Bolivien | Nummer 619 - Januar 2026

Mit der Regenzeit
 kommen die Toten

Am 8. November beten Menschen nach Andiner Tradition zu ñatitas

Die sogenannten ñatitas zu ehren, gehört in den Anden zu den populären, rituellen Praktiken der Indigenen Bevölkerung. An vielen Orten Boliviens und teils in Peru findet sich bis heute dieser Brauch, dessen Wurzeln bis in die präkolumbianische Epoche zurückreichen. In ihrer Kulturreportage aus La Paz berichten die LN über ein rituelles Fest, in dessen Zentrum die ñatitas stehen sowie über deren Bedeutung in der andinen Mythologie.

Von Susanna Rump, La Paz
Ob Liebe, Gerechtigkeit oder Geld Jeder Totenschädel soll in einem anderen Lebensbereich weiterhelfen können (Foto: Susanna Rump)

Verschiedene Menschen versammeln sich an diesem verregneten 8. November auf dem Zentralfriedhof von La Paz, um die ñatitas zu ehren – menschliche Schädel, die den Friedhof an diesem Tag schmücken. Sorgfältig dekoriert mit Blumenkränzen, Zigaretten in den Mündern und Kokablättern zu ihren Seiten, bilden sie ein eindrucksvolles Bild – Ausdruck einer langen, lebendigen Tradition. Das alles passiert auf dem Zentralfriedhof in La Paz – ein Ort, den jeder betreten kann, um sich an die ñatitas zu wenden. Kurz vor dem Betreten des Friedhofs kaufen einige Besucherinnen noch schnell Blumenkränze oder Kokablätter am Eingang. Andere zünden bereits Zigaretten an, nehmen einen Zug und stecken sie den Skeletten in den Mund, wo sie langsam verglimmen. Mit ihren Opfergaben danken die Besucher*innen den Totenschädeln für den geleisteten Schutz oder bitten um die Erfüllung ihrer Wünsche. Neben den Schädeln liegen Geldmünzen, Essen und dunkle Getränke wie Rum, Whiskey oder Cola. Einige Personen tragen schwarze Kleidung, wie Trauernde. Wie fast jedes Jahr ist Sergio (Name geändert), ein junger Mann, an diesem Tag mit seiner ganzen Familie zum Friedhof gekommen, um die drei ñatitas der Familie der Gemeinschaft zum Beten zur Verfügung zu stellen. Die drei ñatitas bekommen viel Aufmerksamkeit, besonders María José, auf der sich ein besonders hoher Turm von Blumenkränzen stapelt. An welche ñatitas sich die Besucherinnen wenden, hängt davon ab, in welchem Lebensbereich sie sich eine Veränderung erhoffen. „Agustín ist für die Gerechtigkeit. María José ist für die Liebe und Juanito für das Geld“, erklärt Sergio und zeigt auf die drei Schädel, die neben ihm auf dem Tisch liegen. Scheint, als ob sich an diesem Tag besonders viele Besucherinnen mehr Glück in der Liebe wünschen.


Der Gebrauch von Schädeln in rituellen Praktiken ist eine Tradition, die an mehr als neunzehn Orten in Bolivien – und sogar in zwei Regionen Perus – vorkommt. Das liege unter anderem an den vergleichsweise jungen Landesgrenzen, erklärt der Anthropologe Milton Eyzaguirre, der seit über zwei Jahrzehnten zu ñatitas forscht. Der rituelle Umgang mit Schädeln reicht bis in die präkolumbianische Zeit zurück. Ob die Tradition jedoch ihren Ursprung in der Kultur der Aymara, Quechua oder Puquina findet, lasse sich nicht eindeutig bestimmen; daher bezeichnet Eyzaguirre sie lieber als eine „andine Tradition“.


Es heißt, ñatitas offenbaren sich in den Träumen und geben darin ihre Identität preis – ob sie männlich oder weiblich sind und wie sie heißen. Mitunter erscheinen ñatitas sogar in Träumen bevor sie überhaupt ihren Weg in eine Familie finden. So schildert es Alejandra (Name geändert), Schwester von Sergio und Mitbesitzerin der drei ñatitas Agustín, María José und Juanito: „Sie schickten meiner Mutter Träume, sie tauchten auf, bevor sie sie fand. Und sie sind wundertätig: Sie erscheinen in deinen Träumen, wenn du Kummer hast oder dich etwas beunruhigt. Ich habe von Juanito geträumt, bevor er nach Hause kam, ich kannte ihn zuerst im Traum.“ Wenn man träumt, verraten sie außerdem, wie sie gestorben sind. Wie die Person, die einst hinter der ñatita steckte zu Tode gekommen ist, spielt eine wichtige Rolle. Man glaubt, dass die Seelen der Menschen, die auf gewaltsame Weise gestorben sind, stärker an ihrem physischen Körper haften bleiben und dadurch der ñatita eine besondere Kraft verleihen.


