Musik | Nummer 619 - Januar 2026

Ob sich die Straßen an mich erinnern?

Die Nostalgie des Jetzt zieht sich durch das neue Album von Niña Lobo

Von Jara Frey-Schaaber

Ich habe noch nie das Morgengrauen in Montevideo erlebt. Während Eduardo Mateo und Fernando Cabrera, zwei der größten Liedermacher Uruguays in „Por Ejemplo“ („Zum Beispiel“) die Abende auf der Rambla besangen, stolpern die Wolfsmädchen – so die Übersetzung des Bandnamens Niña Lobo – dort in den anbrechenden Morgen.

„Montevideo wacht auf und ich schlafe ein“ heißt es in „Montevideo despierta“, mit dem die uruguayische Indie Band das gleichnamige Album eröffnet. Mit dem, wie sie selbst sagen, etwas prätentiösen Titel würdigen Niña Lobo, die Stadt, die für sie Heimat war oder geworden ist. Es war still geworden um die fünf Musikerinnen von Niña Lobo. Ihre ersten Veröffentlichungen, die EPs Niña Lobo und Migrar, liegen bereits sechs Jahre zurück. 2021 erschien das Debütalbum Lo que duró la vida de alguien („Was so lange wie das Leben dauerte“) – voller Referenzen auf Filme und Serien aus den 90ern und 00er Jahren. Das aktuelle Album Montevideo Despierta nährt sich nun aus feinen, leicht melancholischen Alltagsbetrachtungen. Die Stimme, die aus dem Album spricht, ist die gleiche wie zuvor, aber größer geworden und sie relativiert Erfahrungen, erklärt Sängerin und Gitarristin Camila Rodríguez im Gespräch mit dem Nachrichtenportal El Observador. „Ich bin aus den Neunzigern und will nicht 30 werden“ singt sie etwa in „Nuevo Balneario“ („Neuer Badeort“).

Zu dem sehr verträumt-akustischen „Llaves“ (Schlüssel) erklärt Rodríguez im Interview mit dem Onlineprogramm Cosas Dulces, dass es um die Nostalgie geht, die man für etwas hat, was man gerade erlebt. Über schwelgerische Melodien, wie in „Algo tiene que terminar“ („Irgendetwas muss aufhören“) und den großartigen Bass von Isabel Palomeque groovt die neue Schlagzeugerin Cecilia Simón. Hier und da wirken die Keyboards etwas zu dick aufgetragen, es passt aber auch zu einem Sound und einer Ästhetik, die den Kitsch nicht scheut, wie nicht zuletzt Songtitel wie „Llorando en el baño“ („Im Bad heulen“) beweisen. Aber mich berühren diese wundervoll-naiven Zeilen wie „Ich bin mir wenigem sicher, aber du gehörst ohne Frage dazu“ in „Flores Celestes“ („Himmelblaue Blumen“).


Die gleichzeitig melancholische, wie verträumt-nostalgische-bunte Stimmung ist wie eine lange Zugfahrt durch die Nacht oder wie an einem grauen Tag aufs Meer zu blicken und in Erinnerungen zu schwelgen. Diese feine Melancholie sei es, so Niña Lobo im Interview mit der Wochenzeitung Caras&Caretas, die sie in die Tradition uruguayischer Musik stellt. Und dass Montevideo eine Stadt voll Nostalgie ist. Dies lässt Montevideo Despierta spüren, auch wenn das Morgengrauen über der Rambla noch auf sich warten lässt.

Niña Lobo // Montevideo Despierta // 10 Songs // Oktober 2025


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