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Milpa-Menschen

Mehr noch als „Maismenschen” sind wir Mesoamerikaner wohl „Milpa-Menschen” […]. Strenggenommen bauen wir nicht einfach Mais an, sondern bestellen die milpa, in all der in sich verwobenen Vielfalt, die dies mit sich bringt. Die milpa und all das, was mit ihr verbunden ist, die Gaben, der Schweiß und das Wissen, ist der Ursprung unserer vielfarbigen Kultur. Nicht nur der ländlichen, auch der urbanen Kultur; denn was ein Volk ausmacht, ist, was die Menschen pflanzen und ernten, was sie essen und trinken, die Lieder, die sie singen, die Tänze, die sie tanzen, die Trauer, die sie tragen, und die Feste, die sie feiern.
Der Mais steht nicht gern allein; ginge es nach ihm, so wäre er stets in großer, gemischter und lebhafter Gesellschaft vielerlei Gemüsesorten. Eine traditionelle milpa ist eine Polykultur, wo in geschwisterlicher Symbiose bis zu 50 Spezies zusammenstehen. Manche werden gepflanzt, andere gepflegt und wieder andere geduldet. Seine häufigste Gesellschaft sind Bohne, Kürbis und Chili, sie sind das Herz nahezu aller gemischten Pflanzungen. Der Mais stützt die Bohnenpflanze. Diese wiederum erweist ihm ihre Dankbarkeit, indem sie dem Boden den Stickstoff zurückgibt, die der Mais für seinen Stamm benötigt. Die Kürbispflanze verdrängt Unkräuter und wahrt mit ihren großen Blättern die Feuchtigkeit des Bodens, die Chili hält schädliche Insekten fern. Auf diese Weise tragen auch Tomatillopflanze, Erdnuss und der brokkoliähnliche Huauzontle ihren Teil bei, ebenso Knollengewächse wie Süßkartoffel, Yucca oder Kartoffel, und vielfältige Gewürz- und medizinische Pflanzen, mexikanische Petersilie und Rosmarin. Milpas, von Agaven und Feigenkaktuspflanzen umsäumt sowie von Aprikosenbäumen und Wildkirschen bewacht, die Schatten spenden und mit ihren Früchten die Arbeitspausen versüßen. Saatfelder, auf denen Tuza-Ratten und Waschbären gejagt, Pilze, Agavenwürmer und Grashüpfer gesammelt werden.
Das Maisfeld ist ein gemeinschaftlicher Ort: Es ist Stätte – erlaubter wie unerlaubter – romantischer Verabredungen sowie Platz für Feiern und Arbeitstreffen mit Nachbarn und Verwandten. Und die milpa erzählt Geschichten: kosmogonische Mythen und Legenden, allerlei Erzählungen und Lehrstücke.
Die Ergänzung zur milpa ist der Gemüsegarten. Je nach Geschmack und Region liefert er Zapotes, Guayaba, Avocados, Mameyes, Bananen oder Cashewfrüchte, hier wird Honig geerntet, Wachs gewonnen und Feuerholz gesammelt.
Schließlich darf das Gemüsebeet nicht fehlen, in dem Chili, Zwiebel, Tomaten und Chilacayotes gezogen werden, außerdem benachbarte Gemüsesorten wie Knoblauch, Salat, Kohl und Rettich. Nicht zu vergessen Kräuter, die Geschmack verleihen, Duftkräuter und medizinische Kräuter sowie schließlich Blumen. Dazwischen: Hühner, Truthähne, Schweine – eingezäunt oder frei herumlaufend, ein Pferch mit Ziegen und Lämmern und vielleicht ein Ochse, eine Kuh, ein Esel, ein Pferd.
Diese gemischte Nutzung ist überliefert, wir finden sie beispielsweise im 18-monatigen Kalender der alten Chiapaneken, in dem sich einige Namen auf die genannten Nahrungsmittel beziehen. So zum Beispiel Numaha ñumbi: wenn die Agave gepflanzt wird (24. Juni), Numaha mundju: wenn Chili gepflanzt wird (23. August), Numaha puri: die Cashewfrucht wird reif (31. März).
Die harmonische Vielfalt der milpa – typisch für die traditionelle Subsistenzstrategie Mesoamerikas, deren materielles und symbolisches Zentrum der Mais ist – erhält ein agrarisches und soziokulturelles Paradigma aufrecht. Es unterscheidet sich von dem, welches sich auf Grundlage anderer Anbauweisen entwickelt hat: Efraim Hernández Xolocotzi schildert, dass sich vor rund elf Millionen Jahren im Nahen Osten eine „Jahreszeiten-Landwirtschaft entwickelte, die (typisch für die humiden gemäßigten Zonen und die semihumiden Zonen der Erde) vor allem auf kleineren Getreidesorten basiert, die per Breitsaat gepflanzt werden”.
