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Offene Viererbeziehung im Sertão

Ist diese Frau zu beneiden? Drei Lebens- und Bettgefährten legt Darlene sich im Laufe von nur 94 Filmminuten zu. Nicht nur das: Die nicht gerade schöne, aber umwerfend lebenshungrige Brasilianerin bringt die Männer dazu, es miteinander unter einem Dach auszuhalten. Schicksalsergeben wartet jeder von ihnen, bis er mal wieder an der Reihe ist. Auch was die Erzeuger ihrer Nachkommenschaft angeht, setzt Darlene intuitiv auf Diversifizierung. Bei den vier Söhnen, denen sie das Leben schenkt, ist von blauäugig bis kaffeefarben so ziemlich jede Variante vertreten. In Darlenes Männer – der brasilianische Originaltitel lautet Eu tu eles (Ich du sie) – stellt Regisseur Adrucha Waddington mit trockener Ironie die klassische Geschlechterarithmetik auf den Kopf.

Unattraktive Männer

Zugegeben, zwei von Darlenes Männern sind so unattraktiv, dass viele andere Frauen sie wohl nicht mal geschenkt haben wollten. Die Spezialität ihres offiziellen Gatten Osias, eines grimmigen Sechzigjährigen, ist laut Darlene die Hängematte. Damit meint sie weniger seine Qualitäten als Ehemann, sondern vielmehr Osias’ Vorliebe, auf der schattigen Veranda abzuhängen und andere für sich arbeiten zu lassen. Sein Transistorradio im Arm, führt sich Osias dabei den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem Sertão und dem Rest Brasiliens zu Gemüte. Bereits als er Darlene seinen Heiratsantrag machte, gab er eine Kostprobe seiner bauernschlauen Überredungskünste: „Wenn du willst, gehört mein Haus dir. Bald wirst du alt sein, und noch dazu hast du den Jungen.“
Da ist Osias’ Cousin aus anderem Holz geschnitzt: Zezinho, von den ortsansässigen Alpha-Männchen als „alte Jungfer“ verspottet, lässt sich von Darlene zum Tanzen verführen, rettet ihre Wäsche vor dem Davontreiben im Fluss und liest Darlene auch sonst jeden Wunsch von den Augen ab. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis Darlene das vertrocknete Kerlchen auf ihren fruchtbaren Schoss zieht. Als kurz darauf Osias in seiner selbstherrlichen Blindheit vorschlägt, den Cousin unter ihrem Dach aufzunehmen, bahnt sich eine friedliche Koexistenz zu dritt an: Jeder tut, wonach ihm oder ihr zumute ist und übersieht, was nicht ins idyllische Panorama passt. Was macht es schon, dass Darlenes neugeborener Sohn die Augen von Zezinho hat und diesen Papa nennt, solange Osias zwei Leute hat, die für ihn schuften? Zumal Zezinho wesentlich besser kocht als Darlene. Die tobt sich lieber beim Zuckerrohrschneiden aus. Ausgerechnet dort trifft sie eines Tages Ciro, einen jungen Tagelöhner, der neu in der Gegend ist und noch kein Dach über dem Kopf hat …

