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Nur eine kurzes Aufschimmern der Hoffnung

Als 2001 die argentinische Wirtschaft kollabierte und in rasanter Geschwindigkeit weite Teile der Gesellschaft verarmten, verband sich der Protest der Marginalisierten mit dem jener, die bis dato vom Neoliberalismus zu profitieren schienen. Die Regierung wurde mit Hubschraubern evakuiert, während sich auf den Straßen in Blockaden und Versammlungen eine soziale Bewegung formierte.
Dieter Boris und Anne Tittor setzen sich in ihrem neu erschienenen Buch „Der Fall Argentinien“ intensiv mit dem historisch-ökonomischen Kontext der Krise des Jahres 2001 auseinander. Dafür wird die politisch-ökonomische Entwicklung Argentiniens im 19. und 20. Jahrhundert nachgezeichnet. Eine zentrale Bedeutung wird dabei dem Peronismus beigemessen, der zunächst als „populistische“ Demokratie für soziale Gerechtigkeit eintritt und später entgegen aller Versprechungen dem Neoliberalismus Einlass gewährt. Dabei wird Argentinien historisch als reicher Staat mit großer Armut und einem ständigen Wechsel zwischen (Re-)Demokratisierung und Diktatur beschrieben.
Der Schwerpunkt und auch die Stärke des Buches liegt in der Analyse des Zusammenhanges zwischen den neoliberalen Reformen und der schrittweisen öffentlichen Verarmung bis hin zum totalen Staatsbankrott 2001. Unterlegt mit stichhaltigem Zahlenmaterial werden die durch die Reformen verursachten sozialen Einschnitte dargestellt. Der Weg in die Krise wird dabei nicht als Zwangsläufigkeit verstanden, sondern als Resultat des „Mythos der Souveränität des Marktes“. Diesem Mythos erlegen hätten korrupte Regierungen aus unfähigen Politikern bis zum bitteren Ende die Empfehlungen des IWFs befolgt.
Die sozialen Bewegungen, die in Folge der Krise entstanden, werden von den beiden AutorInnen als vorübergehendes Phänomen beschrieben, dass aus dem Bündnis der „unteren Klassen“ mit einer verarmten Mittelsschicht entstand. Sozioökonomische Phänomene wie die Piquetero-Bewegung, Stadteilversammlungen, besetzte Betriebe, Tauschringe und KartonsammlerInnen wurden durch die Krise verstärkt oder als Überlebenspraxis hervorgerufen und entwickelten mit ihrer basisdemokratischen Praxis eine ungeheure soziale Kraft. Mit dem ökonomischen Aufschwung in den Nach-Krise-Jahren verloren sie jedoch einen Großteil ihrer Unterstützung. Dass es diesen sozialen Bewegungen nicht gelang, sich in einem Bündnis oder einer Partei zu vereinen, interpretieren Boris und Tittor als deren Schwachpunkt. Hingegen sei es dem seit 2003 amtierenden Präsidenten Kirchner gelungen, viele der Inititativen an seine Regierung zu binden und einen neuen Mitte-links-Peronismus zu etablieren. Dies wird von den AutorInnen positiv bewertet, jedoch kritisieren sie, Kirchner wende sich somit zwar gegen den Neoliberalismus, halte jedoch gleichzeitig den Status quo einer polarisierten Gesellschaft aufrecht.
„Der Fall Argentinien“ ist ein hervorragender Überblick über die Zusammenhäng der argentinischen Krise von 2001. Das Buch lässt sich leicht lesen und beleuchtet dennoch tiefgründig die ökonomischen Hintergründe der Entwicklungen. Auch jene, die über die in dieser Zeit erstarkten sozialen Bewegungen einen kurzen Überblick gewinnen wollen, werden fündig. Wer hingegen mehr über deren basisdemokratische Praktiken wissen möchte, muss sich anderweitig informieren.

Boris, Dieter; Tittor, Anne (2006): Der Fall Argentinien. Krise, soziale Bewegungen und Alternativen. VSA Verlag. Hamburg. 136 Seiten.

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