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Mit Beharrlichkeit und Überzeugung

Herr Pinto Salazar, wer nimmt in Bolivien den Klimawandel überhaupt wahr?
Gegenwärtig sind wir es, die Bauern, die den Klimawandel verstärkt wahrnehmen. Früher war die Regenzeit sehr viel länger. Alles war viel grüner. Aber seit ungefähr 15 Jahren bemerken wir, dass immer weniger Regen fällt. Es ist auch heißer geworden. Früher reichte ein starker Regen zusammen circa zwei bis drei Wochen. Heute reicht die Feuchtigkeit nur noch höchstens für eine Woche oder sogar nur drei Tage. Dann sind die Felder wieder trocken.
Mittlerweile schneit es in tieferen Lagen oder es gibt Unwetter, die zu Erdrutschen führen. Manchmal sind wir im Jahr neun bis zehn Monate ohne Regen. Mein Großvater erzählte mir noch, dass es früher alle 20 Jahre Kälteperioden gab, später kamen die dann alle drei bis vier Jahre. Heute und jetzt haben wir jedes Jahr eine Kälteperiode. Das ist ein extremer Wandel, den wir wahrnehmen.
Was sind aus bolivianischer Perspektive die Ursachen für den Klimawandel?
Die Brandrodungen im großen Stil und die Abholzungen im Amazonas stellen ein sehr großes Problem dar. Je weniger Bäume es gibt, umso extremer wird das Klima. Als kleiner Junge habe ich noch gesagt: „Lasst uns den Wald roden, der ist ja so hässlich. Es ist besser, wenn er gerodet und Pampa ist“. Leider scheint es, dass viele Leute auch heute noch so denken. Aber wenn man das Klima versteht, kennt man den Wert des Waldes und jedes einzelnen Baumes.

Was bedeutet das konkret für das Leben der Bauern und Bäuerinnen?
Heute läuft man immer Gefahr, die gesamte Saat zu verlieren, da der Regen so unsicher geworden ist. Wenn der Regen ausbleibt, wenn der Mais blüht, dann verliert der Bauer alles und ist verschuldet. Aussäen, um zu verlieren? Das macht doch keiner. Deshalb wird nicht mehr so viel ausgesät wie früher.

Wie sieht es in den anderen Bereichen der Gesellschaft aus, wie wird dort der Klimawandel wahrgenommen?
Die indigene Bevölkerung, die in abgelegenen Gegenden lebt, wo es wenig Wasser gibt, die bekommt den Klimawandel natürlich mit. Auch die Viehzüchter nehmen ihn wahr. Wenn das Gras trocken ist und es nicht genug Futter für das Vieh gibt, dann roden sie den Wald, um Gras für die Rinder anzubauen. Aber in der Stadt, da lebt man ja bequem, da merkt man den Klimawandel nicht und lebt unbeeindruckt davon. Und auch die Minenarbeiter, zum Beispiel, ich glaube, die haben kein Bewusstsein für den Klimawandel.
Gibt es in der Bevölkerung denn eine Bewegung zum Schutz des Klimas?
Bis heute versteht man den Klimawandel in Bolivien vielerorts als eine Strafe Gottes. Die Kirchen – die katholische ebenso wie die evangelischen – haben diese Mentalität geprägt: „Wir gehen durch diese Zeit der Trockenheit, Hungersnöte und Krieg. Das ist eine Strafe Gottes!“ Wir als Bauernorganisation sagen hingegen: „Nein, das menschliche Handeln ist die Ursache für den Klimawandel.“
Die Kleinbauern selbst betreiben ja in geringem Maße Brandrodung – und leisten so ihren Beitrag zur Umweltverschmutzung. Auch sie haben kein Bewusstsein für die klimatischen Auswirkungen ihres Handelns. Und wenn es dann nicht mehr regnet, dann geben sie ihre Felder auf und gehen in die Stadt.
Flüsse, Grundwasser und Quellen, die Wälder – nichts davon wird so geschützt, wie es die Gesetzte eigentlich vorschreiben. Es fehlt ein Umweltbewusstsein sowie ein soziales Bewusstsein von der Notwendigkeit dieses Schutzes. Diese Bewusstseinsbildung liegt noch vor uns. Die Arbeit daran ist grundlegend und so wichtig!
Wie kann eine solche Arbeit der Sensibilisierung genau aussehen?
Ich denke, dass Überzeugungsarbeit abhängig ist von der eigenen Haltung. Als wir zum Beispiel 2003 La Paz belagerten, um den Präsidenten zu stürzen, da wurden wir am Anfang von der Bevölkerung beschimpft als Indios, Cambas oder Collas. Nach einer Woche verstummten diese Beschimpfungen. In der nächsten Woche gab es dann schon ein paar Spenden aus der Bevölkerung. Sie brachten uns etwas zu Essen. Am Anfang des Aufstandes blieben wir dort, obwohl wir Hunger litten, weil wir uns unserer Sache ganz sicher waren. Am Ende hatten wir dann Säcke voll Nudeln in unseren Büros – und die öffentliche Meinung auf unserer Seite. So erobert man das Bewusstsein der Bevölkerung, mit Beharrlichkeit und eigener Überzeugung.
Vielleicht ist es so auch bei der Sensibilisierung in Bezug auf den Umweltschutz. In unserem Büro stellen wir mittags oft für zwei Stunden den Strom ab, um Energie zu sparen. Das nervt einige, aber das muss man wohl in Kauf nehmen.

