Aktuell | Argentinien | Nummer 621 - März 2026

Mit grüner Energie in die Dürre

In Argentinien regt sich Widerstand gegen die Bergbaupläne von Präsident Javier Milei

Solarzellen, Windräder, E-Autos – alle brauchen Kupfer. Während internationale Konzerne die Kupferreserven in Lateinamerika ausbeuten, regt sich in Mendoza Protest gegen ein Bergbauprojekt der anderen Art und offenbart die Widersprüche des grünen Fortschritts.

Von Laura May, Uspallata

“Mega-Bergbau raus!” Die Gemeinschaft mobilisiert gegen die Zerstörung ihres Territoriums (Foto: Laura May)

Wenn Anwältin Alejandra Pariani aus ihrem Fenster blickt, sieht sie den Tambillos-Gletscher. „Ich lebe im Paradies“, sagt sie. Die 44-Jährige wohnt alleine mit ihren sieben Hunden und sechs Katzen in einem abgelegenen Lehmhaus, 14 Kilometer entfernt von der Kleinstadt Uspallata, Provinz Mendoza, Argentinien. Nachbarn hat sie keine um sich, nur karge Steinlandschaft und hohe Berge wie den Aconcagua, der mit 6.961 Metern höchste Berg Amerikas.
Das Schmelzwasser der Andengletscher fließt durch Flüsse und ein ausgeklügeltes Kanalsystem Richtung Tal und versorgt rund 1,5 Millionen Menschen und 250.000 Hektar Land mit Wasser. Mit diesen Lebensadern machten indigene Huarpe und Inka die Halbwüste schon vor mehr als 500 Jahren bewohnbar und fruchtbar; heute ist die Region das Zentrum der argentinischen Weinproduktion; Pflanzen gedeihen in Oasen mitten in der Trockenheit. „Mendoza existiert nur wegen des Wassers“, sagt Pariani. Doch heute fürchtet sie um ihr Paradies. Neben dem Klimawandel bedrohe vor allem der Hunger des Weltmarkts nach Rohstoffen das sensible Ökosystem.

In den Steinformationen der Anden befinden sich nach Schätzung der US-Handelsverwaltung rund 30-35 Prozent der weltweiten Kupfervorkommen. Die Nachbarstaaten Peru und Chile liefern bereits fast 40 Prozent des weltweiten Bedarfs. Schon lange wollen internationale Investoren die unerschlossenen Reserven in Argentinien zu Geld machen. Kupfer erlebt aktuell sein weltwirtschaftliches Momentum.
Die Nachfrage nach dem rötlichen Metall soll laut Rohstoffanalysten alleine bis 2040 um rund 70 Prozent steigen. Die Nebenwirkungen des Kupferabbaus sind eine der kontroversesten Seiten grüner Energie. Kupfer leitet Strom, lässt sich leicht biegen und ist recycelbar. Dies macht es zu einem unverzichtbaren Material für die meisten Formen erneuerbarer Energien.
Doch viele Bürger*innen wollen keinen Bergbau an den Quellen ihres Wassers. In Mendoza wird bereits seit der letzten großen Liberalisierungswelle in den 90er Jahren erfolgreich gegen geplante Bergbauprojekte mobilisiert. 2007 wurde auf Druck der Zivilgesellschaft das umfassende Umweltgesetz 7722 eingeführt, das zum Schutz der Wasserressourcen den Einsatz giftiger Substanzen wie Zyanid, Quecksilber und Schwefelsäure in der Metallbergbauindustrie verbietet. Es gilt als zentrales Instrument gegen große Bergbauprojekte und wird oft als „Hüter des Wassers“ bezeichnet. Als das Gesetz 2019 geändert werden sollte, gingen mehr als 50.000 Menschen dagegen auf die Straße. Nach tagelang anhaltenden Demonstrationen mit massiver Polizeirepression wurde die Änderung damals zurückgenommen. Wenn Pariani heute von den Protesten 2019 erzählt, hat sie Tränen in den Augen. „Es waren zehn Tage Kampf, die das Gesetz 7722 gerettet haben“, sagt sie. 2021 strich der Oberste Gerichtshof dann allerdings einen wichtigen Nebensatz des Gesetzes 7722, der neben den genannten Chemikalien auch „ähnliche toxische Substanzen“ verboten hatte.

