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Ohne das Land sind wir keine Menschen mehr

Der Raum ist spärlich eingerichtet: Ein Tisch, die Stühle, ein Herd und der eiserne Holz–ofen mit einem Kessel, in dem immer heißes Wasser blubbert. Rosario, die Frau des Hauses, serviert frische sopaipillas – runde, frittierte Teigfladen aus gelbem Kürbisteig. Dazu reicht sie den Becher mit Mate-Tee in die Runde — wie schon ihre Vorfahren, die am Feuer bei Mate-Tee ihre Geschichten erzählten und ihre Probleme beratschlagten. In einer sauberen Plastikhülle über dem Herd hängt wie eine Mahnung der Brief, der seit Wochen das Gesprächsthema in diesem Haus ist. Rosario liest mit ernster Miene einige Passagen daraus vor. Er kündigt die zwangsmäßige Vermessung ihres Landes an, um eine Entschädigungssumme zur Enteignung festzusetzen.
Denn das Haus der Familie Huenteao und anderer Pehuenche-Familien liegt im Überflutungsgebiet eines gewaltigen Staudammprojekts am Oberlauf des Bío-Bío Flusses im Süden Chiles – dem traditionellen Territorium der Mapuche-Pehuenche. Zwei von insgesamt nur noch sieben verbleibenden Pehuenche-Gemeinden in Chile sind vom Bau des Ralco-Staudammes direkt betroffen, 630 Hektar dieser Gemeinden würden durch den Bau des Dammes überflutet, über 80 Familien wurden bereits umgesiedelt. Die Betreiberfirma Endesa plant, die Bauarbeiten bis Dezember 2003 abzuschließen und den Staudamm Mitte des darauf folgenden Jahres in Betrieb zu nehmen.

LKWs gegen Erinnerungen

Sieben Familien sind es, die sich noch im–mer gegen eine Stauung des Bío-Bío wehren und auf ihrem Land bleiben wollen – sieben Familien gegen ein 500-Millionen-Dollar-Projekt. Für Rosario Huenteao bleibt die Sache dennoch klar, sie wird weiter in ihrem Haus sopaipillas backen und um ihr Recht kämpfen. Das Land ihrer Vorfahren zu verlassen, steht für sie und für die anderen Familien nicht zur Debatte: „Ohne das Land sind wir keine Menschen mehr, wir werden nie gehen – niemals“. „Nur tot“, fügt sie bestimmt hinzu.
Einige Kilometer flussabwärts: Vorbeidonnernde LKWs, dröhnende Baumaschinen, Zementfabriken und Dutzende Blechhütten am Straßenrand für die Arbeiter und Zulieferfirmen. Die Konstruktionsarbeiten am Staudamm haben vor Jahren begonnen und sind schon weit fortgeschritten – die Staumauer wächst täglich um 30 Zentimeter. Das Tal des wilden Bío-Bío Flusses hat im Gebiet des geplanten Stausees seine Ursprünglichkeit gänzlich verloren – sieben Tage in der Woche wird hier gearbeitet.
„Realistisch betrachtet wird es schwierig sein, den Bau noch zu stoppen, aber nicht unmöglich“, sagt Sara Imilmaqui. Sie kämpft seit 1997 zusammen mit den betroffenen Familien in der Organisation „Mapu Domuche Newen“ – „Frauen mit der Kraft der Erde“ gegen das Megaprojekt.
Die Frauen sind Wortführerinnen bei diesem Widerstand. Weil sie ihre Herkunft und die Tradition im Herzen stärker spüren würden, als die Männer, wie Sara meint.

Was sagt Herr Lagos?