Welche Rolle spielen Regierung, NRO und Wirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel?
Die Regierung macht sehr wenig für die Bewusstseinsbildung innerhalb der Bevölkerung. Sie glauben, ein Workshop oder Vortrag pro Jahr reicht aus, damit man informiert ist. Und die NRO im Umweltbereich, die evaluieren und beraten und beraten und evaluieren, aber sie machen nichts wirklich Konkretes.
Der Zivilgesellschaft ist der Klimawandel im Grunde egal. Besonders in der Stadt lebt man auf Kosten der Natur. Man kauft das billigste Produkt und wenn es teurer wird, dann sollte es am besten importiert werden, damit es wieder billiger wird. Am 12. Oktober dieses Jahres habe ich mich einer Demonstration angeschlossen, die aus Ecuador kam. Wir gingen von El Alto nach La Paz zur Plaza Murillo. Auf dem Transparent, hinter dem wir gingen, stand: „Ein geeintes Bolivien gegen den Klimawandel.“ Am Anfang waren wir ungefähr 500 Leute. Als wir auf der Plaza Murillo ankamen waren wir 3.000. Die Bauernführung hatte sich der Demonstration angeschlossen. Menschen aus der Bevölkerung, die nicht organisiert sind, haben sich jedoch nur sehr wenige angeschlossen.
Und die Privatwirtschaft?
Die nimmt nicht Teil am Umweltschutz. Die Privatwirtschaft in Bolivien plündert das Land und ist nicht interessiert am Schutz des Ökosystems. Sie will Gewinn abschöpfen und Punkt. Sie roden mit Planierraupen: 14 Planierraupen machen in zwei Tagen 60 Hektar platt. Es wird zusammengeschoben, getrocknet und verbrannt. Es bleiben keine Schutzmauern gegen den Wind stehen, kein Baum wird stehen gelassen, nichts. Die großen Produzenten haben kein ökologisches Bewusstsein.
Wir Kleinbauern sind zwar viele, aber unsere Eingriffe in das Ökosystem sind bei weitem nicht so gravierend, wie die von den Großproduzenten. Dennoch sehe ich eher bei den Kleinbauern die Möglichkeit, sie zum Schutz des Ökosystems zu bewegen.

