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Onettis Erben

Ist es wichtig zu wissen, auf welchen Voraussetzungen ein literarisches Werk beruht? Letzten Endes natürlich nicht. Wenn uns ein Buch berührt und interessiert, ist es zweitrangig, wie der Autor, die Autorin auf den Stoff gekommen ist und welche Vorbilder der Stil hat. Und trotzdem gibt es beim Nachdenken über Literatur kaum eine Frage, die so oft gestellt, so akribisch erforscht und so polemisch debattiert wird wie jene, woher er oder sie „das hat“.
Eine literarische Gruppe, die im Berliner Literaturhaus Lettrétage angesiedelt ist, hat diese Frage einmal umgestülpt. Sie hat vier Erzählungen des Uruguayers Juan Carlos Onetti gelesen und eigene Texte geschrieben, die ganz offensichtlich aus dessen Erzählungen herauswachsen. 2009 kam der erste Band heraus, Covering Onetti, nun liegt auch ein zweiter vor, der noch eins drauflegt. Aber der Reihe nach.
Zum 100. Geburtstag von Juan Carlos Onetti im Jahre 2009 ist viel unternommen worden: Der Suhrkamp Verlag hat eine fünfbändige Werkausgabe begonnen, Mario Vargas Llosa einen großen Essay veröffentlicht und zusammen mit Daniel Kehlmann führte er ein denkwürdiges Gespräch über Onetti genau an dessen Geburtstag. Der Jubilar selbst hätte all das vermutlich als gebührende Selbstverständlichkeit betrachtet und sich stattdessen dem Projekt der Lettrétage zugewandt.
Onettis berühmtem Ratschlag „Klaut, wenn nötig“ folgen die Beiträge in Covering Onetti nach allen Regeln der Kunst. Die ausgewählten Erzählungen bieten sich dafür auch bestens an: „Montaigne“, „Die Araukarie“, „Dasein“ und „Das gefürchtete Inferno“ – alle stammen aus dem Band Willkommen, Bob – zeigen Onetti als großen Meister der erzählerischen Komposition, der beiläufigen, aber entscheidenden Anspielung, des provokativen Spiels mit Moral und Abscheu. Onetti reißt gerade dadurch mit, dass er so kühl und sperrig schreibt; kein Wunder, dass das die Heutigen auf- und anregt.
Für den Band Covering Onetti, die erste Stufe des Projekts, haben sich die Autorinnen und Autoren auf jeweils eine der Onetti-Erzählungen bezogen und diese, meist recht eindeutig erkennbar, in eigene Texte eingespeist. Während anderswo Plagiate als Delikt gejagt werden, sind sie hier Prinzip, von einzelnen Sätzen über Motive bis hin zu Personenkonstellationen und Details der Handlung. Müßig, einzelne Beiträge herauszugreifen: so viel Eigenständigkeit bei doch gemeinsamer Versuchsanordnung hat man selten zwischen zwei Buchdeckeln beisammen.
Der neue Band, Re-covered, führt den Gedanken insofern weiter, als dass sich die Texte auch auf die in Covering Onetti erschienenen Originalbeiträge beziehen. Immerhin ist noch vermerkt, welcher der Texte zugrunde liegt; die Erzählungen von Luise Boege, „Ich bin Luise“, sowie von Nora Bossong, „Rosa“, haben offenbar besonders viel Resonanz erzeugt. Im Grunde genommen aber, und das ist das Paradoxe, zeigt dieser zweite Band eindrücklich, wie wenig sich ein eigenständiger literarischer Text letztlich doch auf einen oder zwei andere zurückführen lässt.
Dieses Verdienst ist nicht zu unterschätzen. Es geht hier nicht um Massenware, die sowieso immer denselben Mustern folgt, immer auf dieselbe Weise beworben wird und immer dieselben Bedürfnisse befriedigt. Das „Cover“-Projekt führt vor Augen, was eigentlich alle wissen: Wer schreibt, tut das nicht voraussetzungslos. Und es ermuntert gerade dadurch, über diese Frage frisch hinwegzusteigen und sich mit aller Konsequenz dem einzelnen Text zuzuwenden.

Katharina Deloglu und Moritz Malsch (Hrsg.) // Covering Onetti // Verlag Lettrétage // Berlin 2009 // 209 Seiten // 10 Euro // http://lettretage.de/Lettretagebuch/tag/covering-onetti

Carolin Beutel (Hrsg.) // Re-covered. Neue deutsch-sprachige Prosa // Verlag Lettrétage // Berlin 2013 // 179 Seiten // 10 Euro //http://lettretage.de/Lettreatretagebuch/re-covered

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