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Oh wie schön ist Kuba

Cuba, que lindo es Cuba… Kuba, wie schön ist Kuba, fern von zuhause liebe ich Dich noch mehr.“ Im offenen Sightseeingbus schaukelt eine Gruppe von fünf alten Männern über die Towerbridge und singt davon, wie schön ihr Land ist. Die Vieja Trova Santiaguera ist im Mai 1997 auf Tournee in London und Sonia Herman Dolz hat sie mit der Kamera begleitet. Sechs Wochen filmte sie die Gruppe im Kreis ihrer Familien in Santiago de Cuba, sprach mit den Musikern über die Vergangenheit, die Veränderungen in ihrem Land, über ihr eigenes Leben. Entstanden sind schwarze Tränen – Lágrimas Negras, ein 75minütiger Dokumentarfilm über fünf kubanische Musiker, von denen vier um die 80 Jahre alt sind. Entlang der Vorbereitungen zur Tournee, der Stunden vor dem Konzert bis hin zum Bühnenauftritt spannt sich der rote Faden des Films. Dazwischen geschnitten sind Gespräche mit den Musikern, Impressionen aus Santiago und Sequenzen aus den Proben.
Bäcker, Zimmermann, Maurer, Schaffner, Bauer, verschiedenen Berufen gingen sie vor der Revolution nach, Musik machten sie nur nebenbei. „Wir spielten oft in den umliegenden Dörfern. An manchen Festtagen konnte man schon gut Geld verdienen. Morgens fuhren wir dann mit dem Bus nach hause, zogen uns um und gingen zur Arbeit. Ob Fidel die Musik möge, wird gefragt. „Warum nicht,“ kommt die Antwort, „wenn er sie nicht mag, hat er es bisher gut verborgen. Aber er mag sie. Schließlich ist dies die erste Regierung, die jemals den Musikern in Santiago geholfen hat.“
Nach der Revolution wurden sie aufgefordert, Sextette oder Quintette zu bilden und wurden Angestellte des Staates. Eine Kulturkommission beurteilte die musikalischen Fähigkeiten, danach wurde die Lohneinstufung vorgenommen. Die alten Troubadoure wissen um die Errungenschaften der Revolution und wem es gilt Respekt zu zollen: „Laßt uns die Mützen abnehmen, Jungs,“ sagt Frontmann Reinaldo Hierrezuelo am Grab von Karl Marx auf dem Londoner Friedhof Highgate, einem der überraschendsten Momente des Films.
Das Auge einer Kamera waren die Musiker bereits gewohnt. Vier Jahre zuvor wurde eigens für eine TV-Dokumentation über die Geschichte der kubanischen Musik ein Quintett formiert. So fanden Musiker und Instrumente zusammen, die Stimme des 80jährigen Reinaldo Creagh, das Tres des 72jährigen Reinaldo Hierrezuelo, der Kontrabass des 85jährigen Aristoteles Limoneta, die Maracas des 70jährigen Ricardo De Los Santos und die Gitarre des 67jährigen Manuel Galbán. Gedreht wurde in Santiago de Cuba, im Osten der Insel, der als Wiege des Son gilt. Im dortigen Café Casa de la Trova hörte ein Spanier die Gruppe und überredete sie zu Plattenaufnahmen. Mittlerweile liegen vier Platten vor. Bei der Aktuellen, La Manigua, sind drei Musiker der Anfangsformation und zwei Neue mit dabei.

Machos und Komiker

Der Filmemacherin Sonia Dolz gelingt es, die verschiedenen Charaktere der einzelnen Musiker ohne Kommentar und nur durch deren Aussagen, Gesten und Augenzwinkern darzustellen. Einfach herrlich, wenn die Tochter erzählt, sie müsse das ganze Hemd jetzt nochmal bügeln, weil eine winzige Falte darin sei, während Aristoteles Raimundo mit stoischer Mine im Lehnstuhl sitzt und auf das Hemd wartet. Einfach komisch, wenn Reinaldo Creagh vor dem Auftritt leicht panisch seine Fliege zum guten Anzug sucht und die dann partout nicht passen will. Und, und, und…
Und es geht selbstverständlich um Musik, um den Son, der die Lahmen wieder zum Laufen bringt: „Als ich 20 wurde / War ich auf einmal gelähmt / Ich war gelähmt vom Kopf bis zu den Zehenspitzen / Dann kam ein Wunderheiler und sagte / Ich werde dir gleich helfen zu gehen / Wirf den Stock und die Krücke weg / Du kannst den Son wieder tanzen…“, woraufhin Sänger Reinaldo Creagh in die Runde tritt, seinen Gehstock in die Ecke pfeffert, sich in den Hüften wiegt und sich aufreizend in den Schritt greift.
Sicher, die Herren profitieren vom Charme ihres Alters. Und sie sind bei weitem nicht die älteste Gruppe aus Kuba, die auf Tournee geht und vermarktet wird. Aber wie sagen Sie über sich selbst: „Somos como el cirio, que al morir, echa un último chispaso. Wir sind wie eine Kerze, die bevor sie erlischt, ein letztes Mal erstrahlt.“

„Lágrimas Negras – Schwarze Tränen“, Niederlande 1997, 75min, OmU, von Sonia Herman Dolz.

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