Aktuell | Nummer 621 - März 2026 | Peru

„Nicht viel Spielraum für die Linken“

Interview mit Edson Ticona über seine Kandidatur bei der Kongresswahl

Es gibt in Peru einen Wahlbezirk, der kein Ort ist – ein Wahlbezirk für alle Peruaner*innen mit Wohnsitz im Ausland. Die LN haben mit Edson Ticona von der linken Partei Nuevo Perú gesprochen, der in Berlin lebt und für diesen Wahlbezirk kandidiert. Im Interview ging es um die Notwendigkeit einer Interessenvertretung der emigrierten Peruaner*innen, Wege aus der politischen Krise und um die Gefahren des neuen US-amerikanischen Interventionismus.

Interview: Theresa Utzig

EDSON TICONA (Foto: Edson Ticona)

Laut dem peruanischen Melderegister sind 4,4 Prozent der peruanischen Wählerschaft außerhalb des Landes registriert. Wie funktioniert das Wahlsystem für im Ausland lebende Peruaner*innen?
Der Hauptunterschied besteht darin, dass die Stimmabgabe freiwillig ist. Wenn man in Peru lebt, muss man wählen, sonst muss man eine Geldstrafe zahlen. Deshalb ist die Wahlbeteiligung in Peru auch recht hoch. In Peru beträgt sie fast 72 Prozent, im Ausland liegt sie bei etwa 23 Prozent. Man muss dafür bei seinem Konsulat registriert sein. Es gibt aber auch viele Menschen, die seit Jahren im Ausland leben und nicht bei ihrem Konsulat registriert sind. Sie müssten dann in Peru wählen.

Die im Ausland lebenden Peruaner*innen (peruanos en el exterior, kurz PEX) zählen als eigener Wahlbezirk und wählen zwei eigene Kongressabgeordnete und einen Senator*in. Seit wann gibt es dieses System und warum ist eine Interessensvertretung für die PEX wichtig?
Es ist das zweite Mal, dass es diese Vertretung für die PEX geben wird. Bei den vergangenen Wahlen gab es bereits Vertreter – zwei gewählte Kongressabgeordnete, die die PEX vertraten. Davor mussten wir Peruaner und Peruanerinnen, die im Ausland leben, für Vertreter aus Lima stimmen. Das war unsinnig, denn es gibt Menschen, die seit 20, 30 Jahren außerhalb des Landes leben und für einen Kongressabgeordneten stimmen mussten, der über Themen aus Lima sprach. Die Probleme in Lima unterscheiden sich stark von den Problemen der emigrierten Peruaner. Das war also eine jahrelange Forderung, die 2021 umgesetzt wurde. Und natürlich ist das ziemlich wichtig – du hast die 4,4 Prozent der Wähler erwähnt.
Hier muss man jedoch zwischen zwei Zahlen unterscheiden: den Wählern und der Migration insgesamt. Wie bereits gesagt, leben viele Menschen seit Jahren außerhalb des Landes, sind aber nicht bei ihrem Konsulat registriert. Diese Personen sind also keine PEX-Wähler. Die Zahl der Wähler im Ausland für diese Wahlen beträgt etwas mehr als 1,2 Millionen, während insgesamt mehr als 3,5 Millionen Peruaner im Ausland leben. Wir haben keine genauen Statistiken, aber wir können davon ausgehen, dass viele von den mehr als zwei Millionen Peruaner, die im Ausland leben und nicht bei der Botschaft registriert sind, prekär beschäftigt sind und keine regulären Dokumente haben. Das hat erhebliche Auswirkungen, denn sie stehen faktisch außerhalb des Systems und verfügen weder in ihrem eigenen Land noch in ihrem Aufenthaltsland über volle Rechte.