Die Tradition der Pehuenche, ihre Kultur und die Zeugnisse ihrer Geschichte sind durch den Staudamm akut bedroht. „Mit der Über flutung würden nicht nur die Friedhöfe verschwinden, sondern auch zeremonielle Orte für das Nguillatún-Ritual und heilige Symbole wie der Stein der Machi, die seit Jahrhunderten respektiert wurden“, erklärt Sara. „Dieser Kampf ist ein Kampf aus dem Innern – aus der Erinnerung und aus dem Herzen. Wir haben so viel verloren und müssen kämpfen, um das, was wir noch haben, nicht auch noch zu verlieren“. Für sie steht Ralco als ein Beispiel, wie Regierungen in Lateinamerika mit indianischer Bevölkerung umgehen: „Wenn die chilenische Regierung eine korrekte Regierung wäre, müsste der Bau gestoppt werden“.
Doch die Interessen hinter dem Bau sind knallhart. Chiles Präsident Ricardo Lagos lässt kaum Zweifel am Kurs der Regierung, für ihn bedeutet ein „Nein“ zu Ralco eine unpopuläre Steigerung des Elektrizitätspreises.
Die Betreiberfirma Endesa, in den letzten Jahren der Pinochet-Diktatur privatisiert und heute mehrheitlich von der gleichnamigen spanischen Elektrizitätsfirma Endesa kontrolliert, rechtfertigt Ralco durch den jährlich steigenden Strombedarf der Chilenen. Ralco ist der Zweite und der größte von insgesamt sieben geplanten Staudämmen im Oberlauf des Bío-Bío.
Der erste, Pangue, liegt 30 Kilometer weiter flussabwärts und wurde vor fünf Jahren in Betrieb genommen. Nach Aussagen Endesas sind diese Staudämme unerlässlich, um Chiles Autonomie im Energiesektor für die Zukunft weiterhin gewährleisten zu können.

Kampf um Gesetze

Der Widerstandswille der Mapu–che, der über 300 Jahre lang die Spanier aus ihrem Territorium fern gehalten hat, zeigt sich heute in einem neuen Kleid. Die Waffen sind andere als damals, als der Bío-Bío die anerkannte Grenze zwischen dem spanischen Kolonialreich und dem Gebiet der Mapu–che war. Die Schlacht, die heute am selben symbolträchtigen Fluss geschlagen wird, wird nicht mit Bola und Lanze ausgetragen, sondern mit der Berufung auf die Menschenrechte und mit der Unterstützung internationaler Organisationen. Doch der langjährige Kampf der Frauen und ihrer Familien gegen das täglich wachsende Megaprojekt geht in die letzte Runde, die Möglichkeiten des Widerstandes werden immer geringer.
Roberto Celedón, Rechtsanwalt in Santiago de Chile, setzt sich auf nationaler und internationaler Ebene für die Rechte der Familien von Ralco ein. Sein Ton bleibt diplomatisch zurückhaltend, aber an seiner Position läßt er keinen Zweifel. Den Streit um das Megaprojekt sieht er als einen Test für die Regierung: „Wenn Ralco realisiert würde, wäre das ein sehr schlechtes Signal für alle indigenen Völker in Chile“. Und das, obwohl sich der chilenische Staat zu einer neuen Haltung gegenüber den indigenen Gruppen verpflichtet habe. Das 1993 verabschiedete chilenische Ureinwohnergesetz besagt, dass indianische Ländereien unter keinen Umständen an Nicht-Indianer verkauft werden können und nur unter „spontaner Freiwilligkeit“ der Familien gegen andere eingetauscht werden können.Nach diesem Gesetzestext ist die Lage klar: Von einer solchen Freiwilligkeit kann bei den widerständigen Familien kaum die Rede sein, ihr Land steht daher de jure zum Tausch oder Verkauf nicht zur Verfügung. Die Strategie von Endesa ist daher eine andere. Die Firma beruft sich auf ihre definitive Konzession für die Energieerzeugung am Oberlauf des Bío-Bío. „Nach dem Stromgesetz kann Endesa durch diese definitive Konzession Nutzungsrechte zur Überflutung auf das Land der Familien erzwingen“, erklärt Celedón die Lage. Das Ureinwohnergesetz wird dadurch umgangen, ein Tausch des Landes findet nicht statt. „Das kann man nicht mehr Nutzungsrecht nennen, das ist eine eindeutige Enteignung“, befindet Celedón.
Er und seine Kollegen sind daher vor das Berufungsgericht in Santiago gezogen. Das Ergebnis wurde vom Obersten Gerichtshof bestätigt: Endesa muss alle Gesetzgebungen respektieren, also auch das Ureinwohnergesetz. Trotz allem wurde im April dieses Jahres vom Wirtschaftsministerium ein Ausschuss mit dem Namen „Comisión de Hombres Buenos“ (Kommission der guten Männer) ein berufen, der im Oktober die Länder der sieben verbliebenen Pe–huenche-Familien für eine Zwangsentschädigung vor Ort vermessen sollte. Das wurde von Indianerorganisationen und den Familien selbst verhindert, den „guten Männern“ wurde der Zugang verwehrt und die Vermessung musste aus der Luft vorgenommen werden.
„Ralco zeigt, dass in Chile noch immer die wirtschaftlichen Interessen vor den Interessen indigener Völkern Vorrang haben und das darf nicht angehen“, sagt Celedón. „Wir sind heute so weit, dass wir beschlossen haben, vor die interamerikanische Kommission der Menschenrechte zu ziehen, die Klage wird Ende November eingereicht.” Eine Entscheidung dieser autonomen Kommission der Organisation Amerikanischer Staaten zu Gunsten der Pehuenche-Familien würde die Regierung verpflichten, entsprechende Maßnahmen gegen das Megaprojekt am Bío-Bío einzuleiten.