Welche Vorschläge und Forderungen haben sie für den bevorstehenden Gipfel von Cancún?
Im April dieses Jahres haben wir den Alternativen Klimagipfel von Cochabamba veranstaltet (siehe LN 431). Die Abschlusserklärung von Cochabamba stellt für uns eine echte Alternative dar. Wir werden in Cancún vorschlagen, diese Abschluss­erklärung als juristisch bindendes Recht von der UN verabschieden zu lassen. Sie beinhaltet ein Gesetz zum Schutz der Mutter Erde, Mutter Natur, Pachamama, oder wie auch immer du sie nennen willst.
Die ökologische Schuld der Länder, die am meisten verschmutzen, muss eine andere Politik zur Folge haben. Deshalb fordern wir die Einrichtung eines Klimagerichtshofs, der in einzelnen Ländern als auch weltweit wirken kann. Wir müssen dafür sorgen, dass der Umweltschutz umgesetzt wird und nicht nur aus leeren Phrasen besteht, denn unsere Erde muss endlich wertgeschätzt werden. Wir sind ja ein Teil von ihr. Wir fordern Respekt für Mutter Erde.

Zurück in die Steinzeit?
Quatsch! Wir sind keine Entwicklungsverweigerer. Wir sind an Entwicklung interessiert und brauchen diese. Wir brauchen auch die Hilfe von internationalen Organisationen. Nur darf sie nicht auf Kosten der Erde geschehen. Ein Gedanke an unsere Enkel führt uns doch das Problem vor Augen.

Wie sehen Sie den Gipfel vom vergangenen Jahr in Kopenhagen?
Kopenhagen war ein Fehlschlag, da dort die wirtschaftlichen Großmächte den Prozess der Verständigung nicht bis zu Ende gehen wollten. Aber auch wenn es einen Fehlschlag gibt, muss man weiter nach Alternativen suchen. Damit meine ich Aufklärung und Sensibilisierung für den Umweltschutz auf der Ebene der Politik. Wir müssen auf die verschiedenen Länder zugehen und Verbündete suchen. Es sind ja nicht alle böse Buben, sondern es ist hier mal ein Ministerium und da mal eine Regierung, die den Umweltschutz ablehnen. Wir müssen eben anfangen, Verbindungen aufzubauen, um Alternativen zu suchen. Zum Beispiel bei der Ölförderung müssen Alternativen gefunden werden, ebenso in der Minenwirtschaft. Das merken wir in Bolivien ganz besonders, da die Minen in unserem Land maßgeblich zur Umweltverschmutzung beitragen.

Sind aber nicht gerade die großen Gipfel sinnlos und eher Zeit-, Geld- und Ressourcenverschwendung?
Nein, ich glaube, jede Möglichkeit, aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig für die Probleme zu sensibilisieren, ist gut und notwendig. Aber auch Cancún kann scheitern. Das wäre schlimm. Doch selbst dann bliebe uns nichts anderes übrig, als weiter nach Alternativen zu suchen. Aus dem Grund werden ja zahlreiche Parallelgipfel zu Cancún veranstaltet. Was uns wirklich beunruhigt, ist, dass man sich nicht mal mehr an das Kyoto-Protokoll halten will. Dort sind ja internationale Regeln festgelegt worden. Die muss man verteidigen, und wir dürfen nicht dahinter zurückfallen.

Zurück zu Bolivien, was kann man in der gegenwärtigen Situation konkret machen?
Zum Beispiel fordern wir eine Politik, die den Schutz des Waldes finanziert: Geld für das Nicht-Roden des Waldes. Natürlich gibt es Gesetze, um den Wald zu schützen, aber die großen Holzfirmen halten sich nicht an diese Gesetze. Je mehr sie rausholen können, umso besser. Als ich bei der Regierung illegalen Holzeinschlag angezeigt habe, hat man mich dort einfach ausgelacht. Aber ich werde weiter für die Umwelt kämpfen. Und ich möchte, dass in jeder Ecke auf der Erde gekämpft wird.

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