Du kandidierst für die Partei Nuevo Perú und trittst mit dem linken Bündnis Venceremos an. Was sind eure Vorschläge?
Eines der Hauptanliegen der Linken in Peru seit dem Sturz der Diktatur ist eine neue Verfassung. Denn die derzeitige Verfassung stammt aus der Zeit der Fujimori-Diktatur, wurde unter diktaorischen Bedingungen verabschiedet und legt ein neoliberales Wirtschaftsmodell fest. Sie entspringt dem Washington-Konsens, der darauf abzielt, den Staat zu verkleinern, staatliche Unternehmen zu verkaufen und einen angeblich freien Markt zu schaffen. Das ist derzeit das nationale Wirtschaftsmodell. Es ermöglicht keine nationale Entwicklung, die den Bedürfnissen der großen Mehrheit gerecht wird, sondern verstetigt vielmehr ein Modell, das einen kleinen Teil der nationalen Oligarchie begünstigt. Wir haben weitere Vorschläge, aber die Änderung der Verfassung ist der grundlegendste.

Bei den vergangenen Parlamentswahlen im Jahr 2021 war die PEX-Wählerschaft konservativer als der peruanische Durchschnitt. Wie erklärst du dir das?
Es ist besorgniserregend, dass die Menschen für Renovación Popular stimmten, deren Rhetorik ist in vielerlei Hinsicht offen rassistisch und faschistisch. Dennoch sollten wir nicht alle PEX über einen Kamm scheren.
Ein erster Ansatzpunkt ist die Migration in die USA, die mit 33 Prozent die größte Gruppe der peruanischen Migration ausmacht. Dort gibt es ein stark privatisiertes System und viel Propaganda von rechten Kräften, was die Menschen beeinflusst – etwa die Erzählung vom berühmten amerikanischen Traum und das alles von einem selbst abhängt. Das erklärt einen großen Teil der Wahltendenzen von Migranten und Migrantinnen. In Europa ist es etwas anders. Hier hat die Sozialdemokratie einen Wohlfahrtsstaat aufgebaut. Die Menschen schätzen es, ein Gesundheitssystem zu haben, in einigen Ländern solide Bildungssysteme, die weiterhin kostenlos sind – das ermöglicht es einem, die Dinge zu überdenken. In Paris zum Beispiel, wo die größte peruanische Community Frankreichs lebt, hat die Linke 2021 gewonnen. In Deutschland war es genauso.

Peru durchlebt derzeit eine politische Krise mit massiven Mobilisierungen auf den Straßen. Die Proteste im Oktober und November 2025 richteten sich gegen die Regierung und den Kongress. Wie wird sich diese Krise auf die kommenden Wahlen auswirken?
Es herrscht großes Misstrauen, weil es viel Straflosigkeit gibt. Die Menschen protestieren auf den Straßen und ihre Angehörigen werden getötet. Menschen, die nicht protestiert haben, werden getötet, Minderjährige werden getötet, und nichts passiert. Der Staat tut so, als wäre nichts geschehen, schlimmer noch: Er rechtfertigt es. Man stößt auf große Ablehnung.
Und wir müssen uns eingestehen, dass das Misstrauen berechtigt ist: Bei den vergangenen Wahlen ist ein Teil der Linken an die Macht gekommen, und ein Teil dieser Linken, der behauptet, das Volk zu vertreten und für ihre Belange zu kämpfen, hat sich schließlich mit der Rechten verbündet und regiert nun gemeinsam mit der Rechten. Das ist ein klarer Verrat Es liegt in der Verantwortung der Kandidaten, der sozialen Bewegung und der Linken, darauf zu reagieren: Das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, transparent und ehrlich zu sein und über die Dinge zu sprechen, die passiert sind. Über die Fehler, die gemacht wurden. Dies ist ein repräsentatives Amt. Und um diesen Teil der Bevölkerung zu vertreten, muss man mit ihm in Verbindung stehen und effektive Kommunikationskanäle schaffen.