In Mesoamerika hingegen hat die Landwirtschaft ihren Ursprung in subhumiden und semiariden Zonen, wo verschiedene Arten in den Nischen mit der höchsten Feuchtigkeit angebaut wurden. Deshalb werden „in Mesoamerika die Pflanzen einzeln behandelt, hier richtet sich die Aufmerksamkeit mehr auf das einzelne Gewächs als auf das gesamte Feld, wie es bei kleineren Getreidesorten der Fall ist”. Problematisch ist dabei, dass mit dem Eurozentrismus die auf dem „alten Kontinent” verbreitete Anbauweise zum weltweiten Modell par excellence erklärt worden ist. So musste sich der „neue Kontinent” anpassen. „Heute herrscht jenes Verständnis von Landwirtschaft vor, das sich in den gemäßigten Zonen entwickelt hat”, schreibt César Carillo in einem Essay zu indigenem Wissen.
Der Anbau von Hartgetreiden wie Weizen und Hafer in Monokulturen erfordert relativ wenig Pflege. Die Aufzucht von Mais hingegen ist sehr viel arbeitsaufwändiger. Zum einen werden im wechselwirtschaftlichen Anbausystem der milpa die Samen mit viel Sorgfalt in zehn oder 15 Zentimeter tiefe Löcher gelegt, die erst mit der Hacke gegraben werden müssen. Zudem wird, da es sich ja um eine Polykultur handelt, nicht nur ein Samenkorn gepflanzt, sondern jeweils drei oder vier Maissamen und ein oder zwei Bohnen-, manchmal auch Kürbissamen. „Die traditionelle Anbauweise”, schreibt Carrillo, bringt einen höheren Ertrag pro bepflanzter Einheit, anders als beim gepflügten Feld, bei dem ein höherer Ertrag im Verhältnis von Arbeitskraft und Zeit erzielt wird, was eine ganz andere wirtschaftliche und soziale Logik mit sich bringt”.
Ein Weizenfeld ist ein Weizenfeld. Das Maisfeld hingegen ist in all seiner Bedeutung nicht einfach ein Maisfeld, sondern eine milpa. Dieser Unterschied markiert einen Kontrast in den Zivilisationen Europas und Mesoamerikas. Die Anbauweise der milpa „ähnelt eher dem Gartenbau und spielt eine wesentliche Rolle in der Entwicklung eines bestimmten Weltbildes in Mesoamerika”, so Carillo. Alle Gesellschaften sind im Grunde agrarische Gesellschaften und beruhen auf einem spezifischen, mehr oder weniger nachhaltigen Stoffwechsel, dem Austausch von Natur und Gesellschaft. Unser Umgang mit Mutter Natur bestimmt unsere zivilisatorische Gesinnung. Alfredo López Austin schreibt über Mesoamerika: „Um den agrarischen Kern der Kosmovision herum hat sich Anderes entwickelt […] doch die grundsätzlichen Prinzipien, die zugrundeliegende Logik der Komplexität hatte ihre Wurzeln immer in der landwirtschaftlichen Arbeit”.
„Jahrhundertelang und noch heute”, so schreibt Guillermo Bonfil, „verläuft die Geschichte des Mais in diesem Teil der Erde parallel zur Geschichte des Menschen”. Wir sind jedoch nicht allein aufgrund unserer Geschichte Menschen der milpa. Die Vielfalt ist das Leitprinzip der Anbauweise wie auch der Lebenweise in Mesoamerika. Deshalb ist der Mais das Symbol und Emblem, die milpa hingegen das Paradigma, sie ist das Modell für unsere Art, Landwirtschaft zu betreiben und für unsere Art zu leben. Uns Mesoamerikaner vereint die Vielfalt, unsere Identität liegt in der Pluralität.