„Teile und herrsche“

Das Geheimnis von Darlenes Macht? Eine saftige Portion taktischer Instinkt nach der Maxime „Teile und herrsche“. Und, was viel entscheidender ist: die unbekümmerte Lust an der Herausforderung des Schicksals, an der respektlosen Umdeutung der Spielregeln. Reizvoll und originell wird das schon oft variierte Filmthema „Offene Viererbeziehung“ durch den Ort und das Milieu. Darlene und ihre Männer leben nämlich nicht unter den Dächern von Paris, wo die Kamera verfolgen könnte, wie sie in langen Diskursen die Arithmetik der Geschlechter neu verhandeln. Sie sind auch keine New Yorker Stadtneurotiker, die im Notfall per Handy den Seelenklempner zu Hilfe rufen können. Und vor allem sind sie keine reichen Singles in einem Appartmenthaus an Rios Strand Ipanema, der Schauplatz eines ganzen Genres von brasilianischen Beziehungskomödien ist. Nein, Darlene und ihre Männer leben im Sertão, jenem kargen Hinterland im Nordosten, das in der kollektiven Mythologie der Brasilianer als Hort von Rückständigkeit und Mystizismus, krudem Machismo und archaischer Gewalttätigkeit gilt. Dort, wo die Regisseure des Cinema Novo seit Ende der Fünfziger die Kamera aufstellten, um der wortkargen Verzweiflung landloser Bauern eine Stimme zu geben. Wo der avantgardistische Regie-Berserker Glauber Rocha der von ihm propagierten „Ästhetik des Hungers“ Ausdruck verlieh, indem er ein Volk zwischen Revolte und religiösem Opium porträtierte. Auch in den Neunzigern, wo eine ganze Reihe neuer Sertão-Filme entstand, wurden in erster Linie die Geschichtsmythen von ausgehungerten Seelen, falschen Propheten und eruptiver Gewalt fortgeschrieben.

Eine wahre Geschichte?

Und nun eine Komödie aus dem Sertão! Klingt wie eine gut gemeinte Projektion. Dabei bezieht sich Regisseur Andrucha Waddington auf eine tatsächliche Geschichte. Die Idee zu dem Film sei ihm gekommen, als er eine Fernsehreportage über eine Frau sah, die seit zehn Jahren mit drei Männern unter einem Dach lebte: „Ich fand diese Geschichte sehr interessant, besonders weil hier das Gegenteil des Gängigen stattfindet. Es passiert in dieser Gegend nicht selten, dass ein ‘Sugar Daddy’ mit mehr als einer Frau zusammen lebt. Ich wollte aber herausfinden, wie eine Frau in dieser Macho-Kultur mit so einer Situation umgeht.“
Natürlich ist Darlene nicht irgendeine Frau. Waddington zeichnet sie als Vollblutweib, dessen Vitalität und sexuellem Appetit niemand so leicht widerstehen kann. Anders allerdings als Brasiliens Superstar Sonia Braga („Dona Flor und ihre beiden Ehemänner“, „Gabriela“, „Tieta“), die seit den Siebzigern fast zur Inkarnation solcher Rollen geworden ist, ist die Schauspielerin Regina Casé nicht gerade eine klassische Schönheit. Ihre Gesichtszüge sind so spröde und von feinen Linien durchzogen wie die staubigen Wege durch den Sertão, ihre Bewegungen eher bodenständig und zielstrebig als betont verführerisch. Auch die Erzählweise des Films ist schnörkellos und unspektakulär. Instinktsicher wählt die Kamera ihre Perspektiven, leuchtet die Außen- und Innenwelten der Figuren aus, ohne die Ärmlichkeit zu schönen oder in kruden Realismus zu verfallen. Auch hier setzt Waddington nicht auf Überhöhung oder Stilisierung, sondern auf atmosphärische Verdichtung. Wenn wir in einer Szene aus der Vogelperspektive Darlene und ihre Männer vor dem Haus stehen sehen, sagen allein schon ihre räumlichen Standpunkte mehr als tausend Worte über die Geometrie der Beziehungen aus.

Tritt in den Hintern

Zu erleben, wie diese im Laufe der Zeit immer wieder variiert, ist ein ziemliches Vergnügen. Auch wenn man als Zuschauerin manchmal Darlene einen Tritt in den Hintern geben möchte, damit die endlich ihre Söhne an die Hand nimmt und mit dem Mann, den sie liebt, das Weite sucht …

Eu tu eles. Regie: Andrucha Waddington. Brasilien 2000, Farbe, 94 Minuten. Der Film startet am 8. März 2001 in den Kinos.

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