Schädel kommen teilweise 
aus der eigenen Familie


Das Fest hat in den vergangenen Jahren deutlich an Popularität gewonnen. „Vor genau dreißig Jahren befanden sich die ñatitas noch in einer einzigen, sehr kleinen Straße des Zentralfriedhofs – vielleicht dreißig Meter lang und fünf Meter breit. Dort versammelten sich alle, die eine ñatita hatten. Heute ist das ganz anders: Jetzt gibt es überall ñatitas“, berichtet Eyzaguirre. Einen Grund dafür sieht er unter anderem in der gestiegenen Aufmerksamkeit in den sozialen Medien.
Die Schädel werden vererbt oder verschenkt, manchmal handelt es sich um einen Verstorbenen aus der eigenen Familie und manchmal stößt jemand beim Hausbau auf einen Schädel oder findet ihn beim Fußballspielen auf alten Friedhöfen. In anderen Fällen werden ñatitas auf illegale Weise beschafft; früher war es nicht unüblich, auf dem Friedhof jemanden zu bezahlen, um einen Schädel zu erhalten – besonders unter Medizin- und Zahnmedizinstudierenden, erklärt Eyzaguirre. Dies wird aber nicht mehr praktiziert.


Während die Besucherinnen auf dem Friedhof an diesem Tag vermutlich nur zu guten ñatitas sprechen, gibt es auch schlechte. Ob eine ñatita als gut oder schlecht betrachtet wird, richtet sich danach, ob die verstorbene Person zu Lebzeiten vor allem Gutes oder Böses getan hat, also zum Beispiel kriminell war oder nicht. Doch auch schlechte ñatitas sind äußerst begehrt: War jemand zu Lebzeiten Dieb oder Verbrecherin, so heißt es, könne diese kriminelle Energie fortwirken. Eyzaguirre berichtet etwa, manche Kriminelle beteten zu ihrer ñatita, damit sie die Bewohner*innen eines Hauses vor einem geplanten Einbruch tief schlafen lassen, – etwas, das, wie er betont, sogar der Polizei bekannt sei. „Wenn sie (die Polizisten, Anm. d. Autorin) also in das Haus eines Diebes kommen, in dem es eine ñatita gibt, tun sie das als Erstes: Sie öffnen den Hosenschlitz und urinieren auf die ñatitas. Man sagt, dass die Toten kein Salz mögen, weil es austrocknet. Und im Urin ist Salz. Damit neutralisieren sie also die Kraft böser ñatitas.“

Für Sergio und Alejandra ist die Funktion von Agustín, María José und Juanito eindeutig: individuelle Wunscherfüllung und Schutzleistung. Doch für Eyzaguirre hat die Tradition noch eine andere Bedeutung: Sie steht in Verbindung mit dem Beginn des Jallupacha, der Regenzeit. Was in der Kolonialzeit geschah, sei besonders interessant, erläutert Eyzaguirre. Lokale rituelle und katholische Praktiken vermischten sich: Die Kirche passte sich den andinen Praktiken an, während die Bevölkerung andine Traditionen in den aufdoktrinierten katholischen Glauben einbrachte. Deshalb gibt es eine enge Beziehung zwischen all den Festen, die in dieser Zeit stattfinden, auch wenn die katholische Kirche lange versuchte, sie strikt voneinander zu trennen. „In Wirklichkeit aber“, so Eyzaguirre, „ist alles, zum Beispiel Allerseelen, San Andrés, der 24. Dezember und Karneval, Teil eines großen Zeitraums, der mit dem Regen verbunden ist“, wie auch das Fest der ñatitas. „Mit dem Jallupacha kommen die Toten, und sie kommen hierher, um zu arbeiten“, erklärt Eyzaguirre. „Sie gehen nicht weg, sondern bleiben bis zum Karneval, etwa vier oder fünf Monate. Wenn sie gehen, bleibt eine ihrer Seelen bei der ñatita und beschützt ihren Besitzer das ganze Jahr über.“ In der andinen Weltanschauung habe eine Person nicht nur eine Seele, sondern mehrere: Die meisten kehren in die Welt der Toten zurück, die Yamarca, doch eine bleibt auf der Erde.

Deshalb werden die ñatitas auch nicht nur am 8. November verehrt. „An jedem Montag werden sogenannte Novenen abgehalten – ähnlich wie bei katholischen Heiligen. Wenn das Fest eines Heiligen bevorsteht, wird er über einen gewissen Zeitraum vorbereitet – etwa jeden Freitag eine Novene oder einmal im Monat. In diesem Fall geschieht das montags, manchmal bis zu neun Montage lang. Und wie bereitet man sich vor? Mit Gebeten. Die Menschen besuchen den Ort, an dem sich die ñatitas befinden, und bringen ihnen Gaben dar: Kokablätter, Blumen und dergleichen.“
Am Ende des Tages, wenn die Regenwolken über La Paz hinüberziehen und die Sonnenstrahlen wieder durchscheinen, wickeln Sergio und Alejandra die ñatitas sorgfältig in Tücher ein und bringen sie zurück an ihren Platz, wo sie bis zum nächsten Jahr verweilen, bevor sie am 8. November erneut ihren Weg zum Zentralfriedhof von La Paz finden.


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