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Ode an die Hochkultur

Im Musikladen des Don Otto Roldán im Zentrum Bogotás taucht täglich ein bunte Fülle an Menschen auf, die auf der Suche sind nach Stücken von Händel, Mozart, Bach, Beethoven, Vivaldi, Tschaikowski und anderen Komponisten klassischer Musik. Zu den Kunden der Caja de Música zählen Punks, Schriftsteller, Mathematiker, eine keusche Philosophin, eine alleinerziehende Mutter mit schwer erziehbaren Kindern, Minirock tragende Blondinen, ein Freimaurer, ein Stierkampfkritiker, Politiker, ein Guerillaanführer und sogar der Autor Mauricio Botero selbst.
Alle sind einzigartig und für alle findet Don Otto auf sehr persönliche Art die passende Musik – sogar für eine Selbstmörderin. Dabei korrespondiert jede Lebenssituation seiner KundInnen mit einem Musikstück oder einem biografischen Fakt aus dem Leben eines Komponisten und kritisiert damit gleichzeitig die gesellschaftliche und politische Lage in Kolumbien.
In 31 Anekdoten werden die Begegnungen mit Menschen geschildert, die so facettenreich sind wie die Musik, die sie kaufen. Die Kompositionen werden mit Don Ottos einfühlsamen Beschreibungen begreifbar gemacht, und ermöglichen so den LeserInnen die Musik quasi poetisiert wahrzunehmen. Intelligent und geistreich setzt der Roman Musik und Gedanken über Gott und die Welt in Szene. In der Anekdote mit dem Titel Johann Sebastian Bach wird nacheinander über Homosexualität, Religion und Wohnungseinrichtungen diskutiert, um sich danach der Kritik an der Akademikersprache zu widmen. Daraufhin bemüht sich Don Otto seinen KundInnen „Bach mit Worten nahezubringen, was ungefähr so ist, als wolle man den Klang einer Träne zeichnen.“ In einer anderen Geschichte tritt ein „melophober“ Mensch auf – ein Mensch, der keine Musik erträgt. Damit verweist der Autor auf Beethoven, der trotz seiner späteren Taubheit „…uns in seinen Klängen eine Liebe hinterlassen hat, die gehört werden will“.
Die abwechslungsreichen Begegnungen Don Ottos mit seinen Kunden verpackt Mauricio Botero so in interessante, intelligente Anekdoten, unter denen sich die LeserInnen wie in der Musik ihre Lieblingsstücke heraussuchen können. Dabei überlässt Botero nichts dem Zufall; jede Geschichte verfolgt ihren eigenen Plan, sie gerät ins Schwärmen, Träumen, Sinnieren, Kritisieren oder Philosophieren und kann gelöst von den übrigen genossen werden.
Garantiert ist für jeden Geschmack etwas dabei. Don Ottos Klassikkabinett ist kein Roman zum Verschlingen, sondern mit einer Pralinenschachtel vergleichbar, die zum einzelnen Genießen vor dem ins Bettgehen einlädt: Quasi ein Roman für FeinschmeckerInnen. Anregend, intelligent, menschlich, poetisch und ein Muss für LiebhaberInnen klassischer Musik. Er bietet aber auch Anregungen für Laien, da der kolumbianische Autor in der Lage ist, anschaulich zu erklären, welche Gefühle die einzelnen Musikstücke beim Hören auslösen können.
Im spanischsprachigen Raum wurde der Roman bereits 2001 mit dem Premio Nacional de Cuento ausgezeichnet. Nun liegt dieses literarische Kleinod in einer rundum gelungenen deutschen Übersetzung vor, die der Unionsverlag mit einer liebevoll gestalteten Ausgabe krönt.

Mauricio Botero // Don Ottos Klassikkabinett // Unionsverlag // Berlin 2009 // 188 Seiten // 12,90 Euro (Hardcover)

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