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Milchglasfenster zur Welt

Schon 1947, zwei Jahre vor Gründung der DDR, erschien in der Sowjetischen Besatzungszone das erste Buch eines lateinamerikanischen Schriftstellers: Jacques Roumains Herr über den Tau. Mit seiner Handlung – eine von Dürre geplagte Dorfgemeinschaft in Haiti erkämpft sich ein Bewässerungssystem und setzt sich erfolgreich gegen Rassendiskriminierung und obrigkeitliche Bevormundung durch – passte dieser Roman gut in eine Umbruchsgesellschaft hinein, die soeben die Folgen der Bodenreform von 1945/46 zu verarbeiten hatte und einen stalinistischen Kampf gegen „Ausbeuter und Unterdrücker” führen sollte. Literatur galt den Machthabern damals als propagandistisches Instrument, als „Waffe im Klassenkampf”, wie es Friedrich Wolf formulierte. Und verlegt wurde, was in diesem Sinne zu gebrauchen war.
Das war aber nur die eine Seite. Die andere findet sich in einem Tagebucheintrag Viktor Klemperers, dessen Frau Eva Klemperer den Roman übersetzt hatte: „Enthusiasmus um Roumain. Aber man zieht dem Titel ‘Dürstende Erde’ – ‘Herr über den Tau’ vor. Hauptgrund hierfür: weil Dürstende Erde in Verbindung gebracht werden könnte mit der Bodenreform, was manche Leser abstoßen könnte.” Offensichtlich achteten die Verantwortlichen darauf, nicht allzu direkt zu agitieren, sondern dem Niveau der Leserschaft gerecht zu werden. Verlegt wurde also auch, was gefiel, anregte und bildete: Schließlich hatte man im Konkurrenzkampf der ideologischen Lager den Ruf zu verteidigen, dass das „humanistische Erbe” der Weltkultur dem Sozialismus gehörte.

Das Nachwort als
Unbedenklichkeitsnachweis

In diesem Spannungsfeld zwischen Indienstnahme und hohem Anspruch untersucht Jens Kirsten die Publikationsgeschichte lateinamerikanischer Literatur in der DDR. Nachdem in den fünfziger Jahren das Pendel am stärksten in Richtung Propaganda ausschlug und sich Interessanteres eher in der Lyrik fand (Pablo Neruda, Nicolás Guillén), brachten die sechziger Jahre den Durchbruch. Am Beispiel des Romans Der Herr Präsident von Miguel Ángel Asturias im Verlag Volk und Welt 1961 kommt Kirsten zu einem erstaunlichen Ergebnis. Obwohl in der DDR-Kulturpolitik gerade Eiszeit herrschte und die SED-Führung die Schriftsteller auf den „Bitterfelder Weg” in die Fabriken abkommandierte, konnte mit Der Herr Präsident ein Diktatoren-Roman erscheinen, über dessen Übertragbarkeit auf andere Diktaturen sich die Verlagsmitarbeiter durchaus im Klaren waren. Anhand von Verlagsgutachten weist Kirsten nach, dass ein sozialistisch-realistischer Scharfmacher, der den Roman in Bausch und Bogen aburteilte, ihn dennoch nicht verhindern konnte. Statt dessen wurde im Nachwort der historische Hintergrund ausgebreitet und im Klappentext – zur Sicherheit – darauf hingewiesen, dass Asturias den guatemaltekischen Diktator Cabrera zum Vorbild genommen habe.

Stasi ohne viel Einfluss

Ob ein Buch in der DDR erscheinen konnte, lag nicht allein an der Entscheidung der Zensurbehörde, und auch die Staatssicherheit scheint letztendlich nicht stark eingegriffen zu haben.
Von großer Bedeutung war statt dessen, wie geschickt ein Gutachter ablehnungsrelevante Passagen eines „schwierigen” Buches umdeutete und seine Vorzüge herausstrich. Bestimmte Dissidenten – zum Beispiel die Kubaner Reinaldo Arenas, Herberto Padilla oder Guillermo Cabrera Infante – wurden zwar nie publiziert. Aber Octavio Paz, Jorge Luis Borges, José Lezama Lima, Augusto Roa Bastos und Mario Vargas Llosa, alle nicht des sozialistischen Realismus verdächtig, konnten früher oder meist später erscheinen.
Andersherum wurden Bücher aus ästhetischen Gründen abgelehnt, obwohl sie ideologisch auf Linie lagen – geschehen bei Jorge Amado, von dem viel, aber schließlich nicht mehr alles übernommen wurde.
In dem differenzierten Bild, das Kirsten von den Publikationshintergründen zeichnet, liegt eine der großen Leistungen dieses Buches. Es ist aber nicht nur für DDR-Interessierte lesenswert: Flüssig und anregend geschrieben, kann jeder, der sich für lateinamerikanische Literatur erwärmt, beim Stöbern in alten Geschichten sein Vergnügen finden. Man begegnet herausragenden Autoren, die längst vergriffen sind und auf ihre Wiederentdeckung warten: Jacques Stéphen Alexis, Roger Mais. Und merkwürdige Begebenheiten sind zu erfahren, so das Missgeschick, die Übersetzungsrechte an Hundert Jahre Einsamkeit nicht gleich 1967/68 gekauft zu haben, obwohl García Márquez bis dahin nur in der DDR erschienen war. Kiepenheuer & Witsch war entschlossener, und die DDR musste die Lizenz später teuer erwerben. Oder wer hätte gewusst, dass im Verlag Volk und Welt nur fünf lateinamerikanische Bücher pro Jahr erscheinen durften, Nachauflagen inklusive, und dass die Platzhirsche wie Neruda und Amado daher neuen Autoren im Weg standen?
Trotz all dem real Wunderbaren, zu dem auch eine beeindruckend umfassende Bibliographie zu DDR-Büchern aus und über Lateinamerika gehört, hat Kirsten eigentlich nur ein halbes Buch geschrieben, nimmt man den Titel wörtlich: Eine Publikationsgeschichte ist es wohl, aber die Wirkungsgeschichte fällt fast völlig unter den Tisch. Der Weg Nerudas und Ernesto Cardenals in die Lesebücher, die Auftritte diverser Autoren auf Festivals und Veranstaltungen, die Straßen-, Schul- und Klubhausnamen – darüber hätte man nur allzu gern etwas gewusst. Wie lateinamerikanische Bücher schließlich ganz persönlich gelesen wurden, das ist wissenschaftlich sicherlich nicht systematisch aufzuarbeiten. Aber ein paar subjektive Eindrücke hätten sich gelohnt. Haben die DDR-Verlage das Bedürfnis nach Fenstern zur Welt befriedigt? Oder haben sie nicht vielmehr, indem sie mit ihren internationalen Titeln ein paar Milchglasfenster in die Mauer einbauten, eher den Drang verstärkt, die Scheiben rauszudrücken?

Jens Kirsten: Lateinamerikanische Literatur in der DDR. Publikations- und Wirkungsgeschichte. Ch. Links Verlag, Berlin 2004, 45 Euro.

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