im Departement La Unión im Osten des Landes zeigt exemplarisch, dass Ende der 90er Jahre die landwirtschaftliche Produktion in der Gemeinde im Vergleich zur Situation Anfang des vorangegangenen Jahrzehnts um 70 Prozent gesunken war. Die Bevölkerung widme sich nun hauptsächlich dem Handel und dem Warten auf die Familienüberweisungen.
Inzwischen empfangen über ein Fünftel aller Haushalte remesas. In manchen ländlichen Gegenden leben sogar ein Drittel aller Familien von den US-Dollars, die ihnen Angehörige schicken. Insgesamt machen die remesas relativ gesehen einen immer größeren Anteil des gesamten Haushaltseinkommens aus; bei armen Haushalten über die Hälfte des Gesamteinkommens.
Nicht nur durch ihre direkten Zahlungen an Familienangehörige halten die MigrantInnen die salvadorianische Wirtschaft am Laufen. Darüber hinaus versuchen viele in El Salvador, mit der Migration ihr Geschäft zu machen. Ob Schlepper für Auswanderungswillige ohne Papiere, persönliche Kurierdienste für Geld und Geschenke, Transportunternehmen für Fahrten zum Flughafen, TourismusdienstleisterInnen für MigrantInnen auf „Heimaturlaub“ oder HerstellerInnen von „ethnischen“ Produkten für die salvadorianische community in den USA: „Transnationalismus“ als Überlebensstrategie ist in El Salvador überall präsent.

Belastung für die Zurückgebliebenen
Die internationale Migration eröffnet nicht nur Alternativen, die die kleinbäuerliche Landwirtschaft unattraktiv erscheinen lassen. Die Abwesenheit von Angehörigen macht die arbeitsintensive Subsistenzlandwirtschaft, die in großem Maße auf unbezahlter Familienarbeit beruht, noch unrentabler.
Teresa berichtet, dass sie es kaum schaffe, die gesamte Haus- und Feldarbeit alleine zu erledigen. Für bestimmte Tätigkeiten müsse sie TagelöhnerInnen anheuern. Eigentlich bin ich geschieden, lacht die Mutter von zwei Kindern, als sie davon spricht, dass ihr Mann schon seit sechs Monaten in den USA sei. Doch dann wird sie ernst und beklagt sich, dass durch die Migration Familien zerrissen würden, Kinder keinen Vater mehr hätten und nicht selten Beziehungen durch die Trennung kaputtgingen.
„Es ist hart, in so einer Situation zu sein“, meint sie den Tränen nahe. „Ich habe ihm gesagt, dass viel Zeit dort nichts bringt. Es passieren viele Dinge.“ Dafür hat Teresa ein Haus aus Stein, einen Kühlschrank und am Türpfosten hängt ein Mobiltelefon, auf dem ihr Mann manchmal aus den USA anruft.

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