Mit Glitzer gegen das Klischee
In „Gugus Welt“ kämpfen ein Junge und seine Großmutter um Freiheit und Identität
„Na Prinzessin, alles klar?“: Sprüche dieser Art darf sich der 11-jährige Gugu (Yuri Gomes) im Film Gugus Welt (Feito Pipa) fast täglich anhören. Denn neben seiner Leidenschaft für Fußball klebt er sich auch gerne Glitzerperlen ins Gesicht und studiert im Tanktop mit seinen Freundinnen Tanzchoreographien ein. So passt er nicht in die Schemata, die einige seiner Mitschüler und auch sein Vater von ihm erwarten. Gugu nimmt das meist aber mit Gelassenheit hin, denn zu Hause bei seiner Großmutter Dilma (Teca Pereira) findet er Geborgenheit und Akzeptanz. Die lebenslustige Dilma leidet allerdings unter fortschreitender Demenz. Dabei wird es für Gugu immer schwieriger, sich um sie zu kümmern und gleichzeitig die Schule und seine eigenen Aktivitäten unter einen Hut zu bringen.

Allan Deberton hat die Geschichte um eine Großmutter-Enkel-Beziehung im brasilianischen Nordosten am Ufer eines unter Protest angelegten Stausees verortet. Dabei kommt er trotz deutlich erkennbarer Sozialkritik mit angenehm klischeefreien Charakteren aus. So hat Gugu alles andere im Sinn, als das Opfer zu spielen: Gegen Mobbing in seiner Klasse setzt er sich handfest zur Wehr und gibt auf die Frage der Rektorin, ob er es denn in Ordnung finde, so etwas zu machen, genauso schlagfertig zurück: „Finden Sie es denn in Ordnung, was Sie mit mir machen?“ Auch Gugus Vater Valmir (Carlos Francisco) wird nicht als brutaler Macho gezeigt, sondern eher als unsicher und überfordert mit seiner Aufgabe: Wenn er Gugu Pornoheftchen zustecken möchte, ist er seinem Sohn sichtlich peinlich. Und dass er sich selbst so gar nicht für Fußball interessiert, gibt Valmir lieber nicht offen zu – nicht, dass das am Ende noch das pseudo-männliche Rollenbild, das er seinem Sohn vermitteln möchte, stört.
Schwierig wird es für Gugu erst, als die Episoden zunehmen, in denen die Erinnerung seine Großmutter verlässt. Da helfen weder Medikamente noch ein so gutgemeinter wie erfolgloser Exorzismus, den Gugus religiöser Schulkumpel Enzo bei Dilma durchführen möchte (die wohl lustigste Szene des Films). Schließlich muss sich Gugu entscheiden: Soll er alleine weiter für seine Oma sorgen, die ihn – wenn sie es noch kann – in Allem unterstützt? Oder muss Dilma doch ins Altersheim und er zurück zu seinem Vater ziehen, obwohl der nicht für alle seine Aktivitäten Verständnis hat?
Mit Gugus Welt ist Allan Deberton ein einfühlsamer Familienfilm gelungen, der ernste Themen wie Gender-Diskriminierung und Altersdemenz leichtfüßig behandelt und deshalb nicht nur für Kinder und ihre Großeltern empfehlenswert ist. Die wunderschöne Landschaft um die Stadt Quixadá bietet dazu eine beeindruckende Kulisse für Außenaufnahmen. Gugus Welt dürfte in diesem Jahr ein heißer Kandidat sein, wenn die Berlinale ihre Preise für die besten Kinderfilme verteilt.
Gugus Welt // Brasilien 2026 // 93 Minuten // Regie: Allan Deberton // Portugiesisch mit Englischen Untertiteln (deutsche Einsprache per Kopfhörer) / Berlinale-Sektion „Generation Kplus“
LN-Bewertung: 5/5 Lamas
Vorführtermine auf der Berlinale:
Dienstag, 17. Februar, 12:45 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
Freitag, 20. Februar, 19:15 Uhr, Cubix 6
Samstag, 21. Februar, 09:45 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain

