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NICHT MEHR ALS GUT GEMEINT

© Pensar con las manos

Francisco Márquez‘ Motivation für seinen Film Un crimen común („Ein gewöhnliches Verbrechen“) ist gut nachvollziehbar. Laut der Nichtregierungsorganisation CORREPI wurde 2019 in Argentinien unter der neoliberalen Regierung von Mauricio Macri alle 19 Stunden ein Mensch von staatlichen Sicherheitskräften getötet. Die meisten Opfer waren jung und arm, zu einer Aufklärung der Tötungsumstände kommt es selten. Arm sein heißt verdächtig sein: Auf diesem Diskurs, den große Teile der argentinischen Mittel- und Oberschicht mittragen, gründet sich die meist straffreie Gewalt der Autoritäten.

Neben dem Motiv, diese Missstände offenzulegen, verfügt Un crimen común auch sonst über einige Zutaten, die ein gelungener Thriller braucht: Einen Regisseur mit dem Gespür für klaustrophobische Stimmungen (Francisco Márquez war in Cannes 2016 bereits für den Newcomer-Preis nominiert), Schauspieler*innen, die diese Stimmungen gekonnt transportieren und eine Ausgangslage, die Spannung verspricht. Cecília (Elisa Carricajo) ist Soziologiedozentin an einer Universität und führt ein gesichertes bürgerliches Leben ohne große Aufregung. Ihr Ein und Alles ist ihr achtjähriges Kind Juan, von dessen Vater sie getrennt lebt. Eines Nachts klopft es an ihrer Terrassentür: Draußen steht Kevin, der heranwachsende Sohn ihrer Hausangestellten Nebe (Mecha Martínez), der sie anfleht, aufzumachen. Doch Cecília öffnet nicht, sondern tut so, als würde sie nichts hören. Am nächsten Tag wird Kevins Leiche aus dem nahen Fluss gezogen – sehr wahrscheinlich ermordet von der Polizei. Die Soziologin sieht sich nun nicht nur mit ihren Gewissensbissen konfrontiert, sondern auch mit einer Entscheidung: Soll sie gestehen, was sie getan hat und damit zur Aufklärung beitragen? Oder lieber den Weg des geringsten Widerstands wählen, damit alles weitergeht wie bisher?

In Un crimen común verkörpert Cecília die aufgeklärte bürgerliche Mittelschicht. Sie lehrt an ihrer Universität marxistische Theorien und behandelt auch die ärmeren Menschen in ihrem Umfeld (wie Nebe und ihren Sohn) mit Respekt. Als jedoch der Moment kommt, ihre Ideale in die Praxis umzusetzen, gewinnt ihr Angstinstinkt die Oberhand und paralysiert sie. Natürlich steht Cecílias Untätigkeit nicht nur für sie selbst, sondern für die Teile der argentinischen Gesellschaft, die Ungerechtigkeiten gleichgültig gegenüberstehen, solange sie nicht selbst davon betroffen sind. Genau diese dramaturgische Intention wird aber bereits zur Hälfte des Films mehr als klar. Und danach passiert leider im Grunde fast nichts mehr, außer dass Cecilia sich intensiv ihrer eigenen Paranoia und ihren Schuldkomplexen widmen darf. Dass Elisa Carricajo ihre Rolle sehr differenziert und überzeugend interpretiert, ist dabei Fluch und Segen zugleich. Denn die Story klebt so eng an der inneren Befindlichkeit ihrer Protagonistin, dass sie nie wirklich zündet. Auch weil die extreme Fokussierung auf sie die interessanten weiteren Aspekte der Geschichte (Wie gehen Nebe und ihr Umfeld mit der Tragödie um? Warum bekommt die Polizei auch im Film das Privileg, komplett unsichtbar bleiben zu dürfen?) zu Nebenschauplätzen degradiert. Die kleinen Schockmomente, die Márquez mit Griffen in den Horrorfilm-Baukasten einbaut, laufen deshalb ins Leere. So bleibt Un crimen común nicht mehr als ein technisch zufriedenstellend gemachter Film, dessen versuchte Gesellschaftskritik leider nie über die gut gemeinte Intention hinauskommt.

 

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