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Mit ganzem Körpereinsatz

Sie schnitt sich mit einem Messer das Wort perra (Hure, eigentlich Hündin) in den Oberschenkel, ließ sich in Plastikfolie eingewickelt auf einer guatemaltekischen Müllkippe abwerfen und in Berlin alle Goldplomben aus den Zähnen entfernen. Mit ihrem Körper geht die Künstlerin Regina José Galindo nicht gerade zimperlich um. Er ist das zentrale Medium ihrer Arbeit. Und die kreist bei weitem nicht nur um weibliche Körperlichkeit. Hier gibt es durchaus Anknüpfungen an die Frühgeschichte feministischer Performance-Kunst der westeuropäisch-nordamerikanischen 1960er und 70er Jahre. So etwa, wenn die Alltagsgewalt, der viele Frauen in Guatemala ausgesetzt sind, in kaum erträgliche Aktionen mit dem eigenen Körper umgesetzt und auch für das Publikum zur Zumutung werden.
Wie eine spiegelverkehrte Antwort auf Yoko Onos berühmtes „Cut piece“ (1965), in der sich die Künstlerin vom Publikum die Kleider vom Leid schneiden ließ, liest sich etwa die Performance „Breaking the Ice“ (2008), in der die José Galindo nackt im unterkühlten Oslo Kunstforening sitzt und es den Betrachter_innen überlässt, sie zu bekleiden. Hier ist auch klar: Weder Methoden noch Motive von José Galindos Kunst sind auf ihren spezifischen Entstehungskontext Guatemala beschränkt. Die Gewalt gegen Frauen nur dort zu sehen, weist José Galindo als kolonialistische Blickrichtung aus – wie etwa im Buchbeitrag von Clare Carolin deutlich wird.
Bei der Performance „Wer kann die Spuren verwischen?“ hinterließ sie Fußabdrücke aus Blut vor dem Obersten Gerichtshof in Guatemala und stellte zugleich die geschichtspolitische Frage nach der Macht, die systematischen Morde der Armee im guatemaltekischen Bürgerkrieg (1960-1996) gesellschaftlich unaufgearbeitet zu lassen. Solche Art politischer Zusammenhänge und Interventionen stellen viele Arbeiten José Galindos her. Carlos Jiménez ordnet José Galindos Arbeit systematisch in den feministischen Kunstkontext ein. Er hebt dabei auch hervor, dass weder allein das Reinreklamieren des weiblichen Körpers in die Arena des Politischen noch christliches Märtyrertum ihr Anliegen sei: Statt dessen fordere sie schlicht soziale Gerechtigkeit.
An Regina José Galindos Arbeiten wird aber auch noch einmal deutlich, dass das Politische in der Kunst sich keinesfalls allein über proklamierte Inhalte entfaltet. Das Eingreifen in den öffentlichen Raum und das Hervorrufen der Affekte gehören ebenso dazu wie die formalen Bezüge auf die Kunstgeschichte, in diesem Fall die der (nicht nur) feministischen Aktions- und Performancekunst.
In dem Buch sind alle Arbeiten seit 2006 mit ansehnlichen Fotos dokumentiert. Die Jahre davor erscheinen lediglich sporadisch. Dass keine Performances aus den 1990er Jahren versammelt sind, macht das einzige Manko des Bandes aus. Das Bild beispielsweise, auf dem José Galindo im Engelskostüm am barocken Torbogen über einer Hauptkreuzung in der Altstadt von Guatemala-Stadt hängt, wäre sicherlich der erneuten Vervielfältigung wert gewesen: In „Ich werde es dem Wind entgegenbrüllen“ (1999) liest sie Gedichte in schwindelnder Höhe. Damit hatte sie gegen die zunehmende Zahl von Vergewaltigungen protestiert und ein medienwirksames Verkehrschaos erzeugt. Zuletzt wurde ihr im Oktober der Grand Prize Award der Biennial of Graphic Arts in Ljubljana zuerkannt.

prometeogallery di Ida Pisani (Hg.) // Regina José Galindo // Silvana Editoriale // Milano 2011 // (Italienisch/ Spanisch/Englisch) // 393 Seiten // 30 Euro

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