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„Mit jedem Tag entschlossener“

Die ArbeiterInnen von Vale Inco streiken nun bereits seit neun Monaten. Was war der Anlass für den Streik?
Wir hatten uns für Streik entschieden, weil die Firma, Vale Inco, behauptete, wir würden uns nicht ausreichend an den Zahlungen für die Pensionskassen beteiligen. Vale wollte, dass wir selbst direkt einzahlen. Gleichzeitig aber weigerte sich das Unternehmen, die Details eines möglichen zukünftigen Vertrages offenzulegen. Dies war ein für uns absolut inakzeptables Vorgehen seitens Vale. Anlässlich der globalen Krise, die Ende 2008 ausbrach, hielt Vale es für einen geschickten Moment mit einer neuen Strategie zu beginnen. Damals verhandelten viele Unternehmen mit ihren ArbeiterInnen und Angestellten die Verträge neu, da die Krise anscheinend die Ergebnisse dieser Unternehmen in Mitleidenschaft zog. Und Vale argumentierte genauso. Aber der Konzern unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von diesen von der Krise betroffenen Unternehmen. Während diese Firmen sich teilweise gezwungen sahen, wegen der Ertragseinbrüche neue Kreditlinien mit den Banken zu verhandeln, verzeichnete Vale trotz der Krise immer noch Gewinne. Unserer Meinung nach versuchte Vale einfach auf den gleichen Zug aufzuspringen. Da haben wir ArbeiterInnen uns gesagt: Wenn wir diese „Angebote” von Vale in einer solchen Situation, in der Vale Gewinne schreibt, annehmen, was würde wohl mit uns passieren, wenn die Firma wirklich mal Verluste schreiben würde? Unsere Gewerkschaft (United Steel Workers, USW, Anm.d.Red.) blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück und wir haben niemals eine solche Form von Missachtung und Agressivität erlebt.

Wie fiel die Reaktion Vales auf den Streik aus?
Wir glauben, dass Vale von Anfang an, seit Ausbruch der Krise, darauf aus war, ArbeiterInnen zu entlassen. Aber als börsengelistetes Unternehmen meinte Vale wohl, die Entlassungen könnten vom Markt als Folge von Managementfehlern des Unternehmens interpretiert werden und dass das negative Auswirkungen auf den Börsenkurs haben könnte. Aber mit dem Streik könnte die Firma argumentieren, die Entlassungen seien dann eine Angelegenheit des Arbeitskampfes, so als sei es Schuld der ArbeiterInnen. Und wenn wir das “Angebot” von Vale akzeptiert hätten, dann hätte die Firma auch gewonnen. Deshalb hatte sich Vale, zu Beginn unseres Kampfes, geweigert, mit uns zu verhandeln. Es dauerte siebeneinhalb Monate, bis Vale sich mit uns an einen Tisch setzte. Dann haben wir die Entscheidung den ArbeiterInnen überlassen: ob sie Vales Angebot annehmen oder nicht. Also haben wir eine Urabstimmung durchgeführt. Über 90 Prozent haben dagegen gestimmt. Man kann sich also leicht vorstellen, wie schlecht das Angebot von Vale war.

Wie sehen die Gemeinden von Sudberry das Unternehmen Vale, das weltweit als brasilianische Firma wahrgenommen wird?
Vale versucht, unseren Kampf als rassistisch zu disqualifizieren, so als ob wir die BrasilianerInnen hassen würden. Aber das ist absolut unwahr. Vale ist ein globales Unternehmen. Operiert global und fährt die Gewinne global ein.

„One day longer, one day stronger” ist Euer Kampfruf beim Streik. Was bedeutet das fuer Euch?
In den 90er Jahren gab es in West Virginia in den Vereinigten Staaten einen großen Streik, der zwanzig Monate andauerte. Es war ein StahlarbeiterInnenstreik. Und der Spruch war der Kampfruf dieser ArbeiterInnen. Wir haben ihn wieder aufgegriffen. Der Spruch zeigt, dass selbst wenn der Streik jeden Tag schwieriger und härter wird, wir jeden Tag entschlossener sind.

Nach neun Monaten Streik – wie hat Sie diese schwere Zeit verändert?
Früher war ich ein einfacher Arbeiter, allenfalls interessiert an Fragen der Arbeitssicherheit, an Arbeit in Würde. Heute, nach all diesen Monaten des Streiks und nach der Teilnahme an der Karawane der Vale-Betroffenen hier in Brasilien, bin ich nicht mehr nur ein Arbeiter. Ich habe viel gelernt und heute bin ich ein Arbeiter und Aktivist.
Wir arbeiten hart, das ist eine körperliche Arbeit mit sehr vielen Gefahren. Ich arbeite mit glühendem Metall und einmal ist alles direkt neben mir explodiert, an meinem Körper. Wir sind kräftige ArbeiterInnen. Aber was ich auf der Karawane hier in Brasilien in einigen Gemeinden gesehen habe, hat mich zum Weinen gebracht. Alle sehen die Missstände, alle Welt weiß, was hier in den vom Bergbau betroffenen Gemeinden passiert. Die Regierung weiß es, Vale weiß es, aber niemand macht etwas dagegen. Das ist wirklich zum Weinen. Es ist nicht so, dass ich glaubte, dass alles morgen geklärt werden könnte. Aber ich hoffte, dass die Leute anfangen, etwas dagegen zu tun, um diese Situation zu ändern.

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