Dies öffnet heute den Weg für Bergbauprojekte, die Verfahren mit anderen giftigen Stoffen zur Lösung der begehrten Mineralien aus dem Massiv der argentinischen Anden verwenden wollen. Ein Beispiel sind Xanthate, chemische Verbindungen, die im Bergbau hauptsächlich als Sammler bei der Flotation von Sulfiderzen eingesetzt werden, um wertvolle Minerale von taubem Gestein zu trennen. Sie sind effektiv, jedoch hoch oxisch für Wasserorganismen und können trotz vermeintlicher biologischer Abbaubarkeit nahe Gewässer kontaminieren.

Nahe Uspallata, dem Wohnort von Pariani, könnte durch dieses Schlupfloch nun bald ein Bergbauprojekt starten, über das seit Jahren schon gestritten wird. Im Dezember 2025 hat das Provinzparlament Mendoza die Umweltprüfung des San Jorge-Projekts genehmigt. Die Kooperation PSJ Cobre Mendocino, ein Joint Venture zwischen Zonda Metals GmbH (Schweiz) und Grupo Alberdi (Argentinien), will für die Extraktion des Kupfers in San Jorge neben Xanthan auch das moderat toxische Methylisobutylcarbinol (MIBC) einsetzen, betont allerdings: „Keines dieser Reagenzien ist nach Gesetz 7722 verboten. Ihre Verwendung erfolgt kontrolliert, in einem geschlossenen Kreislaufsystem mit hohem Wasseraustausch und unter ständiger Überwachung durch die Kontrollbehörden.“ Jährlich sollen 40.000 Tonnen Kupfer und 40.000 Unzen Gold als Nebenprodukt abgebaut werden.

PSJ schreibt sich „Bergbau für nachhaltige Entwicklung“ auf die Fahne, Pariani hält das für eine Lüge. Neben den eingesetzten Chemikalien wird durch die für den Kupferabbau nötigen Sprengungen des Gesteins zudem Arsen freigesetzt. Einmal verschmutzt, würden die Stoffe im ganzen Tal verteilt, sagt Pariani entgegen PSJ. „Es ist Wasser! Natürlich fließt die Verschmutzung von oben nach unten.” Abgesehen von der Verschmutzung sei der Bedarf von etwa 12 Millionen Litern Süßwasser pro Tag trotz vermeintlichem Kreislaufsystem ein Skandal im trockenen Mendoza.
Seit der durchgewunkenen Umweltprüfung im Dezember mobilisiert die Anwältin deshalb wieder gegen San Jorge. Nach wochenlangem Protestcamp am Westufer des Tunuyán-Flußes am Fuß der Anden macht sie sich am 17. Januar mit tausenden anderen zum „Marsch des Wassers“ zurück nach Uspallata auf. Die Demonstration wirkt surreal. Uspallata ist ein karges und verschlafenes Bergdorf. Im Alltag sind die Frachtlaster nach Chile der größte Unruhefaktor. An diesem Tag kommt kurz vor 19 Uhr eine endlos scheinende Karawane aus Autos hupend den Berg hochgefahren. Menschen aus dem ganzen Tal haben sich versammelt, ihre Ankunft wird von einer jubelnden Menge gefeiert. In den Windschutzscheiben kleben selbstgebastelte Wassertropfen, auf den Schildern stehen Slogans wie „Nein zum Megabergbau“, „Gesetz 772“ oder „Raus San Jorge“.

Die Aktivist*innengruppe ist kein spontaner Zusammenschluss. Es ist ein Kollektiv, das seit Jahren gemeinsam Widerstand leistet. Alte Frauen in Rollstühlen, Kinder, Indigene, Einwanderer, Bauern und Intellektuelle, alle sind fest entschlossen, das Projekt zu verhindern und Mendozas Wasser zu schützen, so wie sie es in der Vergangenheit schon geschafft haben. „In Uspallata wird es keinen Megabergbau geben“, ist sich Pariani sicher. Das Volk verteidige sein Wasser und sein Leben, und das Recht auf Leben stehe in der argentinischen Verfassung.

Für Eber Abarca aus Uspallata sind die Leute im Protestmarsch ein unrealistischer Haufen aus Linken und radikalen Kirchneristen. „Niemand will hier das Wasser verschmutzen“, sagt er. Der 42-Jährige ist in Armut aufgewachsen und hofft auf eine bessere Zukunft für sich und seine Heimatstadt. Das San Jorge-Projekt von PSJ würde Fortschritt und Infrastruktur bringen, sagt er. Gasanschluss, neue Straßen, höhere Gehälter. Die Kooperation habe ihm bereits eine Fortbildung in Bergbaulogistik finanziert, aktuell mache er einen Schweißkurs, ebenfalls gesponsert vom Bergbauunternehmen.

Es sei klar, dass ein kapitalistisches Unternehmen wie PSJ Gewinne machen würde, aber auch die geschätzten ein bis drei Prozent der Gewinne aus dem Projekt, die am Ende in der Region bleiben sollen, seien ein Fortschritt. Die Umweltprüfung sei wasserdicht, die Mobilisierungen rein politisch motiviert. Für ihn ist das Thema Bergbau ein ideologischer Kampf, bei dem er klar auf einer Seite stehe. „Ich bin rechts, nicht Mitte“, sagt er, schimpft nebenbei auf Solidarität mit Palästina und äußert seine Bewunderung für Deutschland, das Militär und das Christentum.
Abarca sagt, nur weil die Region viele Ressourcen habe, heiße das noch lange nicht, dass es auch Reichtum gebe. Klar wollten die Konzerne nur die Ressourcen, die dann in den Produkten fortschrittlicher Länder landen. Aber: „Ihr habt die Umwelt zerstört und jetzt fordert ihr vom globalen Süden, von Argentinien, uns nicht zu entwickeln?“ Er träumt davon, dass das Bergbauunternehmen die Bahn zurück in die Region bringt. „Nicht weil die Investoren gute Menschen sind, sondern weil sie es brauchen“, hofft er.

Laut eigenen Angaben von PSJ bringe das Projekt Innovation, Infrastruktur und gut bezahlte Stellen für die ganze Region, außerdem setze die Kooperation Programme zur sozialen Entwicklung der lokalen Gemeinschaften um. Gegner*innen sagen hierzu allerdings, es sei bereits in den Nachbarprovinzen San Juan und Catamarca zu sehen, dass derartige Megaprojekte nicht dazu führen, dass es der lokalen Bevölkerung besser gehe. „Das mit der Arbeit und dem Wohlstand ist eine Lüge“, sagt Pariani. Dort gebe es nur riesige Krater in der Berglandschaft, Armut und Krankheiten unter der Bevölkerung.
Fortschrittsverweigerer, sagt Abarca. Klar habe der Kapitalismus schlechte Seiten, doch der Kommunismus – und das ist für ihn alles andere als der freie Markt – lasse alle verarmen. Der aktuelle libertäre Kettensägenpräsident Javier Milei mache seiner Meinung nach vieles richtig. „Ich glaube an Mileis Projekt, er will dieses Land wieder produktiv machen.“

Produktivität heißt für den selbsternannten Anarchokapitalisten Milei vor allem Freiheit für Großinvestoren, für die er bereits massive steuerliche und rechtliche Erleichterungen durchgesetzt hat. Unter starkem Beschuss ist vor allem der Umweltschutz, denn Milei leugnet den menschengemachten Klimawandel. Aktuell ist konkret das seit 2010 bestehende Gletscherschutz­gesetz in Gefahr, das den Bergbau in Gletscher- und Permafrostgebieten untersagt. Ende Februar stimmte das Parlament der Aufweichung des Gesetz in erster Instanz zu.

Umweltorganisationen wie Greenpeace warnen, dass die argentinischen Gletscher als strategische Wasserspeicher und Biodiversitätsspeicher für das Weltklima von zentraler Bedeutung seien. PSJ interessiert das nicht, denn San Jorge liegt nicht im periglazialen Gebiet. Andere Großinvestoren wie die Barrick Mining Cooperation mit Sitz in Kanada, welche bereits 2019 eine Klage gegen das Gesetz verloren hatte, stehen allerdings schon in den Startlöchern, um sich Kupfer aus Mileis Ressourcenparadies zu sichern.


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