Doch es gibt keine milpa ohne Huitlacoches. Huitlacoche ist ein Pilz, der die Maispflanzen befällt, aber auch als Delikatesse gegessen wird. Und so wurde in den vergangenen zehn Jahren die historische Grundlage unserer Identität zur Disposition gestellt. Asien wäre undenkbar ohne Reis, Europa undenkbar ohne Weizen, so wie Mesoamerika undenkbar ist ohne Mais – dabei müssen wir ihn heute importieren. Mit einer durchschnittlichen Produktion von 20 Millionen Tonnen weißem Mais ist Mexiko eigentlich noch immer Selbstversorger. Doch bei genauerem Hinsehen sind die Ernten, die gestiegen sind, eben die aus den nordwestlichen Anbaugebieten in Sinaloa, bewässerte Anbauflächen mit intensivem Einsatz von Düngemitteln und hohen Erträgen, die zudem Subventionen in Anspruch nehmen. So ist der Mais zum Agrargeschäft geworden, während die kleinbäuerliche milpa-Produktion zurückging. Außerdem gilt die Selbstversorgung nur für den weißen Mais, während wir jedes Jahr durchschnittlich sieben Millionen Tonnen gelben Mais aus den USA für industrielle Nutzung und als Futtermittel importieren. Während auf dem Weltmarkt Knappheit und Preissteigerungen herrschen, wird subventionierter weißer Mais exportiert, als Ersatz für gelben Mais ans Vieh verfüttert und das Ganze aus Spekulationsinteressen verschleiert. So müssen wir trotz Selbstversorgung und Überschussproduktion von Mais teuren, zum Teil gentechnisch veränderten gelben Mais im Ausland kaufen, um den Bedarf für unsere Tortillas zu decken. Wir importieren also jährlich Nahrungsmittel im Wert von mehr als Hunderttausend Millionen Peso, darunter ein Viertel der Gesamtmenge an Mais, die im Land konsumiert wird.
Wie konnte es soweit kommen? Die Antwort ist so einfach wie alarmierend: Seit den 1980er Jahren hat die Regierung freiwillig und im Namen der „komparativen Kostenvorteile” auf die Ernährungssouveränität des Landes verzichtet – ein Paradigma, demzufolge es besser ist, Mexikaner zu exportieren und Nahrungsmittel zu importieren, als die Bauern beim Anbau hierzulande zu unterstützen. Das Ergebnis sind Nahrungsmittelabhängigkeit und Migration.
Mais ist Identität, weil er Lebensgrundlage der Armen war und ist, Hauptnahrungsmittel der Mehrheit der Mexikaner. In Nuevo cocinero mexicano, einem zum ersten Mal 1831 veröffentlichten Kochbuch, wird der Mais als „indigene Pflanze … des amerikanischen Bodens definiert …, welche von den Armen angebaut und genutzt wird, die in seiner Frucht ein gesundes, geschmackvolles und erschwingliches Nahrungsmittel gefunden haben”. Nichtsdestotrotz wird dann festgestellt, dass „dieser Zweig in der Industrie in Geringschätzung der Armen stark vernachlässigt worden ist.” Wenn der Mais damals und heute eine so große Bedeutung besitzt, warum war und ist dann die industrielle Maisproduktion ein vernachlässigter Zweig?
Einer von vielen Gründen dafür liegt darin, dass Mais die Nahrung der Erben der ursprünglichen mesoamerikanischen Kulturen ist. Der Mais in seiner traditionellen Zubereitung ist das Essen der Indigenen, der Bauern, des Pöbel. Die Kreolen und ihre Nachkommen, die die indigene Bevölkerung verachteten, verachteten auch das Korn, das diese ernährte. Der Mais ist also aus rassistischen Beweggründen übergangen worden. Die rassistische Herabwürdigung des Mais und der einfachen Mexikaner zeigt sich in Zeiten der Agrarkrise, wenn die Ernten sinken, sehr deutlich. In diesen Phasen stehen sich meist zwei Positionen gegenüber: Jene, die – aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit und zur Wahrung der Kultur – hervorheben, dass die bäuerliche Maisproduktion wieder gestärkt werden müsse. Und jene, die das Problem auf eine Frage des Marktes reduzieren und deshalb auf die Einfuhr und in jedem Fall auf eine intensive und unternehmerisch gesteuerte Maisproduktion setzen. Die Reaktionen auf die Stagnation der Maisproduktion während der 1970er Jahre – eine Krise, die eine lange Zeit der Selbstversorgung beendete und mit wachsenden Importen ausgeglichen werden musste – veranschaulichen diese Konfrontation. Die Begrifflichkeiten sind in den vergangenen dreißig Jahren weitgehend gleich geblieben.
1982 schrieb das Museo Nacional de Culturas Populares: „Um den Teufelskreis der Abhängigkeit zu durchbrechen, müssen wir eine Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln erreichen. Dafür ist eine Möglichkeit, auf nationaler Ebene eine Situation wie in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu schaffen, nämlich die Produktion von Grundnahrungsmitteln den transnationalen Firmen und ihren internen Verbündeten zu überlassen. Dies impliziert, dass der Staat ihnen große Subventionen gewähren muss, um hohe Gewinnraten zu sichern. […] Die andere Möglichkeit ist, den Kampf um Land und um die Autonomie der landwirtschaftlichen Produktion zu unterstützen, die Forderungen der Kleinbauern nach besseren Preisen für ihre Produkte und die Forderung, einen Großteil der Ernte behalten zu können, um ihre Subsistenz und Entwicklung zu sichern.”
Es ist kein Zufall, dass die Formel „Sin maíz no hay país“ („Ohne Mais gibt es kein Land”) zum Motto der jüngeren Initiativen von Produzenten und Verbraucher geworden ist. Die Verteidigung der milpa und der bäuerlichen Produktion von Mais, Bohnen und anderen Grundnahrungsmitteln ist ein Kampf gegen Hunger und Exodus, ein Kampf um die Souveränität über Ernährung und Arbeit.
Es geht bei diesem Kampf zudem um die Bewahrung kultureller Pluralität und biologischer Diversität. Das Wertvollste am Mais ist seine Vielfalt: die fast 300 Varianten einer domestizierten Pflanze, die sich in unterschiedlichen agro-ökologischen Verhätnissen entwickelt hat. Doch heute werden kaum noch 30 Sorten angebaut. Die Vielfalt geht auch mit dem Vormarsch der technologischen Spezialisierung verloren.
Kleinbauern sind heute in den Asymmetrien des Marktes gefangen – besonders in der Perversität eines technologischen Modells, das sie zwingt, immer höhere Dosen chemischer Düngemittel einzusetzen, die scheinbar Fruchtbarkeit bringen, die Böden aber auslaugen. Es ist ein Modell, das den Einsatz von Herbiziden fordert, die verschiedene Lebensformen zerstören und die Böden und das Grundwasser vergiften und die Bauern und Verbraucher krank machen. Auf einer milpa, auf der das Düngemittel Gramoxone gesprüht wird, können keine Bohnen und Kürbispflanzen wachsen, es entsteht eine kahle milpa, anfällig für Plagen. Dieses Feld wird jeden Tag teurer, weil seine Ernte die Ausgaben nicht mehr einbringt.
Das Paradigma der kleinbäuerlichen Produktion wird schon seit einem halben Jahrhundert durch eine „Grüne Revolution” bedroht. Und es wird den Todesstoß erhalten, wenn wir nicht rechtzeitig die Bedrohung durch gentechnisch verändertes Saatgut abwenden, eine Technologie, die wieder die Abhängigkeit von der Produktion der transnationalen Unternehmen fördert, dabei jedoch die biologische Diversität aus dem Innern heraus, nämlich durch das eigene Germoplasma bedroht.
Mitunter gibt es Abhilfe gegen die Abhängigkeit von Düngemitteln, doch um sie zu überwinden, braucht es Willensstärke und Arbeitskraft. Manche Kleinbauern haben die Willenskraft, nicht aber die Arbeitskraft, denn die Migration hat dazu geführt, dass es seit Jahren in vielen Dörfern kaum noch verfügbare Arbeitskräfte gibt. So wurde es zur kleinbäuerlichen Strategie, auch kleine Parzellen für den Eigenverbrauch unter Einsatz von Düngemitteln mit der geringstmöglichen Arbeitskraft zu bewirtschaften – ein Weg, der nicht nachhaltig, aber zumindest eine Zeit lang den Bedingungen der Migration angepasst ist: Diese verteuert zwar die Arbeitskraft, bringt aber Geldüberweisungen, die solche Investitionen ermöglichen.
Den Mais zu retten, bedeutet aber, die milpa wieder als Modell einer nachhaltigen Landwirtschaft zu etablieren, die auf einer vielfältigen Anbauweise basiert und kulturelle Pluralität erhält. Dieser Aufgabe haben sich soziale und zivilgesellschaftliche Organisationen verschrieben, als sie 2007 eine Kampagne zur Rettung der ländlichen Regionen begannen, die mit dem Slogan „Ohne Mais kein Land” überschrieben war. Mit der Kampagne war der Mais in aller Munde, sie wurde zu einer weiteren Form, die milpa zu bestellen: eine Begegnung von Menschen, denen es gelang, ihre Unterschiedlichkeit in eine Tugend umzuwandeln. Menschen aus dem Norden, dem Süden, von der Küste, den Wäldern und der Hochebene; Maisbauern, Kaffebauern, Viehzüchter, Fischer, Interessenverbände und zivilgesellschaftliche Gruppierungen; Produzenten und Konsumenten: In dieser Kampagne war alles vertreten, wie in einem Tante-Emma-Laden. Oder eben: wie auf der milpa.

Der Artikel ist ein Nachdruck aus: Karin Gabbert, Michael Krämer, et.al. (Hg.): ÜberLebensmittel. Jahrbuch Lateinamerika, Analysen und Berichte, Nr. 33, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2009. Er wurde leicht gekürzt und bearbeitet.

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