Die Mobilisierungen wurden von der sogenannten Generation Z getragen. 25 Prozent der Wählerschaft sind unter 30 Jahre alt. Welche Rolle wird also die junge Wählerschaft bei den Wahlen spielen?
Ich glaube, dass sie eine wichtige Rolle spielen wird, denn viele junge Menschen haben genug von dem, was gerade passiert. Ein heute 20-Jähriger nimmt vermutlich erst seit etwa 2020 am politischen Geschehen teil. Was hat das Land seit 2020 erlebt? Krisen, immer wieder abgesetzte Präsidenten, Korruption, Skandale, … Das geht so schon seit der Amtszeit von Pedro Pablo Kuczynski, der 2016 sein Amt antrat. Es gibt also junge Menschen, die nur das erlebt haben: Proteste, bei denen Menschen getötet werden, und Straflosigkeit. Was ich bei vielen jungen Menschen beobachtet habe, ist Skepsis: „Die sind alle gleich“, „Das ist alles Mist“, „Es wird sich nichts ändern“. Wir müssen also wissen, wie wir mit dieser Unzufriedenheit umgehen sollen. Nicht nur wegen der Wahlen, sondern weil sie Recht haben. Man muss verstehen, dass sie ein Land erleben, das sich ständig in einer Krise befindet.
Der Glauben in die Institutionen ist nicht mehr da, sie haben ihre Legitimität verloren. Im Falle des Kongresses liegt das vor allem daran, dass dort Gesetze verabschiedet werden, die keinen Bezug zur Realität haben. Abgeordnete sprechen von institutioneller Ordnung und meinen, dass man den Kongress verteidigen muss. Aber institutionelle Ordnung ist viel tiefgreifender. Es geht darum, dass dieser Kongress dem Wohl der Allgemeinheit dient und das erfüllt, was eine repräsentative Demokratie ausmacht. Wenn jedoch die Zwecke, für die die Institutionen geschaffen wurden, keinen Sinn mehr ergeben, dann sollten sie reformiert oder geschlossen werden und es sollten Institutionen geschaffen werden, die den heutigen Bedürfnissen dienen.

Es gibt Risiken für die freien Wahlen von Innen und Außen, zum Beispiel die Anzweiflung der Wahlergebnisse als politisches Druckmittel.
Nach den Wahlen 2021, die Pedro Castillo gewann, sprach die Rechte sofort von Betrug. Obwohl eine Untersuchungskommission im Kongress nichts nachweisen konnte, halten sie bis heute daran fest – allen Beweisen zum Trotz. Sie haben die Regierung systematisch unter Druck gesetzt und schließlich abgesetzt. Dass sie die ehemalige Präsidentin Dina Boluarte so lange im Amt hielten, war strategisch: Sie konnten es nicht riskieren, im Endspurt vor den Wahlen eine so schwache Regierung zu haben, weil eine soziale Mobilisierung der Linken zugutekommt. Sollte die Linke in Umfragen zulegen, werden Sie erneut Betrugsvorwürfe erheben.
Der neue US-Botschafter hat eine klare interventionistische Agenda in der Innenpolitik des Landes verfolgt. Er hat die Legitimität des Hafens von Chancay (60 Kilometer nördlich von Lima, Anm. d. Red.) in Frage gestellt und den inzwischen gestürzten Präsidenten José Jerí verteidigt. Sogar Akteure der Rechten haben sich aufgrund seines undiplomatischen Stils von ihm distanziert. Ich bin mir sicher, dass die Vereinigten Staaten sofort intervenieren werden, wenn sie sehen, dass die Linke breite Unterstützung in der Bevölkerung erhält und dies ihren Interessen schadet. Das lässt der Linken nicht viel Spielraum.
Deshalb müssen wir gut organisiert sein, internationale Beobachter und Organisationen einbinden. Auch wenn die internationalen Institu­tionen derzeit geschwächt sind, sind sie doch die Instrumente, die wir haben, und wir müssen sie nutzen. Wir müssen regionale Bündnisse suchen. Brasilien ist dabei ein strategischer Akteur, in Kolumbien stehen Wahlen an. Zugleich ist es entscheidend, den Menschen zu vermitteln, dass der von den USA ausgeübte Imperialismus real ist – die Intervention in Venezuela zeigt das deutlich.

Edson Ticona (1989) ist Aktivist und IT-Spezialist. Seit 2019 lebt er in Berlin. Vor dem Hintergrund der politischen Krise in Peru und auf dem Fundament seines sozialen Engagements kandidiert er für die peruanische Abgeordnetenkammer als Vertreter der Peruaner*innen im Ausland.


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