Film | Mexiko | Nummer 610 - April 2025

Nie eroberte Gemeinden

Die Kurzdoku Meanwhile in Mexico zeigt, wie die Bewegungen Südmexikos standhaft bleiben

Die gefühlte Erfolgslosigkeit breiterer, aber auch radikaler linker Bewegungen an vielen Orten der Welt halten Linke in den letzten Jahren in einem konstanten Krisenmodus. Doch überall stellen sich auch Menschen Krieg, Faschismus und Kapitalismus entgegen – unter anderem im Süden Mexikos schon seit Jahrhunderten. Eine Kurzdoku des Medienkollektivs leftvision gibt einen Einblick in die aktuelle Situation vor Ort. LN rezensiert den Film.

Von Johanna Fuchs

Seit die Zapatistas in Chiapas 1994 im Zuge ihres Aufstands weltweit Berühmtheit erlangten, haben sie es geschafft, autonome, alternative Strukturen aufzubauen und sich an die immer wieder neuen Herausforderungen anzupassen. Doch wie genau steht es gerade um die Bewegungen der Region? Das haben sich die Macher*innen des 25- minütigen Dokumentarfilms Meanwhile in Mexico vom unabhängigen Medienkollektiv leftvision gefragt. Sie geben in sechs Schlaglichtkapiteln einen prägnanten Einblick in die Situation im „Epizentrum des Widerstands“.

Mexiko hat zwar eine linke Regierung, diese setzt Neoliberalisierung und ihren Krieg gegen alle Widerstände gegen entwicklungspolitische Megaprojekte jedoch vehement fort. Währenddessen streuen die Zapatistas und andere Mitglieder des Nationalen Indigenen Rates (CNI) weiterhin Sand ins Getriebe der Industrialisierungsmaschinerie. Der Dokumentarfilm zeichnet die aktuellen Herausforderungen und Strategien autonomer, Indigener Bewegungen in Chiapas und Oaxaca nach. Dafür haben sie mit Angehörigen der Gemeinden über die problematische Beziehung zur Morena-Regierung gesprochen. Diese setzt vermehrt auf die Kooptierung sozialer Bewegungen und spaltet Gemeinden durch an politische Bedingungen geknüpfte Sozialprogramme. Gleichzeitig steigt jedoch auch die direkte staatliche Repression durch das Militär und die Gefangennahme politischer Gegner*innen, zum Beispiel durch legale Tricks wie die sogenannte Fabrizierung von Schuldigen (siehe LN 598). Des Weiteren behandelt der Film die Herausforderungen durch den sich immer weiter ausbreitenden Narcoterrorismus, der zu einer scheinbaren Depolitisierung des Kampfes um Territorium und gegen Vertreibung führt. Auch die Veränderungen der Strukturen der Zapatistas seit Anfang 2024 zur Anpassung an die veränderte Lage, aber auch zur Demokratisierung der eigenen Organisation, werden kurz von einigen Interviewpartner*innen erklärt (siehe LN 595).

Die Kapitel zu Megaprojekten wie dem Industrialisierungsprojekt des Isthmus de Tehuantepec und dem sogenannten Tren Maya vermitteln ein tiefgreifendes Verständnis der komplexen Situation. Gleichzeitig werden anhand konkreter Beispiele von Kämpfen −wie dem um die Chimalapas (eine Region in Oaxaca, von der der Isthmus ein Teil ist und die seit Jahrhunderten umkämpft ist)− die neuen und alten Probleme, die der grüne Kapitalismus mit sich bringt, anschaulich dargestellt Dies gelingt in nur 25 Minuten vor allem wegen der Vielzahl an kompetenten Interviewpartner*innen, die zusätzlich durch Aufnahmen aus den Gemeinden und Eindrücken von der politischen Organisierung vor Ort untermalt werden. Die Zoque-Gemeinden in den Chimalapas lassen sich nicht von ihrem Territorium vertreiben – egal, ob von Kolonisator*innen vor 500 Jahren, der Holzindustrie der letzten 100 Jahre oder der Morena-Regierung, die ihnen die Entscheidungsmacht absprechen möchte, indem sie ihre artenreichen Waldgebiete zum staatlich kontrollierten Biosphärenreservat erklärt. Das Beispiel zeigt: Der Hydra mögen immer wieder neue Köpfe nachwachsen (die Zapatistas nutzen das Bild der Hydra, einer vielköpfigen Schlange, für ihre Kapitalismusanalyse), doch auch die andere Seite schläft nicht. „Wir verkörpern die Natur, die sich selbst diesen Projekten gegenüber verteidigt“, so eines der Bewegungsmitglieder im Interview. Eine andere Interviewpartnerin betont: „Diese Gemeinden wurden nie erobert, sie widersetzen sich weiterhin“.

Meanwhile in Mexico ist eine gelungene, stimmungsvolle und kurzweilige Doku, die dies bezeugt. Der Film bringt politisch komplexe Sachverhalte auf den Punkt, lässt die Angehörigen der Gemeinden für sich selbst sprechen und beleuchtet sowohl die angespannte Lage im Süden Mexikos wie auch die Entwicklung und den Umgang der Bewegungen damit gekonnt. Der Kampf geht weiter!

Meanwhile in Mexico: Widerstand in Südmexiko // Mexiko/ Deutschland 2025 // 25 Minute // leftvision // Kostenlos auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=g6AdHye1O4o


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