Enttäuschte Hoffnungen

„Wir sind seit drei Jahren hier in El Huachi“. José Dolores Gallina stützt die ineinander gefalteten Hände auf dem Tisch ab. Er und seine Familie haben ihr Haus am Fluss verlassen. Das neue Haus ist größer, die wenigen Möbel der Familie reichen nicht aus, um es auszufüllen. Im Tausch gegen die alten Ländereien in der Über–flutungszone hat Endesa den ver–handlungswilligen Familien neue Häuser und größere Felder angeboten. „Endesa hat nicht alles gehalten, was versprochen wurde“, beklagt José. „Anfangs hieß es, dass wir Strom und Wasser nicht zu bezahlen brauchten und jetzt müssen wir alles zahlen“. Den genauen Inhalt dessen, was er in dem Vertrag mit Endesa unterschrieben hat, kennt er nicht. „Wir haben hier alle die Befürchtung, dass wir nicht die rechtmäßigen Eigentümer des Landes sind. Vielleicht setzen sie uns ja nach zehn Jahren auf die Straße“.
Es wird kritisiert, dass bei den Vertragsunterzeichnungen der Fa–milien nicht alles mit rechten Dingen zuging. Obwohl Verträge zum Tausch indigener Ländereien laut Gesetz auf der Basis von Freiwilligkeit unterschrieben werden müssen, war dies oft nicht der Fall. Celedón bestätigt das: „Es gab einen brutalen Druck auf die indianischen Familien, damit diese die Verträge für den Tausch unterschreiben würden“. José Dolores ist verzweifelt: „Uns geht es schlecht hier auf dem neuen Land und zurück können wir auch nicht. Da wo unser Haus stand, ist jetzt alles voller Baumaschinen“.
Berta Quintremán ist die Älteste in diesem Kampf der Frauen und ihrer Familien. Mit 72 Jahren lebt sie allein in ihren zwei Holzhütten. Dahinter bestellt sie die Felder, arbeitet auf ihren Beeten und kümmert sich um die Hühner. In ihrer bunten Tracht sitzt sie an der Feuerstelle im fogón, der Hütte, die nur zum Kochen und zum Tratsch am Feuer dient. Die Entschlossenheit steht ihr ins Gesicht geschrieben, was sie verteidigt ist ihr heilig – es ist die Tradition ihres Volkes und die Welt ihrer Vorfahren, die sie im Herzen trägt. Wie die meisten alten Leute ist sie ihrer Kultur noch viel stärker verbunden, als die junge Generation.
„Ich bin sehr stark“, verkündet sie mit lauten Worten und man glaubt es ihr allein durch ihre Gestik. „Mein Mapu Ñuke, der da oben ist, gibt mir Kraft und daher werde ich bis zum letzten Punkt kämpfen. Nicht die Spanier, sondern Er hat das Wasser geschaffen und Er hat uns das Land gegeben“. Sie schlägt die Faust in die offene Hand. „Wie können die Spanier, die aus einem anderen Land kommen, hier bei uns diesen Schaden anrichten? Warum richten sie ihn nicht dort an, wo sie herkommen?“, sagt sie mit erregter Stimme, „am liebsten hätte ich, dass sie alle sterben“.
Sie bleibt allein zurück an der Feuerstelle im fogón. Draußen rattern die Baumaschinen und ihre Besitzer scheren sich nicht um das Weltbild der Menschen, in deren Lebensraum sie eingedrungen sind.

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